Köpfe rollen, aber Hilfe ist im Anmarsch

PhonoNet The Fall – Fall Heads Roll (Slogan / Sanctuary Records): Mark E.
caroline-vonlowtzow
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

PhonoNet The Fall – Fall Heads Roll (Slogan / Sanctuary Records): Mark E. Smith und The Fall: seit Mitte der 70er Jahre sind sie zusammen aktiv, wenn auch von den Ursprungs-The Fall nur noch Mark himself übrig ist. Dieser erhaben verrückte, heilig zornige und mittlerweile zahnlose Berufs-Misanthrop, übermächtiges Vorbild und Ahnherr aller Franz Ferdinands, Bloc Partys, Futureheads und Art Bruts. Punkrocker seit über 30 Jahren und rund 40 Alben. Nun also wieder ein neues Werk mit dem lustigen Titel „Fall Heads roll“. „Ich bin Hooligan“, sagt Smith von sich selbst und auf „Fall Heads Roll“ nöhlt, spuckt, grummelt und schimpft er wie eh und je zu repetitivem, uneinsichtigem, rotzigem Schmalspurrock. Von den Texten verstehe ich abgesehen vom Refrain leider kein Wort. Ich muss ja zugeben, dass ich lange nicht warm geworden bin mit dieser Lieblingsband des Obermusikgurus John Peel. Aber nach diesem Jahr der The Fall-Nachfolgebands war ich nun um so gespannter auf das Original. Und spätestens beim Stücken “I Can Hear The Grass Grow”, dem sechsten auf der Platte, hatte sich der alte zornige Mann in mein Herz gespielt. Es scheppert herrlich, Mark E. Smith singt eher schlecht als recht, aber doch großartig über eine für The Fall fast schon fröhliche Melodie. Nicht alle Stücke sind so toll, aber auch “What About Us”, “The Assume”, “Clasp Hands” oder „Early Days of Channel Führer“ können locker mit „I Can Hear The Grass Grow“ mithalten. Bleibt mir nur zu sagen: Lang lebe das Original. Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Diverse – Help: A Day in The Life (Pias): Am 8. September 2005 stürmten um zwölf Uhr mittags 22 britische Bands ihre Studios, um jeweils einen Song aufzunehmen. Nur 24 Stunden später standen sie zum offiziellen Download im Netz und sind nun auch auf CD erschienen. „Help: A Day In The Life“ heißt das Werk und darauf vertreten ist die Crème de la Crème der englischen Popmusik diesen Jahres und überhaupt. Coldplay, die Gorillaz, die Kaizer Chiefs, Elbow, Maximo Park, Antony & The Johnsons und sogar - man höre und staune - Radiohead sind mit einem brandneuen und noch dazu sehr sehr tollen Song vertreten. Und damit hat man immer noch nicht alle Größen aufgezählt, die auf diesem Sampler zu hören sind. Man kann sich schon denken, dass die Künstler das nicht mal eben so machen. Die Compilation wurde vom dem Pojekt War Child initiiert, einer Organisation, die sich um physische und psychische Wunden kümmern, die Kinder aus einem Krieg davon tragen und vor zehn Jahren schon einmal ein War Child-Album veröffentlichte. Alle Erlöse von „Help“ werden deshalb zugunsten von Kindern und Jugendlichen im Irak verwendet. War Child organisiert damit Lebensmittel, Medizin, psychologische Unterstützung und kümmert sich auch um die Bildung der Kinder. Aber mal ganz abgesehen vom guten Zweck, ist „Help“ eine äußerst hörenswerte Platte, auch wenn nicht alle Stücke der Oberhammer sind. Neben Radiohead sind die Manic Street Preachers mit einem neuen Song vertreten, die Kaizer Chiefs coverten „I Heard It Through The Grapevine“, Razorlight werden bei „Kirby’s House“ durch einen gut gelaunten Gospelchor verstärkt, die Babyshambels schrammeln schön wie immer und Antony und seine Johnsons sind mit Boy George ins Studio gegangen und haben (nicht lachen!) „Happy Christmas, War Is Over“ aufgenommen. Ein bisschen arg auf die Tränendrüse gedrückt vielleicht, aber ein spitzenmäßiges Weihnachtsgeschenk, diese Platte. Man kann ja schließlich nie früh genug mit Ideensammeln anfangen. Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Spillsbury – 2 (L’Age D’Or): "Das ist kein Elektro-Punk mehr, sondern Mayday-Punk", hat mal jemand über die Musik von Spillsbury gesagt. Das war bei der ersten Platte. Ich finde auch auf das neue Album „2“ trifft dieser Satz genauso zu. Immer noch rast der immergleiche Drum-Computer und das immergleiche Synthie-NDW-Gepiepse durch fast jedes Lied. Immer noch singt Zoe Meissner stakkatohaft über die monotonen Melodien. Davon weichen lediglich das Lied „Common Sense“ und vor allem das schöne Verlassenwordensein-Stück „Zwei von vielen“ ab, wo es tatsächlich mal etwas ruhiger und melodiöser zu geht. Was ich aber immer schon mochte an Spillbury, ist, dass sie sich trotz aller „Neue Deutsche Welle“-Anleihen nicht nach Schlager anhören wie viele andere der neuen deutsch singenden Bands. „Es ist gleich vorbei“, singt Zoe in „Fade Away“ und vielleicht ist das der Grund, warum sich Spillsbury von anderen Deutsch-Pop-Bands abheben. Spillsbury thematisieren in ihren Texten zwar den Alltag, mit dem man sich herumplagen muss. Unbezahlte Rechungen, Angeschlagensein oder das Gefühl, dass mal wieder alle mehr wissen als man selbst. Aber sie schaffen es, durch ihre auf Anschlag gedrehte Musik diesen leidigen Alltag zu beschleunigen und dadurch erträglich zu machen. Das ist ja schon mal was. Bestellen bei Amazon Chumbawamba – A SingSong And A Scrap (Edel): Es scheint die Woche alter Helden zu sein. Auch Chumbawamba sind wieder mit einem neuen Album da. Mit ihrem Welthit „Tubthumping“ aus dem Jahr 1997 hat „A SingSong and a Scrap“ allerdings nicht mehr viel zu tun. Doch auch mit dem neuen Album machen Chumbawamba einmal mehr die Revolution tanzbar. Wenn sie auch mittlerweile etwas ruhigere Tänzchen bevorzugen. Chumbawamba waren und sind Musikrebellen. Immer wieder haben sie es geschafft, mit Ohrwurm-Melodien system- und gesellschaftskritische Texte zu vermitteln. In einem besetzten Haus in Leeds fingen sie 1983 an und sangen gegen alles an, was für die Regierung der eisernen Lady Thatcher stand. Jetzt haben sie mit diversen Folkgrößen ein Akustik-Album aufgenommen, mit dem sie durch die Geschichte radikaler englischer Lieder reisen und sie durch eigene Songs ergänzen. Die Geschichte des reichen, aber völlig einsam gestorbenen Lords William Francis aus dem 17. Jahrhundert wird erzählt. Einen Song, den italienische Partisanen sangen, als sie in den Kampf gegen die Faschisten zogen, dichteten sie auf die Ereignisse des G8 Gipfels in Genua um. Ich muss gestehen, dass ich am Anfang keine so rechte Lust hatte, mir das Album anzuhören. Aber kaum hatte ich die CD eingelegt, war ich verzaubert. Zarte Popmelodien, weltliche Chormusik mit Titeln wie „Walking into Battle with The Lord“, akustische Gassenhauer und natürlich diese wunderbaren fünfstimmigen Songs und Refrains. Selten waren eine Geschichtsstunde über Protest schöner und kurzweiliger. Bestellen bei Amazon Boyskout – School of Etiquette (Alive) Die Mission der amerikanischen Boyscouts ist es, junge Menschen dazu zu bringen, sich ethisch und moralisch zu verhalten. Gegenüber Homosexuellen scheint dies aber für Boyscouts nicht immer zu gelten. Ein amerikanischer Pfadfindergruppenleiter wurde sogar wegen seiner Homosexualität von den Pfadfindern ausgeschlossen. Sich ethisch und moralisch verhalten, das ist auch ein Anliegen der Post-Rriot-Grrrl-Band Boyskout. Allerdings ist ihr Moralbegriff nicht so eng gefasst wie der der Boyscouts. Die vier Damen und der trommelnde Herr singen über Sex und Geschlechterrollen. „Girl On Girl Action“ heißt etwa eines der Lieder, im Video von „Back to Bad“ küssen sich die weiblichen Bandmitglieder und Leslie Satterfield hört sich an wie Corin Tucker von Sleater Kinney, den einstige Helden der Riot-Grrrl-Bewegung, wenn sie leicht gelangweilt über den musikalischen The Cure-The Go Go’s-Blondie-Mix singt. Bestellen bei Amazon Muff Potter – Von wegen (Huck’s Plattenkiste/Universal): Nach etwas mehr als einem Jahr Bedenkzeit präsentieren Muff Potter ihr neues Album, und direkt beim ersten Reinhören möchte ich ihnen die Hände schütteln: Ganz nebenbei, innerhalb von nicht ganz drei Minuten, kommentieren sie auf „punkt 9.“ den ganzen Nonsens um deutschnationale Popmusik. Hierbei wird die „Wir sind wir“ Fahnenschwenkfraktion unangestrengt abgewatscht. Und sonst? Es bleibt wenig anderes zu tun, als Lob zu verteilen. Selbstzufriedenheit oder Altersmüdigkeit ist jedenfalls auch nach mittlerweile zwölf Jahren im Musikgeschäft nirgendwo zu diagnostizieren. Die neue Platte ist vielfältig wie nie, die Songs schnörkellos komponiert und doch verabschiedet man sich mit einigen Gitarrenpop-Einlagen von alten Punkrock-Dogmen und ist sich nicht zu schade, zur Entspannung beinahe Balladenhaftes vorzustellen. Die Zeiten von „Schrei wenn du brennst“ sind zwar vorbei aber es wird immer noch ordentlich geschrieen. Der Tenor bleibt rau, es gilt, sich über noch vieles zu beschweren. Hier gibt Muff Potter Bassist Shredder eine Nachhilfestunde im Punk-Dasein. (michael-moorstedt) Ein Interview mit Muff Potter gibt es hier. Bestellen bei Amazon Scala & Kolancy Brothers - Grenzenlos (Pias) Der belgische Mädchenchor ist zurück. Diesmal mit Chorversionen von ausschließlich deutschen Liedern. Rio Reisers „Junimond“ wird natürlich nachgesungen, Westernhagens „Mensch“, Echts „Du trägst keine Liebe in Dir“, Julis „Perfekte Welle“, Blumfelds „Tausend Tränen Tief“ und Rammstein dürfen natürlich auch diesmal nicht fehlen. Aber irgendwie mag der Chorpathos zu diesem Liedgut nicht so recht passen. Am interessantesten an der Platte: welche deutschen Bands kennt man in Belgien. Das Ergebnis ist eher ernüchternd. Bestellen bei Amazon V.A. – Ear 2 The Street Volume 2 – The Allstar Edition (Optik Records): Da kommt aus Berlin wieder ein mächtiges Mixtape „Ear 2 The Street“: 80 MCs über 140 Minuten auf zwei CDs. Kool Savas, Azad, Moses Pelham, Franky Kubrick bis Glashaus - die ganze Optik-Ecke plus Freunde. Leider verliert man die Lust, weil die meisten der 80 Rapper über dasselbe rappen – Battle-Gangsta-Dinge und Frauen. Und irgendwie hat sich auch der längst verstorbene Notorious B.I.G. auf das Mixtape verirrt. (hannes-kerber) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Deine Lieblings Rapper – Dein Lieblings Album (Aggro Berlin): Oh, Gott. Jetzt kann man Aggro-Musik schon naja bis ganz erträglich finden. Deine Lieblings Rapper sind Mein Block-Sido und Harris. Beide haben ein Album gemacht, das musikalisch überzeugt und textlich eben nicht. „Spott, Hohn, Verzerrung und Überspitzung als künstlerisches Stilmittel“, schreiben sie im CD-Heft, um „durch Provokation gesellschaftliche Missstände zu thematisieren“. Nein, so geht das natürlich nicht. Aber in die richtige Richtung geht es. (hannes-kerber) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Außerdem erscheinen diese Woche: Kashmir – No Balance Palace (Columbia) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Fiona Apple - Extraordinary Machine (Epic) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Early Man – Closing In (Matador) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Nippon Connection - Exchanging Tracks (Alive) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Itchy Poopzkid - Heart To Believe (Sony) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon The Special Guests feat. Willie Ocean - Suspicious Delicious (Moanin) Bestellen bei SZ-Mediathek oder bei Amazon Du möchtest dir diesen Text vorlesen lassen? Dann hör rein in den jetzt.de-Podcast.

  • teilen
  • schließen