In tiefste Tiefen und höchste Höhen: Mit Platten von Jon Auer, Juli und den Bright Eyes

Die Alben der Woche: Jon Auer, Ty, Juli, Bright Eyes, Glacier und anderen
caroline-vonlowtzow
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Illustration: Julia Schubert

Jon Auer – Songs From The Year Of Our Demise (Devil Duck) Wer seine Platte mit einer Hommage an die Serie „Six Feet Under“ eröffnet, kann gar kein schlechtes Album machen. Und wer den Namen Jon Auer kennt, würde auch nichts anderes vermuten. Als sich seine Band The Posies 1998 vorübergehend auflöste, schien es nur ein Frage der Zeit, bis der Posies-Gitarrist Jon Auer sein Debüt-Solo-Album vorlegen würde. Doch die Länge des Albumtitels scheint mit der Zeit zu korrelieren, die Auer an diesem Werk gearbeitet hat: fünf Jahre. „Songs From The Year Of Our Demise” hört sich wie ein Tagebuch an, das Auer in einer nicht ganz einfachen Phase seines Lebens begleitet hat und dem er alles anvertraut hat: Scheidung, Heirat einer alten Liebe, Vater werden, Alkoholismus … Von höchste Höhen in tiefste Tiefen: „Ich habe diese Platte immer als Soundtrack gesehen, der am Ende einer für mich extrem aufregenden Zeit steht“, sagt er. Und diese Zeit schlägt sich natürlich auch in der Musik nieder: wunderbarere, balladeske und gleichzeitig rockige Lieder mit herzzerreißenden Melodien. „I’ll Come Closer“, singt Auer in „You Used o Drive Me Around“. Und das ist gut so, dass er uns so nahe kommt.

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Illustration: Julia Schubert

Ty – Closer (Big Dada) „Wait a minute“ hieß der große Hit auf Tys letztem Album „Upwards“, das 2003 für den Mercury Prize nominiert war. Neben The Streets, Roots Manuva oder Dizzee Rascal gehört Ty zu Englands bekanntesten MCs und den Erfolg von „Upwards“ hat er erst einmal genutzt, um den Globus zu bereisen und ausgiebig zu touren. Deshalb musste man bis zum neuen Album „Closer“ auch etwas länger als nur eine Minute warten. Auf diesen Reisen hat er wohl einige neue Freunde gefunden, die sich denn auch alle auf „Closer“ versammelt finden. Darunter De la Soul und Speech von Arrested Development. Mit den Gerüchten, die über ihn in Umlauf seien (Apparently I walk with a thousand grand/ And love fat girls dipped in marzipan“) eröffnet Ty sein neues Album. Dazu tönen Keyboard-Melodie-Fetzen, vereinzelte Gitarren-Akkorde und ein eingängiger Schlagzeug-Beat im Hintergrund - sehr rhythmisch und ohne große Produktionsschnörkel. Geradezu minimalistisch. Spätestens beim dritten Stück (sehr poppig) hört man aber, dass ihn die USA-Aufenthalte beeinflusst haben: die Neptunes, Timberland und Kanye West lassen grüßen. Aber auch der von „Upwards“ bekannte broken Hiphop ist nicht verschwunden und dennoch hört sich das Album komplett aus einem Guss an. Auch hier: Come closer.


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Illustration: Julia Schubert

Bright Eyes – Noise Floor (Rarities: 1998-2005) (Saddle Creek) Ach, der Conor, der ist halt schon arg lieb und leidet immer so schön. Das kann man sich ja eigentlich immer anhören, selbst wenn er nur murmelt wie im Opener von „Noise Floor”. „Noise Floor“ ist eine Sammlung ausgewählter Bright Eyes-Singles, unveröffentlichter Tracks, Kollaborationen mit anderen Künstlern und Cover-Songs, die alle zwischen 1998 und 2005 entstanden sind. Eine Sammlung also, die die Entwicklung der Band vom Kellerprojekt zum internationalen Hype nachzeichnet. Und obwohl viele Songs sehr minimalistisch, oft nur mit Gitarre, Gesang und Percussion daherkommen und manchmal auch nur auf Kassette und 4-Spur-Gerät aufgenommen worden sind, blitzt die Brillianz des Songwriters Oberst doch bei jedem Song auf. Gerade das Unfertige entwickelt dabei einen großen Reiz und eine ganz eigene Intensität, die diese Sammlung so interessant machen.

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Illustration: Julia Schubert

Juli - Ein neuer Tag (Universal) Jetzt erst mal kurz eine Pause von den Herz-Schmerz-Songs. Denn mangelnden Optimismus und zu wenig Zuversicht, kann man Juli nicht vorwerfen: „Ich liebe dieses Leben, ich liebe den Moment, in dem man fällt, ich liebe diesen Tag, ich liebe diese Welt“, singt Frontfrau Eva Briegel. Aber bei der Bilanz, die die Band seit ihrem Debüt-Album vorlegen kann, wundert das auch nicht. "Es ist Juli" hielt sich 74 Wochen in den deutschen Charts und wurde nach 700.000 verkauften Platte mit Triple-Platin veredelt. Mit den Hymnen "Perfekte Welle" und "Geile Zeit" erspielten sie sich in den letzten zwei Jahren ein stetig wachsende Fangemeinde und haben einen großen Einfluss auf die hiesige Musiklandschaft gehabt. Und wie geht es der Band, die sich schon Ende der 90er Jahre gegründet hat, heute - vor der Veröffentlichung des nach einem Riesenerfolg immer nicht ganz leichten zweiten Albums? „Sind wir nicht immer noch die selben“, heißt es gleich im zweiten Song „Du nimmst mir die Sicht“. Im Interview betonen sie jedenfalls, dass sie immer noch Freunde sind und Gleichgesinnte und dass es ihnen immer darum geht, gute Songs zu schreiben, Gefühle, Geschichten und Gedanken zu transportieren. Das tun sie auch nach wie vor. Überhaupt sind sich Juli ziemlich treu gesehen – wenn man mal von der neuen Haarfarbe von Sängerin Eva absieht.


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Illustration: Julia Schubert

Glacier – A Sunny Place For The Shady People (Staatsakt) Glacier ist die neue Band von Tocotronic-Gitarristen Rick McPhail und “A Sunny Place For The Shady People” ist ihr Debüt-Album. Ein sehr schönes, ruhiges, sphärisches Debüt, bei dem die Gletscher schmelzen und sich das ewige Eis verflüssigt. Bei dem einem ein eisiger Schauer über den Rücken läuft und gleichzeitig die sich im Weiß brechende Sonne blendet. Mal sehr konzentriert nur mit Gesang und akustischer Gitarre, mal bombastisch auswuchernd. Ein Album, das man laut McPhail nicht beim Staubsaugen oder spülen hören kann, das aber ein treuer Begleiter für dunkle Winterabende werden könnte. The Great Bertholinis – Objects Travel In More Than One Direction (Hazelwood Vinyl Plastics) Kann mir jemand sagen, was „onomatologisch” bedeutet? Bei Wikipedia oder im Duden gibt es dazu jedenfalls keinen Eintrag. Wenn man das Wort googelt, findet man es in Zusammenhang mit dem Papst, dem Kaiser Augustus und die „philosophisch-onomatologischen Deutungen der Tradition“ im Judentum. Warum das in Zusammenhang mit den „Großen Bertholinis“ interessant ist? Nun, das dem album beigelete Infoblatt über die Band beginnt folgendermaßen: „Onomatologisch plausibel erscheint, dass sich die Legende der fahrenden Artisten-Dynastie Bertholini da einst in dem kleinen ungarischen Dorf Átánly ihren Anfang nahm.“ Das Info hat mich sehr an die legendäre „Fast Forward“-Sendung erinnert, in der Charlotte Roche aus den Infos der Plattenfirmen vorlas. Die Great Bertholinis wollen jedenfalls Nachfahren der großen Zirkusfamilie sein und kommen angeblich au Ungarn. Wie auch immer, die Platte Great Bertholinis ist ein durchaus zirzensisch zu nennendes Spektakel zwischen Walzer, Polka, Bluegrass, Ska, Pop und Tradition und ein gelungenes Debüt. Henrik Schwarz – DJ Kicks (!K7) Ich habe überhaupt keine Ahnung von der Kunst des DJings und des Remixens und ich weiß nicht, was sich da sonst noch so alles tummelt. Aber dass die !K7 Reihe DJ Kicks so etwas wie der Heilige Grahl der DJ-Mix-Alben ist, habe sogar ich mitbekommen. Und ohne eine Ahnung zu haben, bin ich schon vom ersten Track, den Henrik Schwarz hier vorlegt, komplett beeindruckt: Henrik Schwarz hat sich für seinen Ausflug in den Mix-Himmel nicht etwa die derzeit angesagtesten Tanzflächen-Tracks rausgesucht, sondern den Jazz-Klassiker „Bird’s Lament“. Das ist eine regelrechte Sound-Skulptur, die ich nicht beschreiben kann. Die muss man hören. Außerdem sind erschienen: IAMX - The Alternative (PIAS) Clinic – Visitations (Domino Records) P. Diddy – Press Play (Atlantic) Station 17- Mikroprofessor (Neuton Med) These Arms Are Snakes – Waster (Jade Tree) Instant Wilkie – Big In Japan (Lichterkettentraucher) Hanna Hais –Rosanova (Atal Records)

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