Geheime Sauforgie - Handgeschnitzter Ventilator fordert nach Wein-Exzess mehr Nettigkeit!

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Broken Social Scene sind eine Familie, die ständig wächst (Foto: City Slang) The Cardigans – Super Extra Gravity (Universal) Eine der vielen schönen Eigenschaften der Cardigans ist, dass sie eine völlig unironische Band sind. Eine, mit der man sich und anderen nichts beweist. Die sich nicht als Modestatement eignet. Die einfach ein ganzes Bandleben hindurch für einen da war – ob mit dem frühen leicht süßstoffigen Plastikpop der Alben „Emmerdale“ und „Life“, dem düsteren Galarock von „First Band On The Moon“ und „Gran Turismo“ – oder den traurigen Oden an den ewigen Schlaf vom letzten Album „Long Gone Before Daylight“. Auf dem neuen Werk „Super Extra Gravity“gibt es nun eine Fortsetzung des wundervollen Stücks „And Then You Kissed Me“, das einige Menschen ja durch manch grimmigen Winter brachte. Sängerin Nina Persson trägt das einst blonde Haar immer noch schwarz und wieder liegt eine große Strickdecke der Betrübtheit über allen Songs. Wie der besorgt Kate Moss hinterhertelefonierende Protagonist in Moritz von Uslars Theaterstück „Freunde“ ist man, wenn man das Album spätnachts anhört, geneigt, bei Sängerin Nina Persson durchzuklingeln. Und prompt Unsinn ins Telefon zu stammeln wie „Don’t be so sad, don’t take so much heroin and please don’t die“. Tut sie vermutlich alles eh nicht, aber man macht sich eben so seine Sorgen. Trotz des vielen Grams und Herzwehs, dass die Platte verströmt, ist sie nicht mehr ganz so matt und folkig, wie die Cardigans zuletzt klangen. Die Gitarren dürfen wieder etwas mehr zerren („Godspell“), das Schlagzeug berserkern („Holy Love“), das Songwriting ist immer noch sehr raffiniert und ausgeklügelt. Der Preis für den Songtitel der Woche geht außerdem an „I Need Some Fine Wine And You, You Need To Be Nicer“ – ganz fantastische Platte. Bestellen bei Amazon oder bei iTunes Broken Social Scene – Broken Social Scene (City Slang) Das bärtige Holzfällerkollektiv wurde hier schon öfter ausgiebig gepriesen und jetzt wollen es die Kanadier noch mal so richtig wissen: Mehr Menschen (anderthalb Dutzend statt bisher einem)! Mehr Ideen (42 pro Lied statt bisher 27)! Mehr Soundschichten übereinander (noch am zählen)! Mehr Freunde, mehr Verbündete – mehr von allem! Hängt die, die von weniger reden! „Broken Social Scene“ ist wie sein Vorgänger „You Forgot It In People“ ein magisches Füllhorn, aus dem ohne Unterlass gute Musik herauspurzelt – und zwar in einer wundervollen Vielfalt, wie man sie sonst nur in einer ganzen Plattensammlung findet. In einer guten, logo. In manchen Momenten verliert sich das Kollektiv etwas im uferlos zerfließenden „Jamming“ und schichtet so viele Instrumente übereinander, das nichts übrig bleibt außer einer Mischung aus Getöse und Brotschneidemaschine. Aber diese Momente sind selten. Die, in denen man mit offenem Mund die Schönheit der Schöpfung und das Wunder des menschlichen Gehörs preist, überwiegen bei weitem. Übrigens: Nagetiere, die in ihrem Bau fröhlich zu Broken Social Scene tanzen, haben auch etwas für diese Musikgruppen übrig: My Bloody Valentine, Pavement und Mercury Rev. Aber machen wir uns nichts vor, auch dieses Album wird einem irgendwann langweilig werden: vermutlich ungefähr dann, wenn man es eine halbe Million Mal gehört hat. Bestellen bei SZ-Mediathek, bei Amazon oder bei iTunes Depeche Mode – Playing The Angel (Mute) Der Anfang der neuen Depeche Mode klingt wie ein Techno-Remix des Neunziger Indiehits „Cannonball“ von den Breeders. Aber dann bei 0:21 ist alles wieder wie immer: Kühle Metallo-Beats, fräsende Keyboardschleifen und Dave Gahans, äh davegahaniger Gesang. Alles schön, alles gut, aber so lange ich auch drüber nachdenke, mir fällt keine Gelegenheit ein, bei der ich so etwas gerade gerne hören würde. Autofahren? Brühe kochen? Sex? Fliesen verlegen? Vögel beobachten? Schnitzen? Nein. Nein. Nein. Nein. Nein und, genau: Nein. Und hey, es gab früher wirklich mal eine Zeit, wo ich zu beinahe jeder Tätigkeit Depeche Mode gehört habe, einschließlich den oben genannten. Aber dann, nach einer Weile kriegen sie mich doch. Zuerst schleicht sich „Precious“ ins sogenannte Oberstübchen, später „I Want It All“, ein Lied nach dem anderen. Also doch nicht so entbehrlich, wie zunächst gedacht – allerdings auch kein wirklicher Fortschritt in irgendeine Richtung. Die 1,50 Meter hohe Marienfigur, die ich zu „Playing The Angel“ geschnitzt habe, kann sich jedenfalls sehen lassen, sagt der Mann von der Volkshochschule. Ach ja, der Preis für den besten Geheimnamen einer Band geht übrigens an “Black Swarm”, so heißen Depeche Mode – vermutlich um böse Internetpiraten in die Irre zu führen – innerhalb ihrer Plattenfirma Mute. Bestellen bei Amazon oder bei iTunes Bernd Begemann und die Befreiung – Die Welt wird uns hören DVD (GHVC / Indigo) Ich weiß nicht, wie viele Tausend Konzerte die Begemaschine schon gegeben hat, wie viele Millionen Minuten er im durchgeschwitzten Anzug auf der Bühne herumgehüpft ist und wie viele Hundert komplett unterschiedliche Versionen seiner Lieder und Ansagen es gibt. Oft habe ich schon gedacht: „Ach, den hat man jetzt genug gesehen“ – nach drei Minuten hatte er einen wieder rumgekriegt. Der Live-Part der DVD ist in diesem typischen öffentlich-rechtlichen Rockpalast-Style gehalten: spackige Einstellungen, pseudowilde Kameraschwenks, es fehlt eigentlich nur ein großer sinnloser Wandventilator, von den WDR-Bühnenbildern in eine falsche Backsteinwand gesetzt. Aber selbst dieses triste Ambiente kann dem grimassierenden Premiumpopstar nichts anhaben. Zusätzlich zu dem Liveauftritt gibt es sechs Videoclips und ein Interview mit Bernd und seiner Begleitband in „A bis Z“-Form. Der Preis für das Zeitdokument der Woche geht ganz nebenbei an das Video zu „Ein Abschied zu viel“, in dem Begemann noch unfassbar jung und mager aussieht und sich mit seiner Band Die Antwort in einer 80er-Glampop-Kulisse bewegt, wie man sie allenfalls aus alten Tempo-Ausgaben kennt. Bestellen bei Amazon Trip Fontaine – Lilith (Redfield) Seltsame Hardrockband, an der das Beste zweifellos ist, dass sie sich nach dem männlichen Protagonisten in dem fantastischen Buch/Film „The Virgin Suicides“ benannt hat. Bestellen bei Amazon Robbie Williams – Intensive Care (Chrysalis / Capitol) Robbie Williams 2005 ist der beste Beweis, warum es doch gut ist, dass das Internet erfunden wurde: Die ziemlich gute Single „Tripping“ herunterladen (legal, damit wir uns da recht verstehen) – und fertig. Die CD mit den ganzen anderen öden Liedern. kann schön im Laden liegen bleiben. Bestellen bei Amazon The Prodigy – Their Law (The Singles 1990 – 2005) Doppel-CD plus DVD (Giant Step / MDM) Nachdem das letzte Album „Always Outnumbered, Never Outgunned” erst mehrfach verschoben wurde und dann gigantisch floppte, jetzt noch einmal eine Besinnung auf die Neunziger, das Prodigy-Jahrzehnt. Von „Voodoo People“ bis „Firestarter“ sind alle Hits dabei (manche wurden neu gemixt), dazu gibt es eine DVD randvoll mit Videos und Live-Auftritten (Glastonbury! Brixton Academy!), bei denen sich der Reiz des Durchgedrehten, der The Prodigy damals zum Biggest Thing On The Planet machte, noch mal gut nachvollziehen lässt. Bestellen bei Amazon oder bei iTunes John Vanderslice – Five Years. Selected Recordings (Barsuk / Indigo) Guter Überblick über das Schaffen des beeindruckenden Songwriters John Vanderslice, über dessen üppige Homepage wir bereits berichteten und der gerne mal mit Bands wie Spoon oder Death Cab For Cutie zusammenarbeitet. . Bestellen bei Amazon oder bei iTunes Denyo – The Denyos (Universal) Denyos zweites Soloalbum - erstes Durchhören: ganz gut. Zweiter Durchgang: langweilig. Drittes Durchhören: Vielleicht, ja vielleicht fängt hier etwas Neues an. Denyo legt, ohne die Beginner, wesentlich mehr Wert auf Reimtechnik und Betonung. Es erinnert mehr an Savas und Azad, nicht textlich, sondern wegen der Tatsache, dass der Versuch Hiphop technisch weiterzubringen wichtiger ist, als einzelne Hitsingles oder auch ein rundes Album. Kein Super-Album, aber vor allem: interessant. (hannes-kerber) Bestellen unter SZ-Mediathek oder bei Amazon Seeed – Next! (Warner) Seeed mit Album Nummer drei und dem besten deutschsprachigen Mix aus Reggae, Dancehall und Hiphop. Wieder eine perfekte Mischung aus Tracks zum nächtlichen Großstadt-Fahrradfahren und Weggeh-Nummern. Dank größerer musikalischer Offenheit und wieder mehr Texten auf deutsch: wunderbar.(hannes-kerber) Bestellen bei Amazon Außerdem sind erschienen: Annie – DJ Kicks (!K7 Records) Bestellen bei Amazon A.R.E. Weapons - Free In The Streets (Defend Music) Bestellen bei Amazon Blockhead – Downtown Science CD & DVD (Ninja Tune) Bestellen bei Amazon oder iTunes Boy Omega – I Name You Isolation (Decoder Records / Alive) Bestellen bei Amazon Chima – Im Rahmen der Möglichkeiten (3P) Bestellen bei Amazon Four Tet – A Joy EP (Domino / Rough Trade) Bestellen bei Amazon Friends of Dean Martinez – Lost Horizon (Glitterhouse / Indigo) Bestellen bei Amazon Germ Attack – Bomb Party (Wolverine Records / Soulfood) Bestellen bei Amazon Gob Squad – Far Beyond Control (Wolverine Records / Soulfood) Bestellen bei Amazon Massive Töne – Zurück in die Zukunft (eastwest / Warner) Bestellen bei Amazon Nea – Nea (B Factory / DA) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Paul Weller – As Is Now (V2 / Rough Trade) Bestellen bei Amazon Propagandhi – Potemkin City Limits (Fat Wreck / SPV) Bestellen bei Amazon Quintron – Swamp Tech (Transsolar / PIAS) Bestellen bei Amazon Rundfunk – Kings & Queens (Decorder Records / Alive) Bestellen bei Amazon Silver Jews – Tanglewood Numbers (Drag City / Rough Trade) Bestellen bei Amazon Staff – If It Ain’t Staff It Ain’t Worth A Fuck (Homesleep Records / Cargo) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Vashti Bunyan – Lookaftering (Fat Cat / PIAS) Bestellen bei Amazon oder bei iTunes Vienna Teng – Warm Strangers (Zoe Records / In-Akustik) Bestellen bei Amazon Warren G – IN The Mid-Nite Hour (Peppermint Jam) Bestellen bei Amazon

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