Die Lieder der Woche: Bright Eyes, Modest Mouse, CocoRosie...

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Lied: “Cleanse Song” von Bright Eyes Ausgesucht weil: Präsentiert mustergültig den neuen Conor Oberst – geradlinig, unweinerlich, schön. Ausgesucht von: Cassadaga (Polydor)

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Illustration: Julia Schubert

Indiewelts liebster Jung-Emotionalist hat sich wieder nur kurz die Haare gerauft und schon klebten 13 neue schöne Bright-Eyes-Lieder an den Fingern von Conor Oberst. Weil das ewige Conor-Oberst-Loben allmählich auf den Keks geht, wollen wir es bei der Bemerkung belassen, dass das wieder alles ganz hervorragend gelungen ist und man mit dieser Platte monatelang angenehm umsorgt sein dürfte. Interessanter als Gutfinden ist die tatsächliche Adoleszenz des Conor, die sich an dieser Platte ganz gut aushorchen lässt. Die absolute Weltgeborstenheit, das überfragile Düstergemüt seiner bisherigen Arbeit sind hier über weite Strecken einer ganz soliden Zuversicht gewichen. Die erstarkte Vorliebe für Countrystrukturen mit Prärie-Geigen, das ruhige Geradeaus-Absingen von vortrefflichen Geschichten, das gemäßigt Orchestrale, die konstante Stimmlage – all das vermittelt den Eindruck als wäre die Sturm&Drang-Phase des Ausnahmetalents einem milderen Musizieren gewichen, die Rasierklingen gewissermaßen weggepackt. Oder: Bright Eyes kann jetzt auch die kleine Schwester ruhig mithören. Der ausgewählte Track ist ein gutes Beispiel dafür: schön und schön ungefährlich. Freilich blitzt schon im nächsten Lied wieder das Abgründige durch Obersts-Stimme, es darf aber nicht mehr so quer durchs Bild radeln wie früher. Stattdessen ist jedes Lied, äh, fast herrlich harmonisch. „Astreines Hit-Album“ sagen Optimisten, „etwas arg geschliffen“ sagt die Gegenseite. Wie auch immer: Conor Oberst wird seinen 30. Geburtstag erleben, das ist nach diesem Album sicher. Lied: „Fire it up“ von Modest Mouse Ausgesucht weil: Großer, mitreißender Song für Menschen mit großen Ohren. Ausgesucht von: „We Were Dead Before The Ship Even Sank“ (Red Ink)

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Illustration: Julia Schubert

Alben der Washingtoner Band Modest Mouse sind, auch in einem guten Veröffentlichungsjahr wie diesem, Burgberge die aus allem hervorragen. Genau wie eine Burg auf einem Berg sind sie auch schwer zu nehmen, da macht dieses Werk keine Ausnahme. Immer sind die Türen woanders als beim alten Album, die Mauern immer dicker und höher, aber der Modest Mouse-Kenner weiß eben auch: Die Burgfräuleins, die drinnen warten sind totale Hotstepper und wer erstmal drin ist verknallt sich hundertpro in eine. Genug metaphiert: Die neue Modest Mouse ist sehr schön, sie bietet viel und verlangt doch verhältnismäßig wenig Voraussetzungen: eine mittelgroße Plattensammlung, eine eher unterdurchschnittlich ausgeprägte Lebensfreude, eine durchgescheuerte Jeans und etwas Langmut. Dann aber geht ein Lied wie „Fire it up“ sofort durch die Decke, Dauer-Repeat und Rumgeschwärme inklusive und damit ist man schon wieder drin in der seltsam hypnotischen Modest-Mouse-Masche, die oft mit vielstimmigem Gesang, mit eher stumpf-populärem Schlagzeug und einer sophisticated Basslinie arbeitet. Liest man das so, könnten es auch die Kaiser Chiefs sein, trotzdem ist MM davon so weit entfernt wie ein Kalbfleischragout von einem McChicken. Sie kultivieren Indierock weiterhin in seiner ganz klassischen Manufactum-Tradition und lassen viel öfter an die Pixies denken als an irgendwelche zeitgenössischen Vergleiche. Es ist wunderbar, dass sie dabei trotzdem immer absolut alltagstauglich bleiben. Nächste Seite: CocoRosie und Verriss von "Junges Glück"


Lied: “Promise” von CocoRosie Ausgesucht weil: Verwirrung, Verzückung, Verführung, das ganze Cocorosie-Paket in einem Lied. Ausgesucht von: The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn (Touch and Go/Soulfood)

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Illustration: Julia Schubert

Hm, rappen die Mädls jetzt im Schwanenkostüm? Dieses Lied ist eines von vielen rosigen Rätselaufgaben, die die durchgeknallten Schwestern mit ihrem neuen Kunstwerk der bereitwillig beeindruckten Hörerschaft aufgeben. Direkt im Anschluss findet man sich in einem Kurt-Weill-Shanty-Traum wieder, der sich später mittels singender Säge in Richtung Opernarie versteigen wird. Es geht also wieder arg künstlerisch zu, kein Farbtopf bleibt unberührt, keine zartgehauchte Emotion ausgelassen. Verdienst der CocoRosies ist es, ihre naturgegebene Übersensibilität nicht gleich ganz in den Dienst der „l’art pour l’art“ zu stellen und sich zur Sirenenperformance ins MOMA zu verfügen, sondern dass sie schon noch versuchen, eine Art Popstruktur zu befolgen, mit Liedern, Refrains gar und hin und wieder herkömmlichen Instrumenten. Nach einer Plattenhälfte angefüllt mit niedlichem Mädchenquatsch, bekommt die Platte eine Art Trip-Hop-Injektion und nimmt fast richtig Fahrt auf – da macht sich der Herr Björk-Produzent bemerkbar. So an die elektronische Kandare genommen, büßen die Brooklyn-Feen zwar ein paar Traumfedern ein, der Wahrheitsfindung dient das aber deutlich: die guten Texte kommen zu Gehör und, nun ja, das Ganze versandet nicht so im ätherischen Fahrradgeklingel. Traumhaft und fein bleibt die Platte, wenn auch eben nicht: alltagstauglich, sondern etwas für meloromantische Stunden in Badewannen. Lied: „Einfach nicht bewegt“ von „Junges Glück" Ausgesucht weil: Drei Minuten Aufhorchen, dann weiterschlafen Ausgesucht aus: Raus Aus Flüsterleben (Strange Ways)

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Illustration: Julia Schubert

Ah, eine junge deutschsingende Popband mit Jungs und gefühligen Texten, palim, palim, bin ganz Ohr. Guter Schlagzeuger, sehr genau, die Gitarrensektion dafür stark unkreativ, die Akkorde und Refrains ungefähr so neu wie ein Fruit Of The Loom-T-Shirt und auch so aufregend. Also müssen es Sänger und Stimme retten…ne. Klappt nicht, bis auf das ausgewählte Lied überwiegend farblose Ungewissheit-Lyrik, schlappes Traurigsein mit polierter Jungsstimme ohne Widerhaken, mal schneller, mal langsamer – aber der Liedtitel trifft’s leider immer. Abmarsch. Lied „Too Many Crazies“ von Monotekktoni Ausgesucht weil: Sie ist da so gefährlich, die junge Dame, und schön. Ausgesucht aus: Love Your Neighbour? No, Thanks. (sinnbus)

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Illustration: Julia Schubert

Hinter dem martialischen Künstlernamen verbirgt sich ein netter Mädchenname: Tonia Reeh. Sie erfüllt Attribute, die man in den letzten zwei Plattenjahren schon öfter in Künstlerbios gelesen hat: Berlin, weiblich, laut und alleine im Studio. Auf Fotos präsentiert sich Frau Reeh als Tomboy-Mädchen mit Megaphon, die Musik auf ihrem bereits dritten Album entspricht dieser Visualisierung ganz gut. Wildes elektronisches Rumprollen mit sinnlicher Konnotation, mal mehr Peaches, mal Chicks on Speed, mal ganz eigen und schön, immer jedenfalls mit viel Beat und Synth-Geschwurbel und sehr strenger Gouvernanten-Stimme. Beachtenswert.

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