Einmal in der Badewanne durchkentern, bitte!

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tapete records Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden. Isolation Years – Cover the Distance (stickman records) The Shape Shifters – Was here (Cornerstone Recordings) Slope – Komputa Groove (Sonar Kollektiv) Wolke – Susenky (Tapete records) Kool Savas&Azad – One (BMG) Naked Lunch – Stay EP (Universal) So, das sieht ja alles wieder sehr ernüchternd aus, was der Osterhase diese Woche an Platten auf den Schreibtisch gelegt hat. Beim ersten Durchwühlen bleibe ich nur an Isolation Years hängen. Kenn ich die irgendwie? Logo, das ist so ein ewiger Schweden-Geheimtipp vom Freund Mario, der seit Jahren nur noch die Bestellnummern schwedischer Mailorder-Kataloge stammelt, wenn man ihn anruft. So ein Nerd ist der! Andererseits, wenn man da auf solche Bands wie Isolation Years stößt, möchte ich auch gern Nerd sein. Große, ganz riesige Indiepop-Platte! Dabei ganz einfach gemacht: Klavier und Gitarren stehen im Nebenzimmer, vorne singt ein junger Mann klar und jenseits jeder Weinerlichkeit. Die Lieder sind nie zu lang, es gibt keine Instrumentalexperimente, stattdessen Refrains zum Heiraten. Klar, so funktioniert Pop seit Jahrzehnten, und doch freue ich mich, wenn es eine junge Band mal wieder macht und nicht immer nur Jackson Browne. Die nächste Platte hat 20 Lieder. Das ist mir schon mal vorab zuviel. The Shape Shifters leben laut Pressinfo „in einer schrillen Welt“ und sind ein „momentan achtköpfiges Künstler-Untergrund-Kollektiv, entstanden aus der legendären Graffiti-Szene von Los Angeles“ Schöne Scheiße. Ich sprinte durch die zwanzig Tracks und höre: Gruppenhiphop mit Samplesalat, teilweise witzig. Lange kann ich aber über lustige Filmsamples nicht lachen. Schon gar nicht 20 Lieder lang. Und das Gerappe ist auch recht dröge. Keiner kann sagen, dass wir nicht sehr vielfältig sind in unserer heutigen Auswahl. Jetzt kommt Computermusik, vom interessanten Label Sonar Kollektiv. Artist: Slope. Title: Komputa Grove. Damit ist ja wirklich schon viel gesagt, es klingt dann aber eigentlich viel netter als der sterile Titel, weil sich der Slope immer noch smarte Sänger, Sprecher und Smoother zu seinem Computer-Grove eingeladen hat. Und so groovt es tatsächlich, Clara Hill zum Beispiel, hübsch sexy mit Bass im tief dekolletierten Megabyte-Kleid. Wo hört man solche Musik? In einem gläsernen Aufzug wäre es zu wild, in einer gläsernen Funk-Disco zu schlapp. Der richtige Zeitpunkt für ein Slope-Lied sind vielleicht die drei Minuten, in denen man in dunklen Speiselokalen alleine am Tisch sitzt, weil sich die bezaubernde Begleitung gerade auf der Toilette die Nase pudert. Den Abend überdenken, Augen reiben, gähnen, Nase bohren und überlegen, wie man die nächsten Stunden Nettsein choreographiert. Obwohl so ein Cool-Groove-Sound sonst gar nicht an meinem Ohr-Stammtisch hockt, will die Platte gar nicht mehr raus. Catchy sagt man, wenn man englische Wörter benutzen will. Das nächste Cover sieht wirklich bescheuert aus, so „Das Jugendorchester des rumänischen Staatsballetts spielt drei Werke für Oboe, Klavier und Waldhorn. Aufnahme von 1972.“-mäßig. Das soll aber so sein, ist eine ironische Idee der kleinen Band Wolke aus Köln. Tatsächlich haben sie diese Platte auch bei einem Prager Cellisten aufgenommen. Sehr viel Klavier, hier, dazu ein sehr sorgfältiger deutscher Gesang mit Texten, die an die späten Tocotronic gemahnen. Die Lieder heißen „Wir sind da“, „Völlig fremder Ort“, „Weg ins Nichts“, so halt. Mir fällt eigentlich nichts ein, was so ähnlich klingt wie Wolke. Die Lieder sind nicht sehr spektakulär inszeniert, Klavierkreisel, ein bisschen Schlagzeug, ganz wenig Synthesizer. Der Gesang ist sehr präsent, wehmütig eher als forsch, langsam eher als schnell. Vielleicht wirklich eine gute deutsche Pop-Platte. Als würden Contriva gemeinsame Sachen mit Angelika Express machen. Wolke, hm. Mal auf einen gelbes Post-It schreiben und merken. Ach, letztes Mal Afrob, heute Kool Savas, ich dachte der deutsche Hiphop ist seit 2003 am Ende, trotzdem landen bei mir dauernd CD’s mit solchen Erklärungen im Beipackzettel „Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zum ultimativen Hiphop-Gipfeltreffen kam!“ Es gipfeltreffen sich Kool Savas und Azad und rappen zusammen rum. Ich finde das alles noch ein wenig prolliger und blöder als Afrob, aber lachen musste ich auch, weil die beiden das Wort "bumsen" so lustig betonen, das „ms“ klingt wie bei „Sumsi“, ganz weich. Außer ums bummmmsen geht es auch ums alles kaputt machen, ums feststellen, wer noch mal der allerdopste Shit ist und ums andere platt machen. Die Beats dahinter sind nicht weiter erwähnenswert, kann aber auch sein, dass mir dieses ganze Hiphop-Grundfeeling abgeht und ich das deswegen alles pillepalle finde. Na ja. So jetzt machen wir langsam mal Schluss, und zwar versöhnlich mit Naked Luch, den österreichischen Realistikern, die ja letztes Jahr eine Auferstehung erlebten. Die vorliegende EP eröffnet mit dem bereits bekannten Lied „Stay“, das ruhig und verzweifelt in die Magengrube fließt. Dann kommt ein Ausblick auf die neue Platte, genannt „Our Wedding Day’s a Funeral“, was ich schön traurig finde, genau wie das Lied selber auch. Super Soundtrack für’s finale Durchkentern in der Badewanne. Damit kein Valium-Nachgeschmack hängen bleibt, haben die Jungs danach noch drei sehr interessante Live-Versionen aufgepresst, nicht viel fröhlicher, aber immerhin: lebendig.

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