Lieder der Woche: Of Montreal, Naked Lunch, High Llamas, Geschmeido

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Lied: "A Sentence Of Sorts In Kongsvinger" von Of Montreal Ausgewählt weil: Das lustigste und schönste Lied dieser Woche. Zum Karneval und für kleine, vergnügte Reisen. Ausgewählt aus: „Hissing Fauna, Are You The Destroyer?” (Polyvinyl records)

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Dieses Projekt ist so ein ewiger Indie-Geheimtipp, es hat in vielen schief gescheitelten Herzen einen festen Platz und spielt gleichzeitig nie im Vordergrund. Das wird sich mit dem aktuellen Werk nicht ändern, nur dass eben wieder ein paar Herzen hinzukommen und Gefolgschaft schwören. Nucleus dieses wilden Stilmix ist Mr. Kevin Barns aus Athens, Georgia, USA. Ihn hat das Leben etwas gebeutelt, er verbrachte exilantische Zeit in Norwegen und war dort, was auch aus diesem Songtext unschwer zu hören ist, einigermaßen isoliert. Umso bunter und lebhafter ist die Platte geworden, die dort wuchs – kaum zuzuordnen durch welche Epochen die Band sich hier dengelt und quietscht – wer allerdings je ein Scissor Sisters–Lied mitsummte, der hat die verdammte Verpflichtung auch Of Montreal zu hören. Zwischen unfassbaren YMCA-Discosmashern und organischem Psychopop geht einiges, wenn nicht alles. Bunte Blumen. Ich stehe eigentlich nicht auf so ein Durcheinander, aber Of Montreal macht mir mit fast jedem Lied gute Laune. Lied: "Military Of The Heart" von Naked Lunch Ausgewählt weil: Der Song, der die bedingungslose Liebe zu dieser Band am schnellsten vermittelt. Ausgewählt aus: „This Atom Heart Of Ours“ (Louisville)

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Es ist schon beeindruckend, mit welcher Wucht sich diese Band vor zwei Jahren zurückmeldete. Die Österreicher, die Mitte der Neunziger mit Readymade, Slut etc. auf einer Zündfunk-Rockwelle surften, sind ja zwischenzeitlich richtig baden gegangen feat. vorübergehende Obdachlosigkeit und Ähnliches. Aus dieser dunklen Zeit scheint die große Düsternis und sakrale Ruhe zu kommen, mit der Naked Lunch heute musizieren und die den Hörer regelrecht umdrückt. Die Wochen, die seit Erscheinen dieses Albums vergangen sind, sind genau die Zeit, die der durchschnittlich Geneigte braucht, um der Musik völlig zu verfallen. Man wird abhängig von diesem drogigen Extrem zwischen zuckersüß und unendlich bitter und will es jeden Tag in die Vene, um klar zu sehen. Naked Lunch inszenieren einen wahnsinnigen Rausch, das ausgewählte Lied funktioniert als Einstiegsdroge: schillernd, gefährlich, überschwänglich. Es ist aber nur die Pforte der Wahrnehmung in eine wilde, wunderbare Platte mit Nebenwirkungen von einer echten, gewachsenen Band, die seit Jahren versucht, den Tönen diese ganze verdammte Lebensverzweiflung abzutrotzen. Lied: "Dein Schiff kehrt heim" von Geschmeido Ausgewählt weil: So schön traurig und ruhig, wie das Meer an einem bewölkten Abend ohne Wind. Ausgewählt aus: „Auf Wiedersehen“ (tapete)

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Nach dem Ende vom Blumfeld dürfte in naher Zukunft ein Mangel an elegantem und klugem Altherren-Diskurs-Pop auftreten. Geschmeido, die keiner mehr so recht auf der Rechnung hatte, legen nun plötzlich zwölf neue Lieder vor, die zumindest vom ersten Blumfeld-Kummer ablenken. Das ausgewählte Lied ist nun nicht gerade das Paradestück der Platte: ein schweres, dunkles Stück vom Meer, das sich wie dunkler Honig übers Gemüt legt, vielstimmig gesungen, bisschen wie ein Shanty auf Valium aber mit einem tollen Glanz. Was Geschmeido sonst so bieten, ist CutUp-Pop-Spielfreude und Textwitz wie zu den besten Zeiten der Hamburger Schule, nur ergänzt um Feinheiten, gezupfte Geigen und allerhand Erquickliches, das den Lieder einen schaurig-schönen Kirmes-Charakter gibt. Gut, dass sie wieder da sind, in diesem Musikjahr, das schon jetzt überquillt und viel Aufmerksamkeit verdient. Lied: "Clarion Union Hall (Hills and Fields)" von The High Llamas Ausgesucht weil: Das nun eben ein Lied wie ein englischer Maßanzug ist: Man sieht nicht auf den ersten Blick wie teuer und edel er ist, man ahnt es aber bei jeder Bewegung. Viel Beach Boys auch hier. Ausgewählt aus: „Can Cladders“ (Drag City)

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Nicht ganz zu Unrecht hat diese britisch-irische Band den Ruf gepachtet, sehr gepflegt aber doch: zu langweilen. Auf so was stehe ich ja aber gelegentlich, auf ausgefeilten, langweiligen Pop, weil es viel zu wenige Platten gibt, die ruhig im Hintergrund laufen können, ohne irgendwann zu nerven oder zu viel Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Mit Go-Betweens-Platten ging das gut, mit Belle&Sebastian schon eher nicht mehr. Die High Llamas aber dominieren heute eindeutig die Disziplin der Hintergrund-Beschallung. Es muss viel Mühe kosten, so genau am Hit vorbei zu komponieren, der zweifelsohne überhaupt kein Problem wäre, aber offenbar keinen Reiz darstellt. Man musiziert sich hier lieber leicht folkig und stark nostalgisch durch Easy-Listening-Voralpen, klaut wieder bei den Beach Boys die ruhigen Sachen und guckt sich bei Burt Bacharach einmal mehr das Nonchalante ab – alles wie immer bei den High Llamas, die das seit nahezu zwei Jahrzehnten machen und deswegen selber längst Klassiker sind. Ich mag das, vor allem angesichts des britischen New Rock, der allzu effektheischend die Hits schindet. Lied: "Chiropody" von Polarkreis 18 Ausgewählt weil: Alles drin ist, was diese Band so erstaunlich macht: Kühle Perfektion, Noblesse, Wucht und Weite Ausgewählt aus: „Polarkreis 18“ (Motor)

Wie im Interview angedeutet, bezieht diese ganz junge Dresdner Band ihren Primärreiz aus der Überraschung, dass sie ist wie sie ist: Sehr erwachsen, sehr weltläufig und unfassbar tief klingt der erste Durchlauf des Debütalbums, man hat gleich The Album Leaf, Mum und Radiohead im Ohr und empfindet tatsächlich: groß. Die Kompositionen sind gestreckte, vielschichtig instrumentierte popelektronische Schwünge, die konzentriert und hochglänzend im Raum stehen. Kein Härchen das nicht passt, kein Bläsersatz und keine Streicher, die nicht durchdacht noch die Wucht der Stücke ergänzen. In dieser Perfektion wirkt das Werk, wie alles Perfekte, auch steril und unnahbar und je öfter man es hört, je gewöhnlicher die erste Überraschung wird – desto mehr fehlt einem das zweite Kapitel, das Herz der Platte, eine Dramaturgie hinter dem Drama. Das aber ist Kritik auf hohem Niveau – einem Niveau auf das sich eine hochtalentierte, sehr konzentrierte Band ganz von selber und offenbar ohne Anlaufschwierigkeiten gespielt hat.

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