Die Lieder der Woche: Oden an Scarlett Johannson, die Sehnsucht und die Natur

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Lied: „Scarlett Johansson Why Don’t You Love Me“ von The Jai Alai Savant Ausgesucht weil: sich diese Frage bestimmt schon jeder zweite Mann und sicher auch viele Frauen gestellt haben Ausgesucht von: dem erstaunlichen ersten Album „Flight Of The Bass Delegate“ (City Slang)

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Jai Alai, gesprochen Hai-elai, ist laut Wikipedia die schnellste Ballsportart der Welt. Sie entwickelte sich aus dem baskischen Nationalsport Pelota, den Auswanderer in die USA mitgebracht hatten. „Das Spielprinzip beruht auf dem Werfen des Balles gegen die Wand, wobei der zurückspringende Ball nur einmal den Boden berühren darf, bevor er vom gegnerischen Spieler gefangen und seinerseits wieder gegen die Wand gespielt wird. Diese Spielweise ist noch am ehesten mit dem im deutschsprachigen Raum bekannteren Squash vergleichbar. Anstatt eines Schlägers verwendet jeder Spieler jedoch eine schmale korbförmige Verlängerung an seinem Wurfarm, welcher eine enorme Beschleunigung des Balles ermöglicht.“ Kurz, Jai Alai ist geradezu abartig gefährlicher Sport, bei einem Spiel wurde mal eine Ballgeschwindigkeit von 302 km/h gemessen. Und genau aus diesem Grund nannte Ralph Darden seine neue Band nach diesem mörderischen Sport: „Ein Jai Alai Spieler an sich ist bestimmt schon ein ganz schöner Haudegen, aber ein Jai Alai Profi, ein Experte ein Savant, muss ja ein echter bad motherfucker sein“, erzählte Darden, wie die Band zu ihrem Namen kam. Was sich erstmal nach der ganz harten Rock-Röhre anhört und nach hingerotzen schnellen Drei-Minuten-Punk-Rock-Stompern entpuppt sich als seltsame Mixtur aus melodiösen und dubvernarrten Noise-Hardcore-Funk-Pop-Reggae-Stücken mit Strandgefühl. Diese Melange immer schön geschmeidig und Milchschaum-cremig zu halten, gelingt dem aus Philly stammenden und in Chicago lebenden afroamerikanischem Multitalent Ralph Darden nicht bei allen Stücken. Aber „Scarlett Johansson“ und die erste Single „White On White Crime“ durchdringen mühelos auch den dichtesten Disconebel. Hier kannst du in die Platte reinhören Lied: „Den Teufel tun“ von Nils Koppruch Ausgesucht weil: Nils Koppruch hier so zart und sehnsüchtig klingt, dass es Will Oldham aka Bonnie Prince Billy nicht besser könnte Ausgesucht von: der ersten Solo-Platte des Ex-Fink-Sängers „Den Teufel tun“ (V2)

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Och Mann, dachte ich, als sich die Hamburger Band Fink nach zehn Jahren, sieben Alben und unzähligen Konzerten letztes Jahr aufgelöst hat. Diese schunkelnde Sehnsucht zwischen Hamburg und Omaha, Folk, Pop und Americana, mit Banjo und Mundharmonika und traurigem Großstadtcowboy-Sonnenuntergans-Pathos gepaart mit nordischer Sprödigkeit und Unaufgeregtheit – ich mochte das immer sehr. Fink spielten für mich irgendwie immer in einer Liga mit Element of Crime; sie definierten deutschsprachige Popmusik neu - jenseits von Schlagerpop, Muckerrock und Indieschrubbel, losgelöst von Moden und Trends. Nils Koppruch macht da weiter, wo Fink aufgehört hat: er spielt immer noch Folkmusic, ein bisschen ruhiger als zuletzt mit Fink, er singt mit dieser leicht knarzigen Stimme, die an warmen, flüssig werdenden Harz erinnert und erzählt weiter Geschichten von schwarzen Tümpeln, Tod, Einsamkeit, Teufel, Abgründen, Heimweh und Gestalten aus dem Jenseits, die dieses Album bevölkern. Mit der derzeitigen Welle des „New Weird America“ oder „New Folk“ à la Devendra Banhart hat das nichts zu tun, sondern immer noch mit dem Staub des alten, unheimlichen Amerikas der Appalachen. Howe Gelb, Will Oldham und Smog lassen grüßen. Schunkelndes Lagerfeuergezupfe, sachte Geigenein- und Bläsereinsätze, 12 Lieder von schlichter Schönheit. Hier kannst du in „Den Teufel tun“ reinhören Im Mai ist Nils Koppruch auf Tour – präsentiert von jetzt.de: 11.05.2007: Essen - Grend 12.05.2007: Kassel – Schlachthof (tbc) 13.05.2007: Hamburg - Übel&Gefaehrlich 14.05.2007: Berlin - Zapata 15.05.2007: Münster - Gleis 22 16.05.2007: Köln - Gebäude 9 17.05.2007: Frankfurt - Brotfabrik 18.05.2007: Heidelberg – Karlstorbahnhof 19.05.2007: Freiburg – Cafe Atlantik (tbc) 20.05.2007: München - Ampere 22.05.2007: Erlangen - E-Werk 23.05.2007: Dresden - Groove Station 24.05.2007: Bremen - Römer Lied: „Boys in Jeans“ von Ragazzi Ausgesucht weil: Discosound und Klavier hier so wunderbar harmonieren Ausgesucht von: dem Ohrwurm-esken zweiten Album „Lumber“ der Berliner (Staatsakt)

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Gitarre, Gitarre, Gitarre, Klavier, Geigen, Synthesizer, Bongo, Gesang, Kuhglocken, Ohrwürmer, aber keine solchen The-Band-esken, Testosteron und Bier-geschwängerten Teenager-Kracher, sondern Zoot Woman, Blur, Saint Etienne, Bombast, Disco, tanzen, tanzen, tanzen, tanzen, tanzen, Pop, Rock, Elektro, schwitzen wegen so viel Tanzen, trinken, weitertanzen – Ragazzi aus Berlin wuppen und klingen irgendwie gar nicht nach deutscher Band. Eher schwedisch, luftig, poppig, eingängig, ohne seicht zu sein. Vielleicht hat sich deshalb das von der Kritik gerühmte Vorgängeralbum „Friday“ hierzulande so gut wie gar nicht verkauft, dafür aber in England (Ragazzi wurden ausgerechnet von dem Londoner Label „Schnitzel“ lizenziert!), Skandinavien und Benelux um so besser. Manche Akkorde kommen einem merkwürdig vertraut vor, Ragazzi haben definitiv nicht die Musik neu erfunden, aber wen interessiert’s – Hauptsache es wuppt. Und das tut’s.


Die Fankritik von Johnny Waechter: Lied: „Don’t Get Around Much Anymore“ von George Jones und Merle Haggard Ausgesucht weil: George Jones bei 2:07 kurz in seine berüchtigte Donald-Duck-Stimme verfällt Ausgesucht von: dem Album „Kickin’ Out The Footlights ... Again“, bei dem die beiden Helden der Countrymusik zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder im Duett singen

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

In Deutschland ist Johnny Cash der bekannteste Countrysänger, in den USA gelten George Jones und Merle Haggard als mindestens ebenso legendär – und zum Glück leben sie noch. Ähnlich wie bei Cash gründet auch der Mythos dieser beiden Veteranen nicht nur auf der Musik, sondern auch auf ihren turbulenten, an Abstürzen und Skandalen reichen Lebensgeschichten. Merle Haggard saß um 1960 einige Jahre im Zuchthaus von San Quentin, am Ausmaß von George Jones’ Drogenmissbrauch müssen sich selbst Wracks wie Keith Richards und Pete Doherty bis heute messen lassen. Inzwischen sind Jones, 75, und Haggard, der am 6. April 70 wird, lange geläutert und die Ausschweifungen von einst dienen als humorvoller Plauderstoff. Auf „Don’t Get Around Much Anymore“ amüsieren sich beide in gesprochenen Passagen, die zwischen den Strophen des Lieds zu hören sind, über zwei der beliebtesten George-Jones-Anekdoten: Das Konzert, bei dem der sternhagelvolle Jones seine Lieder zum Verdruss des Publikums in einer Donald-Duck-Stimme sang; und jenen legendären Abend, als Jones auf seinem elektrischen Rasenmäher (10 PS) in die nächste Bar juckelte, nachdem ihm seine Frau die Autoschlüssel weggenommen hatte, um den Barbesuch zu verhindern. Auch der Rest des Albums verströmt diese entspannte Atmosphäre. Hier sind zwei Veteranen tätig, die niemandem mehr etwas beweisen müssen, die die Klaviatur der Countrymusik mit ihrem Dreiklang aus enttäuschter Liebe, Alkohol und Partystimmung aber immer noch souverän beherrschen. Ein Album, das daran erinnert, wie cool die Countrymusik war, bevor die weichgespülten Hutträger das Ruder übernahmen. Lied: „Saltbrakers“ von Laura Veirs Ausgesucht weil: Laura Veirs dort den schönen Satz singt „I walk the streets of my life with your singing in my silent blame. You will not burn me out...“ (oder so ähnlich) und ein Chor sie dabei unterstützt Ausgesucht von: dem Herz-Schmerz-Schluchtz-ach-weinen-kann-so-schön-sein-Album „Saltbreakers“ (Warner)

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Rehe, Nachtfalter, fliegende Fische und ein Walross gibt es im Booklet von Laura Veirs neuem Album - das sieht sehr schön verträumt aus und passt gut zu der verträumten und gleichzeitig klaren Musik der Singer/Songwriterin, die mit einer Stimme zwischen Björk, Suzanne Vega und Cat Power die Geheimnisse der Natur besingt. Bilder vom Ozean und der Sterne blinken in ihren Liedern auf. Doch so schön die Natur scheint, so unberechenbar ist sie manchmal – genauso wie das eigene Leben mit seinen Aufs und Abs: Beziehungen enden, neue beginnen, Gefühle pendeln zwischen Freude und Verzweiflung. Dringlichkeit besteht immer in den neuen Liedern von Laura Veirs, auch wenn die Schönheit der Lieder das manchmal vergessen lässt. Weniger Wellenbrecher ist dieses Album, sondern mehr salzige Tränen, die die Wange runter laufen. Selbst wenn die Tränen schon getrocknet sind, lässt die kleine weiße Salzkruste, die zurückbleibt, noch auf die Wunden schließen. Lied: „Instead“ von Ola Podrida Ausgesucht weil: dieses Lied so zart und zerbrechlich daherkommt Ausgesucht von: Ola Podrida (Grand Hotel van Cleef)

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Und gleich noch mal Rehe und was herrlich Herzschmerziges à la Bonnie „Prince“ Billy oder Iron & Wine aus dem Hause Van Cleef. David Wingo hat Musik für sieben Filme geschrieben (unter anderem Snow Angels), bis er endlich sein erstes eigenes Album aufnahm – losgelöst vom Filmischen. Und schon bei den ersten Tönen ist man so dankbar, dass er es gemacht hat und dass er seine Meinung – zwar spät, aber besser als nie - geändert hat: „Whenever I walk into a record store I always feel like there are just way too many damn CDs in there and I didn’t want to add to it until I had a fairly strong feeling that I had something that I didn’t want to keep to myself and my friends.” Ja, es gibt schon verdammt viele CDs und viele davon sind verdammt schön, aber dieser David Wingo hat wirklich eine Platte gemacht, bei der es eine Schande wäre, wenn er sie für sich behalten hätte. Also geht in den Plattenladen und hört euch diese eine auf alle Fälle an. Ola Podrida hat sich übrigens nach einem Puppentheater benannt, das David in seiner Kindheit oft besucht hat. Lied: „The Clap“ von Patrick Pulsinger feat. Snax Ausgesucht weil: es halt der legendäre Pulsinger ist – ganz einfach Ausgesucht von: dem Sampler „Compost Black Label Series Vol. 2“ (Compost)

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Weniger Jazz und Soul – mehr Disco und House, das sagte sich das Label Compost Records vor zwei Jahren und begann mit seiner „Black Label Series“. Man wollte zurück auf die Tanzflächen und in die Plattenkisten der internationalen DJs. 18 Veröffentlichungen zählt diese Reihe schon und damit auch die Leute, die keine DJs sind und vielleicht auch gar keinen Plattenspieler mehr haben, in den Genuss dieser Serie kommen und sich in Grace Jones verwandeln können, gibt das Label dankenswerterweise nun schon die zweite Compilation heraus. Es blubbert, bleept, pumpt und vibriert und macht wirklich einen heiden Spaß.

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