Die Lieder der Woche: Kante, Kim Frank, Winehouse, Callahan

Die Playlist der Woche - mit den interessantesten Liedern, die diese Woche erscheinen.
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

Lied: Ich schlag nicht mehr im selben Takt von Kante

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Illustration: Julia Schubert

Ausgewählt weil: Das ruhige Herzbrenn-Stück, das auf der letzten Kante-Platte gefehlt hat Ausgewählt von: Kante Plays Rhythmus Berlin (Emi) "Viel mehr als die gängigen Herz-Schmerz-Verse ist ihm nicht eingefallen", schreibt die Neue Osnabrücker Zeitung über Peter Thiessen und meint sein Engagement als Textschreiber am Berliner Friedrichsstadtpalast. Dort werden etwa seit Bismarcks Zeiten "Revuen" aufgeführt - eine leicht vergessene Kulturform zwischen Musical, Ballett und Saloon-Tanz. Für die aktuelle Revue "Rhythmus Berlin" hat also der sonst nicht besonders mainstreamige Peter Thiessen von Kante Herz-Schmerz-Texte geschrieben - vertont wurden sie dann von Revue-Profis mit Gala-Orchester, deswegen hat Kante das Ganze noch mal in ihrer Version auf- und eingespielt und so ein gutes halbes Jahr nach "Die Tiere sind unruhig" ihr nächstes vollwertiges Album gemacht. Dass man den Liedern im Vergleich zum Kante-Durchschnitt ihren Primärzweck nicht anhört, spricht wahlweise für oder gegen sie. Langes, düsteres Ausatmen mit Thiessens Erzählsingerei, ohne Lust auf prägende Refrains, aber viel bittersüßes Instrumentieren. Nicht mehr so rockig und laut wie bei "Die Tiere sind unruhig", sondern zurückgezogen und verschmitzt, urban tatsächlich - es geht ja auch um Berlin. Beeindruckend ist die Ideentiefe mit der Kante hier quasi aus dem Stegreif musiziert, ein virtuoses Wandern durch die Musik von einer Band, die als Nur-Rockband eindeutig überqualifiziert ist. Allerdings hat der normal qualifizierte Hörer auch an einem Kante-Album pro Jahr genug zu knacken. Lied: "Zwei Sommer" von Kim Frank

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Illustration: Julia Schubert

Ausgewählt weil: Es verdeutlicht wie perfekt Kim Frank weiß, was unsere Ohren mögen Ausgewählt von: Hellblau (Universal) Um dieses Album zu beurteilen, ist es nicht so wichtig, wie man zur Personalie "Kim Frank" steht, sondern wie man Musik, namentlich Popmusik im Allgemeinen benutzt. Der ehemalige Echt-Sänger hat es tatsachlich geschafft, etwas zu produzieren, das, neutral gesprochen, ein tolles Album ist. Die Lieder sind äußerst opulent, seine Stimme führt gut und genehm durch die kleinen Befindlichkeitsgedichte, die Refrains bomben sich, einer nach dem anderen, in die Ohrwurm-Dauerrotation. Mehr muss man von einem Popalbum nicht erwarten, das hat Kim Frank im Gegensatz zu vielen Popmachern in Deutschland begriffen. Wer also morgens mit einem Kleinwagen zur Arbeit führt, über die Autobahn am besten und Abends wieder heim, tagein, tagaus und mit Musik Stimmung will und bisschen mitpfeifen, der bekommt mit "Hellblau" ein absolut wertiges Geschenk. Wer sich im Gegenzug mit einer neuen Platte vor der Stereoanlage verwurzelt, Notizen macht, nebenbei Indieblogs schreibt und mit Kumpels die Lyrics diskutiert - dem ist das alles hier vielleicht zu viel Pomp mit zu wenig Fleisch dran. Lied: "Diamond Dancer" von Bill Callahan

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Illustration: Julia Schubert

Ausgesucht weil: Tröstet alle, die traurig sind, dass es Smog nicht mehr gibt Ausgesucht von: Woke On A Whaleheart (Drag City) Heute haben wir es aber mit den Frontmännern: Bill Callahan ist als solcher mit der Formation Smog in meinem Lo-Fi-Bekanntenkreis zu großen Ehren gekommen. Jetzt musiziert eben Bill jetzt allein, was nicht gerade eine schreckliche Umstellung bedeutet - charakteristisch waren seit jeher seine Bariton-Stimme und seine introvertierten Kompositionen zwischen düsterem Folk und Postrock. Das alles findet sich auch auf dieser ersten Soloplatte und zwar fein und rein, wie man es sich bei mancher Smog-Platte gewünscht hätte. Gleichzeitig hat Callahan einigen seiner Songs spürbar einen Barhocker untergeschoben und die große Countryweste angezogen - finde ich nicht nötig. Viel schöner ist es, wenn er wie im ausgewählten Song fidelt und brummt und es beinahe Nick-Cave-artig schafft, dunkle Lustzentren zur Erschütterung zu bringen: Musik zu der Männer stilvoll tanzen können. Lied: "Rehab" von Amy Winehouse

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Illustration: Julia Schubert

Ausgesucht weil: Das nach meinem Wissensstand das Lied ist, in dem Können und Verkommenheit der Sängerin einen engen Bund eingehen. Das Management will sie auf Entzug schicken und sie schüttelt sich. Ausgesucht aus: Back to Black (Universal Records) Erstmal: Herrlich! Selbst ein Till-Schweiger-Film würde Kult, k�me ihm Amy als Soundtrack-Lieferantin zupass. Verblüffend finde ich, der Laienkritiker und Ersthörer, dass die Amy erst 23 Jahre zählt und eine Stimme wie ein Edel-Auspuff hat. Oder anders: Soviel feinkörnigen Schmirgel aka Soul in der Stimme - kriegt man das vererbt oder muss man sich das Hinsaufen- und rauchen? Vermute mal, dass die britische Top-Schnapsdrossel sich die Stimme selber zugefügt hat. Das ist schon eine Leistung. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nur durch Androhung von Gewalt mir selbst gegenüber über Lied Nummer eins hinausgekommen bin. Denn gerade weil die Eröffnung der Platte, "Rehab", so schön wuppt, bin ich, einer der krassesten "Repeat 1"-Hörer unter Gottes Plattenspielerarm, gleich an diesem halb-gospelösen Machwerk kleben geblieben. In meinen Augen rentiert sich ein Album schon für nur einen Song. In dem Fall ist es der. Leider macht sich in meinem Kopf die dunkle Ahnung breit, dass Amy Winehouse so köstlich gut ist, dass selbst Investment-Banker sie in ihr Herz schließen, die des Abends alleine auf einer manufaktum-dekorierten Penthouse-Terrasse stehen und ein Beck's Gold schlürfen und dabei versonnen der Amy zuhören - die ihrerseits soviel Beck's Gold verträgt, wie in eine komplette Investment-Bank passt. Amy Winehouse ist der glorreiche Ruß auf den zu weißen Krägen der Investmentbanker. Der Rest: Ein bisschen franst die Platte nach hinten aus. Wenn man mit "Rehab" schon gekapert wurde und nun weiterhin fröhlichen Schwing-Mich-Soul erwartet, wird man ein bisschen enttäuscht. Weil's ruhiger wird, fast gewöhnlich südstaatig, aber immer noch, ach, schon, schön. Aber obacht: Es ist sehr schnell aus mit dem Soul! Gute 30 Minuten, dann sucht die Amy den Notausgang. Na, wenn das nicht mal kurze Konzerte werden. Hat se aber, immerhin, mehr Zeit zum spritten. Amy wurde aus Versehen rezensiert von peter-wagner Lied: "Willem" von Bodi Bill

Ausgesucht weil: Nettes Kleinzeug aus Berlin Ausgesucht von: No More Wars (sinnbus) Kurioses Stück von einem neumodischen Berliner Elektronik-Duo mit beknacktem Namen. Das Stück ist gar nicht besonders elektronisch, eher ein pianistisches Kleinod mit lapidarem Inhalt aber schönen Skandierungen, beinahe wie von Badly Drawn Boy oder den Sparks. Was zum in die Küche hängen, zum ans Herz drücken, kurz und weich. Die restliche Platte von Bodi Bill klingt leider viel elektronisch-gewöhnlicher und sehnt sich insgesamt nach der Zärtlichkeit dieses letzten Songs. Tragisch.

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