Empörende EU-Richtlinie! Neuer Wiesnhit muss sich auf Lawinenhund reimen!

Frieden + Liebe = Friebe (Ausspruch: Joachim Hentschel, Foto: jens-friebe.
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Illustration: Julia Schubert

Frieden + Liebe = Friebe (Ausspruch: Joachim Hentschel, Foto: jens-friebe.de) Death Cab For Cutie – Plans (Warner) Todestaxi für die Süße. Muss man jetzt echt nicht verstehen, solche Bandnamen. Manchmal reicht es schon, wenn man nach einer durchgefeierten Nacht mit einem alten Freund von dessen SMS geweckt wird, in der er halb reuig, halb verschwörerisch ein „Death Cab To Rehab“ fordert. Death Cab For Cutie, die erst kürzlich ihren kompletten Back-Katalog wiederveröffentlicht haben, sind mit einem neuen Werk zurück. Das letzte, namens „Transatlanticism“, erschien in Deutschland bei den Hamburger Gefühls-Connaisseuren vom Grand Hotel Van Cleef. Dann kam die Glamourserie „O.C., California“ und Death Cab wurden zu groß und gingen zur Industrie. Um Larmoyanz gar nicht erst aufkommen zu lassen: Geschadet hat es nicht. „Plans“ macht da weiter, wo die niedlichen Washingtonians, die man pausenlos in Eichhörnchenkostüme stecken möchte, aufgehört haben. Trauriger Cinemascope-Pop mit greif- und begreifbaren Texten, anschmiegsamen Piano-Totalen und Feuerwerk über den aneinandergelehnten Köpfen. Wenn Ben Gibbard (Sie kennen ihn bestimmt aus Filmen wie „Postal Service – das wundervollste Nebenprojekt der Welt“) seine Falsettstimme aufsetzt, hört es sich ein bisschen an wie Coldplay, aber das braucht jetzt wirklich niemanden zu beunruhigen. „Plans“ ist für Death Cabkein großer Schritt in irgendeine Richtung, sondern vielmehr inniges Verharren. Aber eben an einem sehr guten Ort. Bestellen bei: Amazon oder iTunes Jens Friebe – In Hypnose (Labels) Echte Freunde schreiben einem ja nicht nur Kater-SMS, sondern lallen einem die besten Sachen ja schon im Vorfeld des Kopfschmerzs – also mitten in der Nacht – ins Ohr. Zum Beispiel diese Erkenntnis: „Ist dir schon mal aufgefallen, dass der Name Jens Friebe eine Mischung ist? Aus den Wörtern Friiieeden und Liiieebe!“ Nun gibt es "In Hypnose", das zweite Album von Jens Friebe – dem sinnlichsten deutschen Popstar, dem androgynen Indie-Dandy, dem Berliner Pet Shop Boy. Schon das Debütalbum „Vorher Nachher Bilder“ war brillant, litt aber leider noch unter der Zweiteilung in Rock und Dancepop. Aber jetzt ist die Mauer gefallen, Reisefreiheit wurde gewährt und Jens Friebe ist ein Volk – auch wenn seine Vorbilder von They Might Be Giants über Milch bis Tilman Rossmy durchaus eine große Spannbreite haben. All das Mystische und Jenseitige, das die Texte oft umwölkt (und Friebe in der FAZ schon seltsame Nationalgothic-Vorwürfe eintrug), all die düsteren Bilder und Grusel-Spukigkeiten nehmen in ihrem Pathos stets die exakt richtige Nase voll Humor, so dass es doch nie peinlich wird – was ja bei Sujets wie Astrologie, Hypnose, Aberglaube, etc. durchaus schnell passiert. Die Texte sind klug und wundervoll – und Jens Friebe vermutlich der einzige Mensch, der einen Reim auf „Lawinenhund“ parat hat. Mit diesem Album könnte der verdiente Erfolg nun flächenbrandartig einsetzen. Man merkt ja schon, da knistert’s und dieses schlimme, gramgebeugte Land macht sich, wenn es klug ist, bereit, gerettet zu werden. Schließlich können wir alle eine Stimme gebrauchen, „die beim Tischfußball zu dir spricht: Klapp deine Männchen weg, den Rest mach ich“. Metaphern, die mit Goldbarren nicht aufzuwiegen sind. Ach ja, der Reim auf „Lawinenhund“ ist übrigens „dienen und“. Bestellen bei: Amazon oder iTunes Phillip Boa & The Voodooclub – Decadence & Isolation (Motor) “Decadence & Isolation” - hinter so einem Albumtitel kann entweder nur schrottiger Gothic-Wave stecken – oder eine bauernschlaue Satire von Jack Black oder Liam Lynch. Aber Phillip Boa meint es vermutlich leider ernst mit diesem öffentlich ausgestellten Psycholeiden. Das Album wird vermutlich deswegen so wichtigtuerisch als „Comeback“ angekündigt, weil vor zwei Jahren, als Boa mit „C90“ schon einmal den Kopf aus dem Bau streckte, bereits keiner hinhören wollte. Kein Wunder: Langweilige Zerrgitarren mit Stampfeschlagzeug und öden Hooks brauchte 2003 schon niemand und daran hat sich, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, auch nichts geändert. Boas Stimme torkelt zeitweise an den Noten vorbei wie bei jemandem, der mit einem Kopfhörer auf den Ohren singt, in dem ein völlig anderes Lied läuft. Das war damals auf der Skifreizeit ein lustiges Partyspiel, auf Albumlänge ist es mehr als nur anstrengend. Fazit (mit Pointenübergepäck): Der Boa kann gehen. Bestellen bei: Amazon oder iTunes OST – Almost Heaven (Island / Universal) Herrje, ich soll ja nicht immer Gala-Gossip-Geschichten über Heike Makatsch und ihren Musikerfreund Max (Tomte und Der Hund Marie) schreiben. Aber diesmal geht es fast nicht anders, denn auf dem Soundtrack zu „Almost Heaven“ machen beide endlich zusammen Musik. Alles, was man über den Film wissen muss, steht hier, die Musik ist, wie es sich für den Film über eine Countrysängerin gehört, streckenweise etwas wüstenstaubig und whiskeytraurig. Aber der Film spielt ja nicht in Nashville, sondern in Jamaika: Deswegen dürfen Gentleman, The Jolly Boys oder die fabelhaften Abyssinians auch tüchtig angekiffte Offbeat-Rhythmen ins Spiel bringen. Heike Makatsch, mal solo, mal vom Hund Marie begleitet, singt im Übrigen sehr schön - einzig die Reggaeversion von „Country Roads“ ist schlimmer Schunkelquatsch. Auf den Wiesnhit 2005 geschielt – oder nur auf den Zuschauerschnitt des Films? Bestellen bei:SZ-Mediathek oder iTunes Craig David – The Story Goes ... (Warner) Vor ein paar Jahren war er durch seine Vocals für Artful Dodger der Posterboy der 2Step-Bewegung. Die zwar kurzlebig war – aber hey! auch wieder nicht so schlecht, wie nachher immer alle sagen. Heute: Belangloser R&B-Kuschelpop für Leute, die ihre Wohnung gerne von Sonya Kraus mal „richtig schön“ einrichten lassen. Franz Kasper – Grasshopper And Me (Day-Glo Records) Irgendwo zwischen dem deutschen Adam Green und dem deutschen Ben Folds kann man diesen jungen Herrn verorten – leider mit nicht ganz so guten Songs unterm Gürtel. Aber kann ja noch werden … La Par Force – Work Ethic (Dancing In The Dark Records) Nachdenkliche Regensburger, die sowohl vom Post-Emocore von Bands wie Ashes genascht haben (Zufall, das La Par Force ein Lied diesen Namens haben?) wie auch aus dem Indie-Folk-Honigtopf. Zwei Drittel der CD sind live im Münchner Backstage aufgenommen – und das schockt überraschenderweise deutlich mehr als die schwachbrüstige Studioaufnahme der ersten fünf Lieder. Der Soundtrack der selbstverwalteten Jugendhäuser und Volxküchen allüberall. Bloc Party – Silent Alarm Remixed ( V2 / Rough Trade) Ladytron, Death From Above 1979, Mogwai und viele anderen drehen eines der besten Alben des Jahres durch den Wolf. daniel-erk hat in „Speichern unter“ bereits ein paar MP3-Hörproben aufgetischt. Leckerschmecker. V.A. - I Can't Relax in Deutschland (Broken Silence) In guter alter "Halt's Maul Deutschland"-Manier tun sich Bands wie Tocotronic, Kante, The Robocop Kraus, Stella, Superpunk, Kettcar und viele andere zusammen, um gegen blöden Schwarzrotgoldstolz anzusingen. Alles über das dazugehörige Buch und Projekt, kann man hier nachlesen, auf der CD gibt es wenig Ungehörtes, dafür viel Gutes. Wir wusstens ja schon immer: Popmusik darf nicht dumm sein. Annie - Anniemal (Warner) Wunderherrlicher Kaugummi-Pop mit Plastikgeschmack. Das Album, das keines des Spice Girls solo hinbekommen hat. Lieder wie "My Heartbeat" oder "Chewing Gum" lassen einen das geistige iPod-Rädchen sofort auf Alizeem Madonna und St. Etienne drehen. Scheißperfekt. Außerdem erscheinen diese Woche: Biohazard – Means To An End (SPV) Camille – Le Fil (Labels) Criteria – When We Break (Saddle Creek) Eric Clapton – Back Home (Reprise / Warner) Gemini Five – Black Anthem (Wild Kingdom / Rough Trade) Pitchblack Ltd – (STIYR Records / Rough Trade) Quit Your Dayjob – Sweden We Got A Problem (Bad Taste Records) Stereo MCs – Paradise (PIAS) Supergrass – Road To Rouen (Parlophone / EMI) Hinweis: Ab dieser Woche werden wir in "Reingehört und aufgeschrieben" und in anderen Kolumnen auf jetzt.de auf Webseiten wie amazon.de, die SZ Mediathek oder den iTunes Music Store verlinken. Dort kann man zum Beispiel in die vorgestellten Alben reinhören - und sie bei Interesse kaufen. In letzterem Falle erhält jetzt.de eine kleine Provision vom Verkaufspreis.

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