Die Lieder der Woche mit Erdmöbel, Miss Platnum, Mumm-Ra und den Shout Out Louds

Reingehört
christina-waechter

Lied: “Was geht, Muschikatz“ von Erdmöbel Ausgesucht weil: der Song exemplarisch für das Album steht. Man hätte aber auch jeden anderen der zwölf Tracks nehmen können. Ausgesucht von: “No. 1 Hits” (Sony BMG)

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Illustration: Julia Schubert

Achtung! Das ist ein Konzeptalbum. Mit (evtl.) Humor auch noch. Erdmöbel haben sich dabei vielleicht sogar Gedanken gemacht. Aus No. 1 Hits aus fünfzig Jahren haben sie sich zwölf ausgesucht, die Texte ins Deutsche übersetzt und dann noch einmal eingespielt. Der Sinn? Lässt sich lange suchen. Warum sie ausgerechnet aus den tausenden No. 1 Hits genau die zwölf ausgesucht haben (Nirvana „Riecht wie Teen Spirit“, Kylie Minogue „Can’t Get You Out Of My Head“, Robbie Williams „The Road To Mandalay“, etc.), die es auf die Platte geschafft haben? Etwas wirr sprechen sie davon, dass auch erfolgreiche Songs gut sein können. Eine Erkenntnis, die so bahnbrechend neu nun wirklich nicht ist. Was sie dem Hörer damit sagen wollen? Wird nicht weiter abgehandelt. Und warum ich mir das anhören soll? Ebenfalls: keine Ahnung. Ihre Interpretation beschränkt sich auf eine relativ werktreue Übersetzung und eine minimal neue Instrumentierung. Vielleicht soll es eine subtile Medienkritik sein, vielleicht ist es einfach auch nur echter Mist. Lied: “Limelight“ von Apparat Ausgesucht weil: man da mal auch als Laie kapiert, warum elektronische Musik etwas Feines sein kann. Ausgesucht von: “Walls” (Shitkatapult)

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Illustration: Julia Schubert

“Walls” kommt daher, wie die beste Abschlussarbeit aus einem Berliner Elektrogefummel-Workshop. Manchmal ziemlich beeindruckend, manchmal ein bisschen fad und streberhaft. Sascha Ring ist Apparat und hat sich für sein aktuelles Solo-Album fast vier Jahre Zeit genommen. Aber zwischendurch war er gar nicht faul, sondern hat zusammen mit Ellen Alien einmal die Erde umrundet und das sehr beeindruckende Album „Orchestra For Bubbles“ aufgenommen. Wer in Berlin lebt, hat es gut, denn da tritt Apparat zusammen mit Ellen Alien, T.Raumschmiere, Transforma und anderen großen Elektrofummlern am Pfingstmontag in der Volksbühne auf. Alle anderen können sich für ihr Provinzdasein schämen und die Platte hören. Lied: “Give Me The Food“ von Miss Platnum Ausgesucht weil: da besonders toll zusammenkommt, was eigentlich nicht zusammen gehört. Ausgesucht von: “Chefa” (Four Music)

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Illustration: Julia Schubert

Man glaubt es nicht, bis man es gehört hat, was so alles zusammengeht. In Miss Platnums Fall ist das dann rümänischer Derwisch-Sound, eine ordentlich geschmierte R’n’B-Stimme, ein ordentlich knarrrrziger Akzent und Soul- und HipHop-Beats. Ruth, die Rumänin, ist mit acht Jahren ihren Eltern nach Deutschland gefolgt. In Berlin hat sie ihre Stimme bei der Alt-Soul-Größe Jocelyn B. Smith geschult und recht erfolgreich als Backgroundsängerin gearbeitet. Ein erstes, sehr erfolgloses, Debutalbum hat sie ordentlich aus der Bahn geworfen. Inklusive Alkohol- und Drogen-Problemen. Aber jetzt ist sie wieder da – und Miss Platnum ist ihr rumänisches Party-Kugel-Alter-Ego. Ganz besonders schön die Single „Give Me The Food“, ihre Aufzählung von fetten Speisen, die sie sich von ihrem Liebhaber wünscht werden da akzentuiert von ordentlich trockenen Bläsern. Sollen sich doch die anderen ihrer Bikinifigur entgegen hungern. Eine Miss Platnum braucht Fleisch. Lied: “Ill Wills“ von Shout Out Louds Ausgesucht weil: da mal wieder zusammen kommt, was zusammen gehört. Schweden, Pose und Pop. Ausgesucht von: “Our Ill Wills” (Haldern Pop Recordings)

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Illustration: Julia Schubert

Wenn Promoter besoffen (oder einfach nur sehr verplant) ihre Info-Zettel zur Platte schreiben, kann das schöne Blüten treiben. Im falle der Shout Out Louds klingt das dann so: „Astrid Lindgren, eine literarische Strategin generationsübergreifender Begeisterung für die kleine alltägliche Melodie, der immer wiederkehrende Antrieb des Lebens. Dieser unkomplizierte Ausdruck des Positiven und der in Ton gegossenen Freude findet mit den Shout Out Louds seine musikalische Fortsetzung.“ Kapiert? Nee, ich auch nicht. Und besonders gemein: Die Band hat das gar nicht verdient. Die ist nämlich – wenn auch kein bisschen originell oder neu oder überraschend – doch ein sehr solider Schweden-Import. Mit ein wenig Kunsthandwerks-Geklöppel und sehr schlauen Melodien machen die ganz einfach gute Laune. Und das ist ja schon mal ganz schön viel. Lied: “She’s Got You High“ von Mumm-Ra Ausgesucht weil: Das wird der Frühsommer-Spätfrühlings-Hit. Wetten? Ausgesucht von: “These Things Move In Threes” (Sony BMG)

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Illustration: Julia Schubert

Ach, kann ich auch einfach mal gute Laune haben? Ja? Danke, Mumm-Ra. Der Song geht gar nicht mehr aus dem Kopf, so catchy ist die Melodie, so sympathisch british-english, so überberstend von Harmonie-Gesang. Und da ist noch mehr drin in der Platte: Ein Schlagzeuger, der für sein Geld noch richtig arbeitet, ein Chor, der sich in der aussterbenden Kunst des Kanon-Singens auskennt und eine ganze Ladung Frühlings-Laune. Die sind gut, die wurden als Vorgruppe von den Killers eingeladen und nicht nur der NME überschlägt sich in Lobeshymnen. Die werden noch groß werden. Ganz sicher. Lied: “The Loveliest Alarm“ von This Et. Al Ausgesucht weil: sie auf diesem Song noch ein bisschen mehr ihrer Liebe zum minutenlangen Aufbau eines Stücks frönen. Ausgesucht von: “Baby Machine” (Strange Ways)

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Illustration: Julia Schubert

This Et. Al haben ihre Wurzeln im Nu Metal, ganz besonders Mutige behaupten gar, sie hätten sein Revival in England erst begründet. Diesen Einfluss hört man deutlich, auch wenn sie sich davon mit jeder Single weiter entfernt haben. Auf „Baby Machine“, ihrem ersten Debüt-Longplayer, ist der Wille zur Hymne deutlich, aber hinter den eingängigen Melodien baut die Gitarre eine Sound-Wall auf, an der fast kein Vorbeikommen ist, alle paar Takte kommen sie mit einem neuen Trick um die Ecke und Wu, der Sänger, singt sich mit seiner Jungs-Stimme einen ab. Das könnte ein gutes Jahr für This Et. Al werden.

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