Eis am Stiel mit Seitenscheitel - bitte kommen!

Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen.
christoph-koch

Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden.

Foto: Warp Maximo Park – „A Certain Trigger” (Warp/Rough Trade) Local Boys – Whattheclockman ( Decoder Records) The Flaming Lips – The Fearless Freaks Do-DVD (High Coin / Soulfood) Caesars – Paper Tigers (EMI) Juliette Lewis & The Licks – You’re Speaking My Language (Full Time / Rough Trade) Allererste Frage, die sich einem Rezensenten bei Maximo Park – den allgegenwärtigen Überlieblingen der Stunde – stellt: Wie zur Hölle krieg man eigentlich die zwei Punkte aufs i? Gehorche endlich, vermaledeïtes Textprogramm. Hoppla, da war’s doch. Maxïmo Park. Geht sogar in groß: MAXÏMO PARK. Dann die zweite Frage, die einem von überall entgegenschallt: Sind sie denn jetzt wirklich geiler als Franz Ferdinand? Als wäre das auf einmal die neue Referenzgröße für Großartigkeit. Beatles, Schmeatles – nur wer mit Franz Ferdinand in den Ring steigt, kann heute scheinbar noch was gelten. Wenn man das ganze Gerede und Getuschel und Gekreische mal wegschiebt, bleibt bei „A Certain Trigger“ ein sehr gutes Album voller Hits und einfallsreichem Songwriting übrig – wenn auch in einem Soundgewand, das momentan viele Bands gerne und erfolgreich um ihre Schultern schlingen. Denn Parallelen zu den Bauhausboys mit Thronfolgerfaible sind natürlich da – aber eher im (tatsächlichen) Kleiderschrank und in den Einstellungen der Gitarrenverstärker zu suchen. Die wichtigste Frage ist trotzdem nicht, ob sie größer werden als jene oder solche, sondern vielmehr: Bringt der Sänger (ein optischer Hybrid aus Nick Cave, Bryan Ferry und, ja wirklich, Anthony Kiedis) den Seitenscheitel auf Schläfenhöhe als Trendfrisur zurück ins Spiel? Wär ja schon geil. Auch wenn ich’s persönlich niemals tragen könnte ... Was eine fast noch bessere Vorstellung ist, als das Comeback des Radikalscheitels: Das Comeback der „Eis am Stiel“-Filme mit aktuellem Soundtrack. Da würden dann also Benny, Bobby und Jonny am Strand der barbusigen Sibylle Rauch hinterher rennen – nur dass dazu eben statt den Teddieboy-Schmonzetten von damals Mando Diao, The Hives oder die Local Boys laufen würden. Die klingen auf ihrem neuen Album „Whattheclockman“ manchmal so aufgekratzt nach Ferienromanze, Hasenjagd, Autokinofummeleien und Milchshakes, dass man sich bisweilen fragt, wie ernstgemeint das alles sein kann. „Tokyo“ ist auf alle Fälle ein Smasher für den kommenden Sommer, der Rest besseres Mittelmaß. Dürfen hier eigentlich auch DVDs rein ? Ich sage: Ja, ausnahmsweise. Denn „The Fearless Freaks“ von The Flaming Lips ist ein großes Werk. 15 Jahre lang verfolgte der Regisseur mit dem Topnamen Bradley Beesley die durchgedrehten Amerikaner und quetschte seine Kamera in den Bandbus, auf und hinter die Bühne, in die Glasbong und manchmal, so meint man, sogar in die wundersamen und kauzigen Gehirne der Band. Zu Gast: Jack White, Beck, Juliette Lewis und Liz Phair. Was leider fehlt: Der legendäre Auftritt der Band auf der Bühne des Peach Pit in der US-Serie „Beverly Hills 90210“. Neues gibt es auch auch von den Caesars, die auf ihrem Album „Paper Tigers“ weniger nach The Clash und Garage klingen und mehr nach poppigem San-Francisco-Hippietum. Nicht unbedingt die beste Rochade der Musikgeschichte. War auch irgendwie klar, dass sie mit „Jerk It Out“ ihren Smash-Hit vom Vorgänger „39 Minutes of Bliss“ gleich noch mal draufgepackt haben – jetzt wo Apple das Lied für seine iPod-Spots ausgegraben hat. Hat eigentlich noch jemand beim ersten Hören des Lieds immer „in the Churchyard“ verstanden? Bevor das jetzt aber zu einer Axel-Hacke-artigen Litanei der hundert skurrilsten Liedmissverständnisse wird, gleich weiter zu Juliette Lewis & The Licks. Das Konzept „Schauspieler machen Musik“ geht ja selten gut, hat uns schon der Vertrauenslehrer (Geschichte/Sozialkunde) beigebracht, der einen von Selbstgedrehten gefärbten Nikotinschnäuzer hatte. Bei Juliette Lewis, so will einem zur Zeit die Fachpresse (die für Musik, nicht für Nikotingilb) weismachen, ist das anders – da ist die Musik angeblich super. Aber leider: Quatsch mit Soße. „You’re Speaknig My Language“ ist Malen nach Punkrockzahlen mit faden Texten („It’s a mad mad world / Watch out you don’t get burned“), aber immerhin gutem Gesang und ordentlich Hüpf-Action auf der Bühne. Für Juliette-Lewis-Fans natürlich schon A-Okay, man darf aber auch Juliette-Lewis-Fan bleiben und trotzdem lieber The Donnas hören. PS: Wer übrigens „The Return Of Bruno“ von Bruce Willis auf einem Flohmarkt findet, sollte dringend zugreifen. Achtziger-Neo-Motown mit Käsesaxophon und Wackelpuddingstimme. Leckerschmecker. Außerdem erscheinen diese Woche: The Martini Henry Rifles – Superbastard (FF Vinyl) Astreines Punk-Gebolze mit zeitgemäßem Radio 4-Kolorit und aufgekratzter Belzebub-Stimme. Lawrence – The Night Will Last Forever (Ladomat) Das Cover sieht aus wie Joy Division, aber dann kommt zärtliches Geplucker zwischen Autechre und Ecstasy of St. Teresa. Mogelpackung, aber schön. Modey Lemon – The Curious City (Mute) Waghalsige Mischung aus Glamrock, Psychedelia, Grunge und Synthieschwurbeln. Liest sich zum Kotzen, macht aber Spaß – muss man ja auch erst mal hinkriegen. Ellen Alien – Thrills (Pitch Control) Entspanntes Elektronik-Album der Superberlinerin ohne recht Höhepunkte. Zum Runterkommen nach zuviel Martini Henry Rifles aber nicht das Schlechteste. Van Morrison – Magic Time (Polydor) Tschuldigung, Herr Morrison, kurze Frage: Wie fühlt sich das an, sein 35. (!) Album zu veröffentlichen? Ärgert man sich da nachträglich, dass meinetwegen 14 und 22-25 nicht so richtig geil waren? Oder ist das so wie jeden Tag in die Uni oder ins Büro gehen? System Of A Down – Mesmerize (Sony BMG) Bazzoka – Premium Entertainment (Spice Records) Punish Yourself – Sexplosive Locomotive (Geisha Machine Records) Brother J – Be Bop A Nui (Sugalicks / Al!ve) Mon)tag – Sender (Tapete) Micatone – Nomad Songs (Sonar Kollektiv)

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