Harlekins auf Spannbettlaken

Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen.
christoph-koch

Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden.

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Illustration: Julia Schubert

Foto: Wall of Sound / Labels Olli Schulz & der Hund Marie (Grand Hotel Van Cleef) Hubert Kah – Seelentaucher (DA-Musik) Röyksopp – The Understanding (Wall Of Sound /Labels) Maya Saban – Mit jedem Ton (Virgin) Ein Freund besichtigte neulich eine Wohnung in Berlin, für die sich auch Heike Makatsch interessierte. Der Vormieter hatte ein Tomte-Poster in der Küche hängen und Heike, die mit ihrer Mutter da war, stieß diese kurz an: „Guck, das ist die Band von meinem Freund“. Der Freund heißt, wie auch Gala-Leser wissen, Max Schröder und sitzt bei Tomte an den Tasten. Manchmal nennt er sich aber auch „der Hund Marie“. Dann macht er mit Olli Schulz zusammen Singer-Songwriter-Platten. Die zweite, „beige“, ist nicht mehr ganz so ulkig-albern-niedlich wie die das Debüt, weniger Mike Krüger, mehr Tilman Rossmy, an manchen Stellen aber leider auch: mehr Truck Stop. Denn auf Albumlänge geht dieses staubige Countrygegniedel ein wenig auf den Geist. Aber gerade, wenn man schreien will „noch eine einzige Zeile über Asphaltcowboys und Kneipen, und es knallt, Freundchen!“, macht einen Olli Schulz wieder lachen – zum Beispiel mit einem Reim auf „Spannbettlaken“. Mehr zu Olli Schulz gibt es hier. Ach, wie schön ist diese eine Simpsons -Folge, in der Milhouse freudig ruft: „Erinnert sich noch jemand an Hubert Kah? Er ist zurück! In Pog-Form!“ Kennt die außer mir niemand? Vielleicht habe ich auch etwas durcheinander gebracht ... Aber Hubert Kah (einsortieren unter NDW-Sternenhimmel, „Rosemarie“ und „Engel 07“) ist zurück, ob es Milhouse jetzt passt, oder nicht. Von Leuten wie Blank & Jones und Michael Cretu hat sich das „Chamäleon der deutschen Popmusik“ (wenn Presseinfos zu Gründen für den Freitod werden) ein Album zusammenbauen lassen, auf dem neben dem Recycling alter Stücke („Military Drums“, „Wenn der Mond die Sonne berührt“, etc.) auch Neues passiert. Wenn man die esoterischen Schriftschnörkel sieht, in der Songtitel wie „Yolanda“ oder „Fels in der Brandung“ gesetzt sind jubelt man ja kurz: „Geil, der macht jetzt durchgeknallten Mittelalter-Gothic“. Sich selbst inszeniert Hubert Kah im Booklet als eine menschenscheue Mischung aus Herbert Grönemeyer, Hape Kerkeling und „Phantom der Oper“, ähnlich ausschweifend auch der musikalische Horizont: Für ein paar Sekunden meint man, Coldplay zu vernehmen, dann ist man plötzlich mitten drin in der Enigma-Ethnohölle, bevor die Rutsche einen ins künstliche Sven-Väth-Universum schickt. Wie Väth faselt auch Kah in seinen Texten gerne von Harlekinen –Abschiedsgeschenk des gemeinsamen Dealers oder einfach Reminiszenz an gemeinsame Bestellungen beim Posterversand? Aber hey, Schluss mit Häme, das Hubert-Kah-Album ist so weit drüber, dass es im Grunde eine wahre Freude ist. Der RBB Berlin-Brandenburg hat’s schon erkannt und powert seit Wochen die Single „No Rain“ – endlich also auch mal Top-Radio-Entertainment auf den langen Fahrten zu ostdeutschen Festivals, wo man sonst stets an „Radio Regenbogen“ zugrunde geht. „Melody A.M.“ von Röyksopp ist eines von diesen Alben, auf die sich zu Beginn der „Noughties“ jeder einigen konnte. Die bei jedem WG-Essen für Harmonie und beim Auflegenden für die Gewissheit sorgten, Coolness und Massenverträglichkeit würden eben doch zusammengehen. Der Nachfolger „The Understanding“ ist in jeder Hinsicht: größer. Mehr Sound, mehr Schichten, mehr Bombast und – obwohl das ja fast nicht mehr ging: mehr Abwechslung. Röksyopp hauen den Tempomat rein und cruisen von New Order über Brian Eno nach Cornelius und via Prince wieder zurück ins Land der durchgestrichenen Os. „The Understanding“ steckt voller Lieblingslieder, jeder Track bekommt im Lauf der Zeit mal die Ehre. Im Moment: „What Else Is There“ mit toller Gesangsspur von Karin „The Knife“ Dreijer. Wie damals, als Björk noch nicht Tee-mit-Kandiszucker-Musik machte, sondern mit den Sugarcubes die Popmusik aufmischte. Wer die Begeisterung teilen möchte, hört hier in „The Understanding“ hinein. „Guilty by association”, sagt man in den USA, „Sippenhaft“ bei uns. Beides nicht so richtig super, schon klar. Aber was sich Maya Saban an schlechter Gesellschaft leistet, geht einfach auf keine sogenannte Kuhhaut mehr: Stimme des Dance-Projekts Music Instructor, danach Backgrundsängerin bei Sabrina Setlur, erste eigene Tracks für 3P, danach Zusammenarbeit mit Schiller und neuerdings Cosmo Klein und Annette Humpe. Sich mal schön aus allen Welten das Schlimmste rausgesucht, könnte man sagen. „Mit jedem Ton“ ist ein Album wie ein Fitnessstudio. Aufgepumpt, auf Oberfläche reduziert und trotzdem in der eigenen Wahrnehmung total „deep“. „Niemand dreht sich nach dir um, zum Schein / Alle Worte bleiben stumm, allein / Warum hört dir keiner zu, gibt Mut / Warum bleibt dir weiter nichts als deine Wut“. Schad’ ums viele Geld, die diese Produktion hörbar gekostet hat. Außerdem erscheinen diese Woche: Valentine – Ocean Full Of Tears (EMI) Eine 16-jährige Berlinerin am Klavier, die alle ihre Lieder selbst schreibt. Was ja lustigerweise immer automatisch als Qualitätsbeweis gesehen wird. Glatter Pop mit großem Erfolgspotential. Gäbe es Valentine-Aktien, würde ich welche kaufen. Oder muss ich die dann anhören? Geri Halliwell – Desire (Single, Virgin) Unvergessen, die Geschichte, die über Dingsi-Spice kursierte: In einem englischen Pub von einer Gruppe Mädchen mit einem Fotoapparat angesprochen, setzte sich Geri setzte in Positur, lächelte und wartete darauf geknipst zu werden. Doch die vermeintlichen Fans wussten gar nicht, wer sie war, sondern wollten nur, dass Geri ein Foto von ihnen machte. Mathematics – The Problem (Nature Sound/Sony BMG) „If you got something to say, why don’t you just come out and say it?“, ist wohl das Motto des Mathematics-Albums “The Problem”. Der Wu Tang-DJ und –Produzent baut diesen Satz nicht nur in 15 Tracks gefühlte 150-mal ein, sondern sie sind auch alle wieder dabei: Ol’ Dirty Bastard, RZA, Method Man, GZA, Masta Killa, Reakwon. Ein neues Wu Tang-Album also? Nein, „The Problem“ ist ein rundes, puristisches Produzenten-Album – mit allen Wu Tanglern an Bord und schmeckt dabei sehr lecker nach den 90ern. (hannes-kerber) V.A. – Playa Azul: Flamenco Chill (Blue Flame) Chill-Out-Compilations gibt es mittlerweile so viele wie Sandkörner auf Gottes weitem Erdenrund. Besten Dank. Aber diese hier mixt die schönsten Flamenco-Gitarren seit, ähm, „La Isla Bonita“ in die Suppe. Und es schmeckt gar nicht mal schlecht. Musik für dann, wenn man eigentlich gar keine Musik hören will. The Amazing Pilots – Hello My Captor (Décor Records) Schunkeliger Folk aus Irland mit Steel Guitar, Piano, Trompete, Farfisa-Orgel und anderen verschrobenen Old-School-Instrumenten. Mit Sicherheit nicht die Neuentdeckung der Popmusik, aber wenn einen der Praktikant beim Redaktionsgrillen sauber abgefüllt hat, macht’s einem ordentlich gute Laune. Habe ich mir sagen lassen. Bart Davenport - Maroon Cocoon (BB Island / Edel Contraire) Blacknuss – All Your Lovin’Content Records / Edel) Brooke Valentine – Chain Letter (Virgin) Dredg – Catch Without Arms (Interscope/Universal) Ferenc - Fraximal (Kompakt/ Rough Trade) Global Deejays – Network (Superstar Recordings) Lambretta – The Fight (Polar / Universal) The Posies – Every Kind of Light (Rough Trade) Sons And Daughters - The Repulsion Box (Domino/ Rough Trade) V.A. – Summer Sessions 2005 (Milk & Sugar Recordings)

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