Hauptstadtmucke hört sich anders an

Reingehört und aufgeschrieben - die Alben der Woche
caroline-vonlowtzow
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Illustration: Julia Schubert

Cover: mute.de Liars – Drum’s not Dead (Mute) „100% originell, 100% unheimlich und weird, 100% genial“, schrieb das Intro über die letzte Liars-Platte. Nachdem sie mit ihrem Dancefloorpunk-Knallerdebüt erst mal in die Electroclash-Ecke einsortiert worden waren, haben sich die Liars im Nachfolgewerk komplett der Hexerei, der Walpurgisnacht und dem Brocken im Harz gewidmet. Und nun? Aus dem New Yorker Trio ist mittlerweile ein Berliner Trio geworden, aber in Sachen Seltsamkeit ist nach wie vor viel geboten. Auf „Drum’s Not Dead“ batteln sich in 12 Stücken zwei fiktive Charaktere, zwei widerstreitende Prinzipien: „Drum“ und „Mount Heart Attack“. Drum ist energisch, produktiv, direkt und kreativ. Er ist dank jeder Menge Perkussion und rhythmischer Trommelei nicht zu überhören. Mount Heart Attack ist dagegen die Verkörperung von Stress, Unsicherheit und Selbstzweifel. Zwei Prinzipien des künstlerischen Schaffens also. Die Stücke heißen denn auch so wie „Be Quiet Mt. Herat Attack“ und „Visit from Drum“. Die Platte beginnt erstaunlich ruhig mit einem verhallten Gitarrenteppich und einer Stimme wie hinter Nebelschwaden. Danach nehmen die Klangattacken und das Gitarrengedröhne aber erst mal wieder zu, bis es dann mit „Drum Gets A Glimpse“ geradezu harmonisch wird. Und das bei den Liars! Aber eine ordentliche Portion Düsternis und Geisterschauder ist immer dabei, selbst bei dem wunderschönen, fast schon konventionell klingenden letzten Track „The Other Side Of Mr. Heart Attack“. „Drum’s Not Dead“ ist dabei nicht nur ein auditives Erlebnis, sondern auch ein visuelles. Auf einer zweiten CD sind 36 Kurzfilme zu sehen, die von Backstage-Reiseberichten über surreale Animationen bis zu SciFi-Mini-Epen reichen. Das ist alles spannend und lustig und interessant, aber – ganz ehrlich – anhören kann man es sich eigentlich nicht wirklich. Hier und hier kannst du das wunderbare „The Other Side Of Mr. Heart Attack“ anhören und ansehen und Hier und hier „It Fit When I Was A Kid“.

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Illustration: Julia Schubert

Cover: labelsmusic.de NMFarner – Das Gesicht (Labels) Die Goldenen Zitronen ist das erste, was mir durch den Kopf geht, als ich in „Das Gesicht“ von NMFarner reinhöre. NMFarner ist die Band des Schweizer Comic-Zeichners und Schlagzeugers der Deutsch-Indie-Legende Knarf Rellöm Christian Farner und der Berliner Norman Nitzsche und Masha Qrella, die man von Mina und Solo kennt. NMFarner wandeln in den Spuren von Bands wie Von Spar und achtziger Jahre inspirierten Disco-Punk. Die Referenzen sind deutlich hörbar, was mich aber nicht stört. Schrill und laut ist es und der Ausdruck Punk beschreibt die Musik oft besser als das Wort „Disco“. Manchmal wie beim „10. Stock“, „Der Dreckige Dreh“ oder „Neu hier“ wird es richtig tanzbar und hittig, manchmal - wie bei „Another Me“ - nervt die Monotonie der Melodien aber auch etwas. Aber mir ist es allemal lieber so, als wenn sie – was ja gerne mal gemacht wird – noch einen kräftigen Schuss Pop-Sauce über alles drüber gegossen hätten.

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Illustration: Julia Schubert

Cover: universal-rock.de Jack Johnson And Friends – „Sing-A-Longs and Lullabies for the film Curios George (Universal Rock) Mit “On and On“, dem zweiten Jack-Johnson-Album, das im Herbst 2004 erschien, hat die Jack-Johnson-Welle auch Deutschland überrollt. Diese sanfte Stimme, die einfache Instrumentierung überwiegend mit Gitarre, die beschwingten Melodien: es sind immer Alben für die ganze Familie, die der Surfer, Familienvater und Filmemacher produziert. Auch das neue Werk „Sing-A-Longs and Lullabies“ wird nicht nur Kinderherzen beglücken, obwohl es eigentlich der Soundtrack zu dem Kinderfilm „Curios George“ ist. Curios George ist ein kleiner stummer Affe und wurde schon 1941von einem gebürtigen Hamburger, der während des Nationalsozialismus nach Brasilien emigrierte, als Comicfigur erschaffen. 25-Millionen-fach haben sich die Bücher angeblich verkauft und nun werden die Geschichten des Äffchens verfilmt, das seinen Dschungel verlässt, weil es von einem Mann adoptiert wird. Gemeinsam mit Freunden wie Ben Harper hat Johnson dem stummen Affen eine Stimme gegeben und covert dafür zum Beispiel den White-Stripes-Hit „We Are Going To Be Friends“. All das geschieht natürlich in gewohnter Johnson-Qualität. Da gibt’s’ wenig zu kritteln, aber es ist auch alles andere als überraschend. Nach den beiden eher anstrengenden Alben von oben aber durchaus eine angenehme und beruhigende Verschnaufpause. Doch an „On and On“ reichen die Mitsing- und Schlaflieder nicht ran.

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Illustration: Julia Schubert

Cover: johnvanderslice.com John Vanderslice – Pixel Revolt (Barsuk Records) In Sachen Singer-Songwritertum überzeuget mich John Vanderslice und sein neues Album „Pixel Revolt“ wesentlich mehr als der neue Jack Johnson. Ausgefeilte, detailverliebte Arrangements mit Klavier, Streichern, Gitarre, Glöckchengeklingel, herrlichen Harmonien und einer zerbrechlichen Stimme. Und noch dazu mit einer großen Vielfalt, die von Gitarren-Hymnen bis zu zart hingehauchten Nummern reicht. Genauso wie das Label, bei dem er erscheint, könnte man auch den Kanadier Vanderslice als Indie-Inventar bezeichnen, bringt er doch schon sein fünftes Album raus und in seinem Tonstudio in San Francisco hat er mit fast allen Großen des Indierock an deren und seinem Werk gearbeitet: Death Cab For Cutie, Spoon, Mountain Goats etc. Und wenn man sich „Pixel Revolt“ anhört, kann man verstehen, dass sie alle große Vanderslice-Fans sind. Man kann nur hoffen, dass auch er endlich so etwas wie einen Durchbruch schafft und ihn bald genauso viele Menschen kennen wie Jack Johnson. Als zart-orchestrale Pop-Ode hat ein Kritiker seine Stücke bezeichnet und wenn man zum Beispiel "New Zealand Pines“ hört, weiß man, was damit gemeint ist. Mein Album der Woche. VA – Voices Against Poverty. The German Contribution (Four Music) „Wo sind denn jetzt die Jobs der 90er Jahre geblieben? / Mit Gute-Laune-dot-com und Partyinsel im Süden“, singt Michi Beck von den Fantastischen Vier. „Aus dem Auge aus dem Sinn. / Stell Dir vor es ist Klassenkampf / und keiner geht hin.“ Mit dem Sampler „Voices against poverty” unterstützen deutsche Rapper, Reggae- und Soul-Musiker die UN-Millenniumkampagne (www.millenniumcampaign.de). Man tut durch den Erwerb nicht nur etwas gutes, sondern bekommt nebenbei auch noch einen erstklassigen 15-Track-Querschnitt durch den Hiphop der letzten Jahre: Savas, Curse, Seeed, Afrob, Gentleman, Samy Deluxe, Clueso, EinsZwo und viele mehr. (hannes-kerber) VA – Bock auf’n Beat Compilation 1 (No Limits) Fast H und Rik Marvel sind zwei der erfolgreichsten Hiphop-Produzenten Deutschlands und bilden zusammen „Bock auf’n Beat“ (BAB). Jetzt haben sie sich einige Künstler mit denen sie in den letzten Jahren gearbeitet haben ins Frankfurter Studio geholt und einen Sampler zusammengestellt. Gleich der erste Track – ein Skit – stellt klar: „Is kein Album von uns! Einfach nur ne Compilation.“ Hier ist der einzige Punkt an dem die Platte krankt. Suaves „Make it!“ steht neben „Wir bewahren die Haltung” von den Lieblingsrappern. Und das passt manchmal nicht ganz. Jedes Lied für sich ist es ein wunderbarer Überblick über die BAB-Arbeiten, die auf uns zukommen werden. (hannes-kerber) No Te Va Gustar – Aunque Cueste Verel Sol (Übersee Records) In ihrer Heimat Uruguay werden sie geliebt für ihren Latin-Ska-Rock-Reggae und als Volkshelden gefeiert. Gemeinsam mit La Vela Puerca und Abuela Coca bilden sie eine Art Triumvirat, das langsam auch hierzulande bekannter wird. Leider verstehe ich die Texte nicht, aber das Plattenlabel preist die zahlreichen Anti-Globalisierungs-Hymnen von No Te Va Gustar an wie etwa "Reevolución" (sie haben auch schon mehrfach bei Veranstaltungen von Attac-Deutschland gespielt) und den Beitrag „No te quiero acà“, der auf einem Anti-Bush-Sampler in Argentinien erschienen ist. Eignet sich also bestens, um Che-Guevara-T-Shirts aber auch gänzlich unpolitische Menschen zum Tanzen zu bringen. Außerdem sind erschienen: Chris Brokaw – Incredible Love (Acuarela) Telex - How Do You Dance (Labels) Einstürzende Neubauten - On Tour With Neubauten (Monitorpop) This Ain’t Vegas - The Night Don Benito Saved My Life (Jealous Records) Anouk – Hotel New York (Virgin) Matchbook Romance – Voices (Epitah) Danko Jones - Sleep Is The Enemy 8Bad Taste Records) Thounderbords Are Now! – Just A Mustache (French Kiss) Jesse McCartney – Beautiful Soul (EMI) Kate The Cat - Love (Poolside Records)

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