Direktemang ins Sommerloch mit Essgeräuschen und Sir Brian Eno.

Matthew Herbert nimmt das Küken auf.
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Illustration: Julia Schubert

Matthew Herbert nimmt das Küken auf. / www.platdujour.co.uk Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden. Brian Eno – Another Day on Earth (Hannibal Records) Gods of Blitz – EP (Fourmusic) Dossche – Vulnerabel (Blauton/Supermusic) Matthew Herbert – Plat du Jour (Accidental Records) V.A. – Cafe de Flore (Discograph) Missy Eliott – The Cookbook (Atlantic Records/Warner) Groove Guerilla – One Man Show (BATB/ Sony BMG) Der alte Affe Ambient: Brian Eno. 57 Jahre alt ist er jetzt und macht immer noch Musik fürs Raumschiffballett. Lockere Klangspätzle, viel zartes Synthiegähnen gibt es auf dieser neuen Platte, aber auch klare Momente wie zum Beispiel beim Song „How Many Worlds“, was schon beinahe Mitgröl-Pop ist. Also für Eno-Verhältnisse. Viel Klavier auch. Ein schöner Sound für Menschen, die gerade von oben auf etwas Hübsches runtergucken, vom Dach, vom Ballon oder vom Mars. Mir aber jetzt zu ätherisch für einen Münchner Regenmorgen. Zum Wetter passen die Gods of Blitz, die aus einem Berliner Übungskeller ans Licht kriechen wollen. Sie durften schon Maximo Park supporten! Jetzt sind die vier ersten Blitz-Lieder auf einer EP, was ich begrüße, weil ja kein Mensch mehr die Geduld hat, zwölf Lieder zu skippen. Vier Lieder also, die sich wie Rockmusik anfühlen. Kämen die Gods of Blitz aus einem Londoner Vorort wäre irgendwas anders. Auch wenn sie einen Funken Genialität hätten, wie ihn ja all die Maximo-Ferdinand-Chiefs zumindest einmal hatten. So aber fehlt halt einfach genau das, was eingängigen College-Rock zu hypnotischen Hypesound macht. Hätte Brian Eno nicht bei Roxy Music angefangen, sondern sagen wir, bei der Fremdenlegion, wäre danach mit einer Sammlung unverarbeiteter Komplexe in die Eifel gezogen wo ihm noch ein Dachziegel auf den Kopf fiel, könnte er auch Dossche heißen. Ganz schnell: Herzloser Groove mit teutonischem Sprechgesang und Drohgitarren. Mit diesen Zutaten kann man auch eine hundertprozentige Sache wie den Falco-Kracher „Mutter der Mann mit dem Koks ist da“ unsympathisch machen. Die anderen Dossche-Lieder heißen etwa „Du bringst mich nicht um“, „Ich bin Gott“ und „Berühren!“ Ganz eisig, weg damit. Zu Schönerem, zum Licht, zu Matthew Herbert. Der ist gut verrückt. Reist durch Großbritannien und nimmt Essensgeräusche auf, loopt das Hühnergackern im Stall und geht mit einer Tüte Zucker und einer Coladose ins Studio. Er hat sich dem Sound des Essens verschrieben. Klassische Experimentalmusik, also? Nicht ganz, Herbert wäre nicht Herbert, wenn er nicht bei all den lukullischen Geräuschen auf den Schönklang achten würde, auf luftige Kompositionen, die aus dem Sammelgut richtige, gute Postdance-Jazz- Instrumentals machen. In „An Apple a day“ beißen 3.255 Menschen in einen Apfel - ein Wahnsinnsgeräusch von vitaminreicher Schönheit. Natürlich ist das ganz artsy Avantgarde-Gepiepe. Aber immer lustig und nicht verbissen und letztendlich auch tatsächlich: eine gute Platte um nebenbei zu essen und zu kochen. Ach, jetzt haben wir schon so viele Sound-Exzentriker und Bekloppte abgehandelt, dass sich das gemeine Easy-Listening-Ohr zurecht beschwert. Deswegen jetzt für alle, die den Sommer ohne Musiklexikon genießen wollen: Café de Flore-Sampler! Französische Pop-Spezereien von sprichwörtlichem Charme, Beat und Chanson-Schätzchen, wie sie in keiner guten Retro-WG fehlen dürfen, Benjamin Biolay, Catherine Deneuve und so. Macht Spaß, macht Swing, macht wuschig. So und jetzt kommt noch Hiphop-Conaisseur hannes-kerber zu Wort: Missy Elliott, die einzige Rapperin, die man kennt, veröffentlicht heute „The Cookbook“. Missy hört sich an wie immer: fette Marschmusik-Beats gespielt von ausgeflippten Drogenopfern an Bongos, manchmal puristisch wie Snoops „Drop It Like It’s Hot“, ganz selten, wenn Missy singt, wie R’n’B. Die Beats sind großartig, nicht zuletzt durch das Wirken von Fatman Scoop, Timbaland, Neptunes und Kanye West. Trotzdem ist „The Cookbook“ kein Album, das man haben muss, einfach weil es schon bessere von ihr gab. Groove Guerilla machen Tanzmusik. R’n’B. Jazz. Dub. Reggae. Funk. Soul. Hip Hop. Sowas. Die Plattenfirma vergleicht sie mit Erykah Badu, Miss Dynamite und Nelly Furtado. Falsch. Groove Guerilla ist eine Mittelmaß zwischen der besseren, örtlichen R’n’B-Jazz-Dub-Reggae-Funk-Soul-Hip Hop-Band und den Black Eyed Peas. Sommer-Festival-Tanz-Musik. Nicht mehr. Nicht weniger.

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