Helsinki schlägt Skandinavien

Reingehört und aufgeschrieben - die Alben der Woche
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

The Legends, Photo by Kjell B Persson / labrador Architecture in Helsinki - In Case We Die (V2 / Rough Trade) Der kleine Weihnachtshype aus, schluck, Australien. AIH unterstützen den Trend zur Großkapelle mit einem Aufgebot von 40 mitwirkenden Musikern. Das, was man von denen hört ist vor allem erst mal eins: komisch. Komisch sowohl im Sinne von lustig, als auch im Sinne von ungewohnt. Aus einem Pop-Style-Funk-Peloton schälen sich da verschiedenste Einzelfahrer mit Elektronik-, Rap- oder Sweetpop-Hemdchen heraus, nicht ohne bald wieder vom Hauptfeld eingeholt, bzw. ungerührt zu Sturz gebracht zu werden. Zusammengehalten von diffus-lieblichen Rhythmusmotiven entstehen so ganz imposante Gemälde - sehr bunt und mit viel Fingerspitzengefühl verwurschtelt. Seltsam, dass diese sperrigen, liebenswert kaputten Arrangements so schnell zum Lieblinsding wurden, was sie aber gut bleiben könnten. Wer gerne das Go!-Team mit seinen kakophonischen Universalkompositionen hört, kann sich auch mit AIH anfreunden. Idaho – The Lone Gunman (Retrophonic) Schön, dass es noch ungehörte Bands gibt, in denen man sich gleich zu Hause fühlt und von denen man sich anfassen lassen möchte. Mutterbands quasi, Idaho ist so eine. Ein Haufen guter Klänge, angehäuft von dem kalifornischen Faktotum Jeff Martin. Der arrangiert ausgefeilter als Turner, vermischt Ambient-Pop Klänge mit anspruchsvollem Kanada-Style-Postpop, was aber gar nicht so wichtig ist, es klingt einfach sehr gut. Musik mit Samtkragen und Kerzengeruch. Zwischendurch mal Chopin-Geklimper, Waldhorn und Fagott mit Notwist-artigem Gedängel dazu. Das gefällt sehr. Das ist wie American Analog Set mit ätherischen Ölen. Das entspannt die ganze verdammte Situation. Blackmail - Aerial View (City Slang) Blackmail sind ja irgendwie die Muse vom Bodensee, nur nicht so gut. Eine Band, die man aus Versehen und nur wegen ihrer müden Präsenz doof finden könnte. Das ist aber ungerecht, denn was sie hier vorlegen, neuerdings auf dem soliden City Slang-Label, ist nicht übel. Es ist halt, gottverdammich, so Rock. Slut machen ihn irgendwie netter, Readymade irgendwie globaler und Naked Lunch trauriger als Blackmail, aber die haben dafür einen sehr guten Zug, viel Schnelligkeit, viel hartes Schlagzeug, das den Kopf freiballert. Und die Stimme von Sänger Aydo Abay hat einen hypnotischen Kehlkopfcharme, der darüber gut shoutet. Die Gitarren sind Brecher, aggressive Attacken, gelegentlich auch abgedroschen, aber wenigstens nie langweilig. „Moonpigs“ und „Everyone Safe“ dürften in Kellerclubs gerne gehört werden, von Menschen, die denken, sie müssten was gegen Britrock haben. Inhaber von viel Charme sind Blackmail ja eher nicht, vielmehr solide Handwerker im Weinberg des Herrn Ohropax. Aber bitte, in schlechten Zeiten kann man sich dafür auch auf sie verlassen. The Legends – Public Radio (Labrador Records) Die lieben Legends! Verdiente Teilnehmer der großen „Schweden rockt die Welt“- Veranstaltung, der man ja gerne beigewohnt hat. War das letzte Album noch von zünftigem Hauruck-Gitarrenpop beseelt, zu dem man ganz fröhlich herumhüpfen konnte, hat die Legends nun auch der „Love will tear us apart“-Virus befallen, der in ganz Musikschweden kursiert. Von Echo und Hall entrückte und vom Synthiebeat angeführte Lieder wollen sie jetzt verkaufen. Leider berzt das nicht mehr so frisch und munter, sondern klingt eher etwas altbacken wie das, was Eskobar vor einigen Jahren schon mal ganz schön gut nachgemacht haben. Achtziger-Revival war doch grade erst. Reinhören sollte man trotzdem mal, vielleicht in „He knows the Sun“, denn die Hook-Lines stimmen immer noch bei den Legends und wie alle schwedische Musiker halten sie auch brav das Unterhaltungsgebot ein. Es rummst eben nicht mehr so, wabert eher im Pet-Shop-Boys-Halbschlaf. Aber vielleicht sind die Rumms-Zeiten auch vorbei und es hat mir nur keiner gesagt. Carpark North – All Things To All (EMI) Wir bleiben in Skandinavien und zwar beim Dänen. Der Däne hat auch ein gesteigertes Interesse an guter Popluärmusik und bringt regelmäßig Erstaunliches hervor. Das Land selber ist ja abgesehen vom Meer recht fad und unsympathisch, weil überall riesige Fabrikhallen stehen, die für ganz Europa geschmacklose Lebensmittel produzieren. So installiert man Metaphern! Es wäre ein Leichtes nun zu sagen, die Band Carpark North schmecke ebenfalls wie ein Produkt solcher Fabriken. Macht man das? Nein. Die sind schon okay, diese dänischen Buben mit ihrem perfekt produzierten Epochalpop, mit Chor und Hochglanzpiano auf solidem Depeche-Mode-Fundament. Vor Ort sind die Carparks zwar schon topangesagt, ich würde aber mal behaupten, dass sich hier niemand so recht dafür interessieren wird, außer vielleicht die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein. Auf was hat die EMI da gehofft? Irgendwas zwischen HIM und Tokio Hotel an Land gezogen zu haben? Ja, okay, komme ich eben auf beides nicht ganz klar.

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Illustration: Julia Schubert

Miss Kittin, Photo: Labels Miss Kittin – Live at Sonar (Labels) Wem es zu kalt ist, der sollte sich vom Briefträger eine Heizung und diese flotte Scheibe bringen lassen. Die überaus steile Miss Kittin legte an einem sonnigen Nachmittag auf dem Sónar-Festival in Barcelona auf. Und irgendwie fühlt man die Sonne und die schwitzenden, tanzenden Menschen, für die sie da hinter dem Plattenteller stand und lauter Lieblingssongs ineinader mixte, bzw. durch den Fleischwolf ihres guten Geschmacks drehte. Die, die da waren, sprachen das restliche Festival angeblich über nichts anderes, als diesen Auftritt. Die, die nicht da waren, sitzen frierend zu Hause und bekommen eine zweite Chance auf sanftsonnige Neo-Electronica aus zarter Hand. Außerdem erscheinen diese Woche: OST – Vampyros Lesbos (Crippled Dick Hot Wax) Mike Brosnan – Beneath Southland Skies (Flying Kiwi Music)

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