Die Welt könnte so schön sein – würde man nur endlich mehr auf die Popmusik hören.

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Perou Franz Ferdinand - You Could Have It So Much Better (Domino): Also erstmal: ganz entspannt bleiben, kein Grund zur Aufregung. Auch wenn selten einer Platte so entgegen gefiebert wurde wie „You Could Have It So Much Better“, dem zweiten Album von Franz Ferdinand. Dabei ist das superfantastische Debüt der vier Schotten aus Glasgow erst ein Jahr alt. Über drei Millionen Mal hat es sich zwischen old Europe, neuer Welt, Japan und welchen Landstrichen auch immer verkauft. Noch dazu haben Franz Ferdinand im Vorbeigehen den Rock gerettet, jede Menge Franz Ferdinand-Klone hervorgebracht, dadurch die Popwelt gehörig verändert, tourender Weise gleich mehrfach die Welt umrundet und bei all dem Stress haben sie es auch noch geschafft, die Stücke für ihr zweites Album aufzunehmen. Und das ist, man glaubt es ja kaum, wieder ziemlich superfantastisch geworden. Ich finde zwar nicht, dass es das Vorgängeralbum toppt, aber vom viel beschworenen Fluch des alles überragenden Debütalbums ist nichts zu spüren. Die bekannten Franz Ferdinand-Qualitäten sinnloser Text gepaart mit vor Selbstbewusstsein strotzenden Drei- bis Vierminuten-Tanz-Hymnen werden sogar noch um zwei Balladen ergänzt. Und nett sind die vier Schotten auch noch geblieben. In einem Interview sagten sie, früher seien sie mit Federballschlägern auf dem Bett rumgehopst und hätten Rockstars gespielt. Heute sei es nicht viel anders. „Man hüpft mit der Gitarre auf der Bühne rum wie damals auf dem Bett.“ Nicht mehr „Take Me Out“ heißt es jetzt bei Franz Ferdinand, sondern „Do You Want To“. Ein Paradigmenwechsel. Aber wen wundert’s bei diesem Erfolg. „Do You Want To“ rufen uns die vier also entgegen – und ja, wir wollen. Wir wollen definitiv mehr von dieser Schampus mit Lachsfisch-Mischung. Vielleicht haben wir es dann auch bald besser. Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Element Of Crime - Mittelpunkt Der Welt ( Universal): „Am Himmel verblassen die Sterne, Deine Augen funkeln mich an, seit ich dich kenne, mag ich es gerne, wenn der Winter kommt – dann wird’s früher dunkel.“ Solche Sätze kann nur eine deutschsprachige Band schreiben: Element of Crime. Seit ich das erste Mal Liebeskummer hatte, ist diese Band in meinem Leben präsent. Das war mit 13 oder so, als ich an nebligen Herbstsonntagen gemeinsam mit Freundinnen bei Tee, Räucherstäbchen und Kerzenschein stundenlang Jungs-Probleme besprochen habe oder allein in meinem Zimmer von der Welt unverstanden mit „Schwerer See“ vor mich hingetrauert habe. Auf jeder Element of Crime-Platte drängen sich verlässlich dunkle Wolken zusammen, alte Menschen stehen einsam an Straßenecken, es wird viel geraucht, Neurosen wuchern, Baggerseen frieren ein und immer kreuzt irgendwo ein Du das Bild, das gleichzeitig unerreichbar weit weg ist. Und so verlässlich wie die Bilder und der Schmerz, so regelmäßig kehren auch die typischen Element of Crime-Melodien mit diesem ganz speziellen Bläser-Einsatz wieder. Manchmal stelle ich mir vor, wie die Band im Studio sitzt und Sven Regener mit einem neuen Text ankommt und sagt: „Jungs, ihr wisst ja um was es geht, macht mal die übliche Musik dazu.“ Aber das Großartige an Element of Crime ist, dass es jedes Mal auf Neue doch wieder so großartig ist. Wer kann schon vom „Edeka des Grauens“ oder von den „Trampelpfaden der Lüge“ singen, ohne dass es peinlich wird? Und es gibt niemand außer Sven Regener, der in einem ganz einfachen Satz universelle Wahrheiten über das Leben verkünden kann: „Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist, und das ist immer Delmenhorst.“ So einfach ist es wahrscheinlich. Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Kevin Devine: Split The County, Split The Street (Defiance Records): Kevin Devine hat ein schreckliches Jahr hinter sich. Er verlor seinen Vater, war endlos auf Tour und musste entsetzt zusehen, wie sich seine Landsleute bei den letzten Präsidentschaftswahlen erneut für den Irak-Krieg aussprachen, indem sie den in seinen Augen falschen der beiden Konzernfreundlichen Kandidaten wählten. Da muss man ja verzweifeln. Und Kevin Devine, der 25-Jähriger New Yorker, leidet auf seinem dritten Soloalbum wirklich herzzerreißend. Mit einer Conor Oberst gleichen Stimme singt er davon, dass einen Freunde verlassen, auch wenn sie das Gegenteil behaupten, dass man die Nummer und den Namen der Ex aus dem Handy löscht und doch täglich anruft, aber gleichzeitig kritisiert er die amerikanischen Parteien für ihre Ununterscheidbarkeit, den Krieg im Irak und den Missbrauch von Religion durch Politiker. Kevin Devine leidet zwar, aber er resigniert nicht. Er macht Musik für die Tage nach durchzechten Nächten, wenn dem Rausch die Depression folgt, der Ausgelassenheit die Trauer, der Freude der Schmerz. Aber mit dem beruhigenden Wissen, dass der nächste Rausch kommen wird. Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Broadcast - Tender Buttons (Warp): Hach, mich kriegt man immer ganz schnell, wenn eine Frau mit ihrer engels- und elfengleichen Stimme über sanfte Gitarren-, Keyboard und Eletrosounds streichelt. Ob das was mit der Sehnsucht nach menschlicher Emotion in einer elektronischen Welt, nach dem Ausgleich zwischen Mensch und Maschine, zwischen Vergangenheit und Zukunft zu tun hat – keine Ahnung. Ist auch egal. Broadcast schaffen es mit jeder Platte aufs Neue, eine wunderbare Balance zwischen Kinderlied, Folk- und Clubmusik herzustellen und strahlen etwas sehr Beruhigendes aus. Vielleicht liegt das aber auch an dem von Trish Keenan in nahezu jedem Lied fast schon mantraartig wiederholtem Motiv, das sich in zwei Worten zusammenfassen lässt: Lass los. Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Mad Sin – Dead Moon´s Calling (I used to fuck people like you in prison Records): Wenn es Nacht wird in Deutschland, und es ist ja dauernd Nacht in diesen Zeiten, in denen der Letzte schon das Licht im Staate ausgemacht zu haben scheint, dann erheben sich die Toten und die Verrückten zu den Klängen von Mad Sin aus Berlin. Die sind, wenn man sich nur auf das Äußere konzentriert, so was wie die Leningrad Cowboys, nur ohne Potenzprobleme – wo sich die Frisuren der Leningrad Cowboys traurig zu Boden neigen, da stehen die Tollen der bösen Buben von Mad Sin steil und stolz zum Himmel. Solche fiesen Frisuren heißen Flats, und jetzt wissen Schlüsselkinder schon Bescheid – yeehaaa, es geht um Psychobilly! Gute Psychobilly-Lieder haben Titel wie „Johnny Brainstorm“, „Wicked Witch“ oder „Mad Man Rock“. So heißen Kracher von Mad Sin, zu denen man am liebsten seine Meute zusammenheulen will, um ein bisschen plündernd und brandschatzend durch die Nachbarschaft zu ziehen. Doch leider sind das alte Lieder. Auf der neuen Platte sind nur wenige solche Kracher drauf, denn Mad Sin hat, so posaunt die Plattenfirma, ein neues musikalisches Level erreicht, das sie als „Johnny Cash on speed next to The Clash on amphetamine without loosing the psychobilly focus“ beschreibt. Was das heißt? Mad Sin liefert hier ein bisschen Bretter-Sound ab, aber ohne die alte Rotzigkeit, sondern mit musikalischem Anspruch. Na dann gute Nacht. (roland-schulz) Bestellen bei Amazon Various Artists – „Rize“ OST (Edel) “Clowning” (auch “Krumping”) rollt gerade durch Los Angeles. Als Alternative zum Bling-Bling-Pimp-Hiphop und Gangs legt das Subkultur-Movement neben dem Tanz, genannt „Clowning“, Wert auf Moral und Ethik. David LaCapelle hat über diese Bewegung den Film „Rize“ gedreht. Der Soundtrack dazu ist ein großartiger Sampler, bestehend aus Underground-Tanz-Beats mit harten, puristischen Beats. Sowohl Film als auch Soundtrack sind empfehlenswert. (hannes-kerber) Bestellen bei SZ-Mediathek oder Amazon The Higher Elevations – Always The Same (Little Teddy Recordins): Ein guter Titel für eine Debütplatte. Das muss man sich erst mal trauen. Zwar nicht aus dem Hause Labrador dieses Quartett aus Schweden und wesentlich weniger kauzig und schrubbelig als South Ambulance, aber trotzdem nett. College Radio-mäßiger, Sixties beeinflusster Power Pop. Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Rob & The Pinhole Stars - Stop And Start (Mi Amante Records): Ruhiger Gitarren-Pop mit elektronischer Abrundung aus Deutschland, der versucht wie The Notwist zu klingen, es aber leider nicht schafft. Manchmal schüchtern, manchmal sogar mit Mut zur großen Pop-Geste gelingen Robert Deneke und Kai Luniak aber dennoch einige zarte und anrührende Melodien. Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Außerdem erscheinen diese Woche: The Sealevel – Beach From Last Summer (Firestation Records) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Hannes Orange - Am Ende des Tages (Yeah Records) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon The Aim of Design is to Define Space - Aim of Design Good Time (Hobby Deluxe) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei

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