Die Hush Puppies singen mit Razorlight im Chor und Soffy O flüstert dazu: I'm from Barcelona

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Hush Puppies – The Trap (Faith Records) Manchmal hat man ja so fixe Ideen und will damit der ganzen Welt unbedingt sofort auf die Nerven gehen. Meine heute: unbedingt in einem Indie-Club den Angus Young-Tanz auf dem Boden liegend aufführen. Dafür bräuchte ich aber noch die passende Musik. Zum Glück gibt es Franzosen. Die Hush Puppies sind sechs Mod-Gestalten aus Perpignan, die Sixties-Garage-Rock-Pop spielen. Das ist schön, das hört man gerne auf der Tanzfläche, während man sich an der Bar anstellt, um ein Glas Grenadine-Pfirsich-Wodka-Mischgetränk zu bestellen. Weil man das dann aber nicht aussprechen kann, wird es mal wieder nur ein Bier und währenddessen singen die Hush Puppies sehr zwingend „You’re Gonna Say Yeah!“ und alles ist mal wieder total super in diesem Freitag-Abend-Club. Am Ende ist man ein bisschen verliebt, vielleicht in den DJ, vielleicht in den hübschen Ausdruckstänzer oder vielleicht auch in die Hush Puppies: Ein Wahnsinns-Basslauf am Anfang, dann kommt das Schlagzeug mit Schmackes und der Sänger fällt ein, man sucht nach französischem Akzent, wird fündig und freut sich ein bisschen, dann drückt man das Bier in die Hand der Freundin, hüpft auf die Tanzfläche und singt falsch den Refrain mit, obwohl der ziemlich einfach ist: „You’re Gonna Say Yeah! You’re Gonna Say Yeah! You’re Gonna Say!” und nochmal von vorne. Anschließend wirft man sich auf den Boden und robbt um die eigene Achse im Kreis herum – ein spitzen-Abend mit spitzen-Songs.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Razorlight – Razorlight (Mercury Records) Ein Geheimtipp ist das jetzt ja nicht, aber für alle, die nicht so gerne Musik hören, sondern lieber Schopenhauer in der Bibliothek studieren, noch mal zum Mitschreiben: „Razorlight“ ist eine Platte, die ziemlich viel über den momentanen Zustand der jungen, hippen Pop- und Rockmusik sagt: super-catchy Songs, hübsch gesungen, enorm tanzbar und wer dieses Album wie zufällig auf den von American Spirit-Zigaretten-Asche verkrümelten WG-Küchentisch legt, hat schon mal die erste Runde im Hipness-Wettstreit gewonnen. Razorlight sind vier junge Herren, drei davon super-hübsch, zwei aus Schweden und einer mit Glatze. Schon wieder muss man das Tanzbein schwingen, man wird möglicherweise noch total sportlich – ekelhafte Vorstellung. Deshalb also: hinsetzen und das Album konzentriert anhören. Der Opener „In The Morning“ hat eine glamouröse Geschichte: ursprünglich war das eine Auftragsarbeit für den Dior-Designer Hedi Slimane. Aber weil das 22-Minuten-Stück so schön war, haben sie es auf 3,5 Minuten zusammengeschmolzen und daraus eine herausragende Single gemacht. Singen können sie, verschieden Songstrukturen gut durchhalten und sogar ein wenig Soul in ihre Britpopper-Hymnen bringen. „America“ hat das Zeug zur Minuten-Generationen-Hymne. Ja super. Danke. Hier kannst du in das Album reinhören und Videos anschauen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Soffy O – The Beauty Of It (Virgin) Eine ganze Dancefloor-Platte nur über die verschiedenen Stadien von Beziehungen, ist ordentlich mutig. Soffy O macht das einfach, dreht ihre Fußspitzen zusammen, obwohl ihr das die Eltern sicher früher verboten haben, und singt über diese Momente, die jeder kennt, aber nicht unbedingt vertonen würde: über das Gefühl, dass man sich jetzt gleich zum Superdeppen machen wird, weil man den Typen anruft, der sich einfach nicht mehr meldet. Oder den Moment in dem man erkennt, dass man sich mit dem Geliebten nicht mehr auf einer Welle bewegt. Unterlegt ist das ganze mit einem Beat, viel Hi Hat-Geschnurre und ordentlich Bass. Manchmal nervt die sehr naiv-jugendliche Stimme von Soffy O ein bisschen, manchmal findet man sie wunderbar. Soffy O ist Schwedin, lebt aber, wie ein ganzes Rudel anderer Skandinavier, schon lange in Berlin. Dort wurde sie mit dem kanadischen Musikerzirkel um Peaches, Gonzales und Mocky bekannt gemacht, der auch ihr aktuelles Album komplett durchproduziert hat. Mit am besten funktioniert das Konzept bei „Everybody’s Darling: unterlegt mit einem furchtbar altmodischen Rhythmus und einem Chor, passt ihre Stimme hervorragend zum Beat und man möchte sofort einen Tanzkurs in Cha Cha Cha belegen. Ähnlich schick auch „I Never Know“: ein Lied über die Peinlichkeiten, die man im Namen der Liebe begeht. Von einer reizenden Klavier-Hook begleitet erzählt Soffy O von den Situationen, für die man sich später im Bett so schämt, dass man noch im Dunkeln ganz rot anläuft.

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Illustration: Julia Schubert

I’m from Barcelona – Let Me Introduve My Friends (Virgin Records) Bevor wir zur herzzerreißend schönen Geschichte dieser Band kommen, die aus insgesamt 29 Personen besteht, schnell noch etwas zu dem ersten Song „Oversleeping“: Hat der Mann doch verschlafen. Aber er weiß: Wenn er ganz schnell aus dem Bett springt, das mit dem Anziehen weglässt und statt dessen losrennt, nichts isst, nicht noch mal die Snooze-Taste drückt, dann, ja dann könnte er es eventuell doch noch schaffen, pünktlich zu kommen. Ach! Man möchte eigentlich von jetzt an nur noch Lieder übers Verschlafen hören. Vielleicht. Jetzt aber zu der Geschichte. Die geht nämlich so: Ein frisch verliebter Emanuel Lundgren sitzt so rum, schreibt in Windeseile (wg. Verliebtheits-Anfall) ein paar Songs, ruft (ebenfalls wg. Verliebtheits-Superkraft) seine Freunde an und nimmt mit denen innerhalb kürzester Zeit alle Lieder auf. Dann noch schnell einen komischen Bandnamen ausgedacht, der entfernt mit einer Fernseh-Show zu tun hat, und alles wieder einmotten. Aber denkste. Denn „I’m from Barcelona“ konnte nicht einfach so aufhören. Dafür war die Geschichte zu nett und die Fans zu beharrlich. Also wurde eine EP gemacht, jetzt eine ganze Platte. Der FC Barcelona hat sich „We’re from Barcelona“ als Hymne ausgesucht und in Bloggerland sind eh alle ganz verrückt nach dieser wunderschönen Hippie-Geschichte. Und zu recht. Denn diese Platte macht so friedlich und fröhlich und sommergut gelaunt, dass man die Prozac-Packungen, die man sich mühevoll bei befreundeten Pharmazie-Studentinnen zusammengesammelt hat, gleich die Toilette runterspülen will.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

KLEZ.E – flimmern (Loobmusik) „Hellgelb“ ist überhaupt das schönste Lied dieser an Schönheiten nicht armen Platte. KLEZ.Es Musik klingt immer ein bisschen nach Konzept und Gedankenschwere. Immer wieder gibt es in diesen Liedern Melodie-Girlanden, die sich minutenlang um einen einzigen Beat winden, dann fängt Sänger und Mastermind Tobias Siebert an, mit seiner ein bisschen jungenhaften Stimme sehr komplizierte Texte zu singen, die jeder Art der Interpretation voll hermeneutisch verschlossen bleiben. Oder so. Aber das funktioniert. Hier. Diesmal. Weil man KLEZ.E anhört, dass sie ihre Popschul-Aufgaben gemacht haben. Dass sie so klingen, wie sie auch klingen wollen: ein bisschen Mitte der 90er Jahre-retro. Aber das ist ja überhaupt kein Grund, sich zu schämen. Wer The Notwist mag, wird Klez.e nicht die Tür vor der Nase zuschlagen. Und das Cover, also mal ehrlich, ist das Schönste, das ich je gesehen habe.

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Illustration: Julia Schubert

Sugarplum Fairy – First Round First Minute (Universal) Schweden, Schweden, Popeden. Jetzt werde ich aber schön langsam ein bisschen sauer auf dieses Land. Alles schön, alle cool, reich und gutaussehend noch dazu. Von Musikalität und Schnellspielvermögen ganz zu schweigen. Sugarplum Fairy sind eine Synthese aus Beatles, Oasis und ein bisschen Dreck unter den Fingernägeln. Sie können alles, was für eine Band, die es in mittelgroße Hallen von Großstädten schaffen will, von Nöten ist: sehr schicke schnelle Songs, Lieder über Mädchen, mehrstimmiger Gesang und (natürlich) Herkunft aus Schweden. Ach, man wollte so sein wie sie, wenn man nicht wüsste, dass es dann vermutlich gar nicht so toll wäre. Und dass man ja eigentlich auch ganz gerne auf dem Bett liegt und im Bauchnabel rumkramt. Sugarplum Fairy werden vermutlich dagegen das nächste halbe Jahr damit verbringen, in Interviews ihre Beziehung zu den Kollegen von Mando Diao zu erklären und auf ihre Einzigartigkeit hinweisen, Schnarch, Rapüh. Also: Neid wieder wegpacken und endlich mal wieder das Kinderzimmer aufräumen. Die CD behalten oder einem Freund zur Geburtstagsparty mitbringen, der freut sich bestimmt und muss dabei nicht mal so tun als ob. Auf ihrer Webseite kannst du unter anderem das nettes Berlin-Touristen-Video zu „She“ anschauen. The Isles – Perfumed Land (melodic) Das sind The Isles: Vier New Yorker Lederjackenträger, die sich anhören, als hätten sie ein wenig zu lange vor dem Morissey-Altar rumgelungert. Sehr englisch, sehr weltschmerzig, sehr grau. Aber gar nicht mal schlecht, man möchte dem Sänger nur gerne mal mit dem Pfeifenreiniger die Kehle von Belägen reinigen. Collectors Series Pt.1 – The Modernist – Popular Songs (Faith Recordings) The Modernist, Kölner Produzenten-Urgestein Jörg Burger, eröffnet hier eine neue Serie, die sich in der Tradition von DJ Kicks versteht. Soll hier heißen: Berufene und gerufene DJs und Produzenten entstauben ihre Plattensammlung und basteln einen CD-langen Mix, der dann aufwändig von einem Designer designt wird und auf Privatpartys für Faule durchgespielt wird. Hier sind unter anderem Stücke von DJ Koze und Erlend Oye verwendet. Wenn man das mag, kann man das kaufen. Ab jetzt. Kolkhorst – Wir Sind Grösser (Tapete Records) Kai-Uwe ist mein Lieblings-Männer-Name. So heißt Herr Kolkhorst und deshalb möchte ich ihn fürchterlich gerne haben. Aber das mit der Sympathie vergeht dann ganz schnell wieder, wenn man den Liedern zuhört. Die sind mit viel Synthie-Geblubbere unterlegt und inhaltlich von ähnlicher Qualität wie ein Gespräch mit einem betrunkenen Philosophie-Studenten im ersten Semester. Goldenhorse – Goldenhorse (7hz Recordings) Neuseeländer machen Stadionrock. Egal. Massendefekt – Land in Sicht (Goldene Zeiten) Pop-Rock-Punk-Party-Gesinge auf deutsch. Nur zwei Randbemerkungen: entdeckt von einem Tote Hosen-Mitglied und ein Duett mit Mickie Krause. Ron Flieger – Anders Wohl Kaum (Dienje) Ein ehemaliger Medizinstudent, der seinen Umzug von Essen nach München als künstlerische Umbruchphase betrachtet und auf deutsch singt: super-süß, super-unsexy. Alexisonfire – Crisis (Defiance) Uff, da erschrickt man ja, wenn man ganz ohne Arg und Not die CD einschaltet. Voll wüste Jungs schreien voll wüst rum und hauen auf das Schlagzeug ein. Super, wenn man mal wieder alte Jugendzentrums-Zeiten hochleben lassen will. Joycehotel – Limits (Make My Day Records) Dänen! Eine schöne Abwechslung in dieser Schweden-Themen-Woche. Das hier ist ihr zweites Album und da klingen sie ein wenig nach Radiohead, ein bisschen nach Alternative Rock, ganz nett eigentlich. Nur ein bisschen düster, aber die Dänen haben ja auch wenig zu lachen mit ihren Superstreber-Nachbarländern. Orson – Bright Idea (Mercury Records) Schon wieder so eine Internet-Band. Diesmal aus Hollywood. Den Namen haben sie sich von Orson Welles geklaut und die Lieder haben sie sich zusammengesucht aus ELO, ein paar Broadway-Melodien und herausgekommen sind so perfekte Pop-Liedchen, dass der größte Langweiler aller Zeiten, Robbie Williams sie jetzt mit auf Tour nimmt. Oder so. Egal. Außerdem erscheinen diese Woche: The Lilys – Everything Wrong Is Imaginary Tapes 'N Tapes – The Loon (XL Recordings) Motörhead - Kiss Of Death (Steamhammer) The Fine Arts Showcase - Radiola (Stickman) Console - Mono (Disko B) Porcupine Tree - Stupid Dream (Snapper) The Kooks - Naive (EP) (Virgin)

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