Geheime britische Band kommt eigentlich aus Deutschland, geheime Popsensation auch, nur Massive Attack kommen nicht aus ihrem E-Prog-Quark.

Reingehört und aufgeschrieben - die Alben der Woche
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

Die Sterne - Räuber und Gedärm (V2) Die neue Sterne-Platte ist wieder so super. Diese Band, diese Qualität seit zwölf Jahren, das hat schon mal ein exaltiertes Begeisterungstänzchen verdient. Dabei unterscheiden sich die Sterne seit Anbeginn ihrer Zeit von allen anderen deutschen Indie-/Rock-/Pop-/ Avantgardebands durch ihre rustikal-geniale Fröhlichkeit und den ewigen Schwung ihrer Lieder. So eine weite Geisteshaltung, so ein freies Aufspielen hat man sonst bei keinem aus diesen Landen. Mit "Räuber und Gedärm" kommt nun wieder eine absolut runde, fabenfrohe Kiste voll mit allerbestem Sterne Groß und Klein und sie ähnelt damit vor allem dem frühen Album „Posen“. Sie können ja alles: Ruhiges, wie das wunderliche „Am Pol der Macht“, mit der Hammerzeile „Und egal wie viel Päpste sterben, es ist noch nicht vollbracht“, genau wie Kracher, als da zum Beispiel wäre der Vollhit „Aber andererseits“. Kein Sterne-Album ohne nicht mindestens zwei gute Mitsing-Shaker, hier sind es vielleicht sogar noch ein paar mehr. Die Texte sind wie stets: weise, verspielt, es geht um den Einzelnen in der irgendwie größeren Welt, um die Abkehr von der Abkehr und erotisches Politisieren feat. mitteldeutsche Orgelmelancholie. Die Sterne 2006, das ist der wunderbarste Beweis von Beständigkeit, den man seit langem gehört hat. Und wenn nicht auch noch die Blumfeld käme, vermutlich das Höchste, was man dieses Jahr aus Hamburg erwarten kann.

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Illustration: Julia Schubert

Motorpsycho – Black Hole / Blank Canvas (Stickman Records) Diese norwegische Band hat sich bisher immer an meinen Ohren vorbeigemogelt - es gibt ja so Bandnamen, die machen einen nicht an und Motorpsycho gehört genau wie Idlewild bei mir dazu. Falls das möglicherweise nur semiprofessionell wirkt, bitte ich, es zu übersehen. Jetzt höre ich dafür gleich das neue Motorpsycho-Doppelalbum komplett durch und bin sehr interessiert. Mit nur zwei Mann Besatzung wird hier ganz schön viel Geräusch pro Sekunde erzeugt. Das ist Rock. Aber nicht so Rock bei dem junge Mädchen und Schöngeist aus dem Zimmer eilen, sondern eher so der Rock, der einen gut im Arm hält, wenn man ein bisschen LSD geschluckt hat. Lieder die ihre Wucht aus dem Zusammenspiel von Leise und Laut, von Weich und Wild ziehen. Es gibt wenige Bands, bei denen das nicht anstrengend wird, die hier können das wirklich sehr gut, ähnlich wie The Soundtrack Of Our Lives. Die Stücke sind wie lange Tage. Der Eröffnungssong „No Evil“ sagt schon alles, mit seiner ruhigen Gitarren-Schranke und dem ganz einfach Schlagzeug: bummzack. Freilich, ob es jetzt ein Doppelalbum sein musste weiß ich nicht, aber es schadet auch nicht.

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Illustration: Julia Schubert

The Beautiful New Born Children – Hey People (Domino) Vom zeitlosen Rock-Doppelalbum aus Norwegen zum zeitgemäßen Rock-Kurzalbum aus der Hitgarage von Domino Records. Was erwarten wir: knackige zwei Minuten Stücke mit Jungsgeschrei und schnellen Gitarren. Was hören wir: Zwei Minuten Stücke mit schon argem Jungsgeschrei und Scheppergitarre ohne erkennbaren USP. Sehr schnell und trash-verzerrt ist das, aggressive Small Faces oder The Sonics mit EU-Führerschein. Wenn ich das richtig scanne, ist da auch keine Hitsingle im Gepäck, so dass sich TBNBC nur schwerlich in die zweite Runde der Hype-Weltmeisterschaft retten dürften. Das Komische: Die kommen aus Deutschland, sind alle weit jenseits der dreißig und sehen ein bisschen aus wie, „Wir sind Helden“-look a likes. Trotzdem von Domino gesignt - das ist ein passables Wunder. Und aus Sorge, die englische Panzerpresse würde sie wegen ungenügender Herkunft und Sexyness ungehört niederrammen, hat die Band ihre Abstammung ein bisschen verschleiert bzw. nicht recht preisgegeben. Geheimnisvoller Punkpop entert die UK-Charts – mal abwarten, ob das klappt?

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Illustration: Julia Schubert

Avocadoclub – Everybody’s Wrong (Firestation Records) Freudige Überraschungen aus Berlin kann man ja nicht genug haben. Diese Band hat auf ihrer Homepage zwar garantiert den nervigsten Hintergrundsound zwischen hier und Wedding, aber der Hintergrundsound den sie mit ihrer Platte erzeugen, ist eines Zungenschnalzens vom Popgott würdig. Hätte ich sie blind verkostet würde ich sagen: USA, 1998, mittlere Lage, im Umfeld von Bands wie Luna und Fountains of Wayne. Sehr reifer und blumiger Jungspop, zart an den richtigen Stellen, locker und weich aufgenommen, Geschmack nach alten Cabrios, Holzfußboden und Sommerhaaren von Mädchen. Sehr gute Stimme von Bendrik Muhs, dem überhaupt alles hier gehorcht und der alles so feingliedrig und bedacht anordnet, dass man an eine Renaissance des deutsche Gitarrenpop glauben möchte (der liegt ja seit dem roten Album von Miles brach). Selten so ein reifes und vielschichtiges Debüt gehört und schon lange nicht mehr, wie ein paar Gitarrenakkorde wieder in solchen Einklang zusammengesungen wurden und mich auch an Pulp und die High Llamas erinnern. Große Sache, Platte der Woche, Reinhören bitte zum Beispiel in „Confessions Of A One-Tricky Pony“ mit den seltsam magischen Refraingrübchen. Rocket Freudental – Wie leben wie Gespenster (trikont) Das Ethno-Label kommt mit einer recht avantgardistischen Low-Geist-E-Punk-Produktion. Einfach gereimte deutsche Gagatexte mit ganz hübschen Klangmosaiken unterfüttert. Viel Lustiges, wenig Erbauliches. Habe ich nicht gerade drauf gewartet, muss aber auch sein, das sehe ich ein. Massive Attack – Live With ME (Virgin) Single, die ein Licht auf das nächste Massive Attack-Album werfen soll und puh, das wird ganz schön düster und kolossmäßig. Streicherarrangements, Wolfsgeheul und Mönchskutten-Mystik auf trockenem Holzgeklacker – schön theatralisch aber nicht von jener universalen Coolness, nach der Massive Attack sonst immer schnupperten. Eher Midlife-Crisis bei Progelektronikers. Noch ein bisschen Hiphop mit hannes-kerber: Kool DJ GQ – Birth Of Kool (Alles Real Records) Kool DJ GQ, der seit 1989 Plattenteller dreht, ist einer der Klassiker unter den deutschen Hiphop-DJs. Jetzt released er ein Album, das mehr ist als ein DJ-Produzenten-Sampler, weil es durch geschickte Mischung verschiedener Acts und von Battle-, Party- und Storytelling-Tracks den fragmentarischen Charakter verliert. Die „alte Elite“ läutet das Album ein: Curse, Tefla&Jaleel, Kool Savas, Dendemann, Ex-RAG-Mitglied Aphroe und Azad. Der musikalische und textliche Höhepunkt kommt aber am Schluß: die beiden Schweizer Sieben und Treyer mit „Prioritäten“. Obwohl man das Schwyzerdütsch eigentlich nicht versteht, berührt das Lied und der eindringliche Rap. Sido & G-Hot – Wahlkampf (Aggro Berlin) Sido und G-Hot erzählen „das Blaue vom Himmel“ (ihr Wahlprogramm): den Block metallicblau streichen und so was. Tony D, B-Tight und G-Hot feiern sich auf „Aggro Berlin Zeit“ selbst und auf dem letzten Lied bringen die drei – ganz unvermutet – sauberes Storytelling. Serk – Diss mich nich (Main Theme Records) “S.E.R.K.” heißt ein Track auf dem Album „Diss mich nich“. Ausgeschrieben - und unverständlich: „Story Er Redet Kacke.“ Das Lied ist ein Seitenhieb auf die Berichterstattung über Serk, einen Berliner Rapper, der auch in der MTV-Serie „Unser Block“ mitspielt, aber trotzdem nicht alle Klischees erfüllt: „Dass ich nie Cans dabei hab,/ liegt möglicherweise daran,/ dass ich einfach nicht male.“ Ein weiteres Schmankerl auf dem erstklassigen Album ist „Ohne Dich“ – die beste, textlich-intelligenteste Umsetzung der Berliner Raphybris: Godsilla und Serk loben sich in einem Dialog gegenseitig in den Himmel und schätzen sich selbst gering. Und das ganze auf einen Xylophon-Beat. Außerdem erscheinen: Steve Tyrell-Songs of Sinatra (Hollywood Records) Rotifer – Before The Water Wars (Wohnzimmer Records) Topper – Once A Punk Always A Punk (Wild Kingdom) The Buckshots – s/t (Franke Boys Records) Heroine – From First To Last Heroines (Epitaph) Voltaire – Heute Ist Jeder Tag (Vertigo) Pelle Carlberg - Everything. Now! (labrador)

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