London ist ja schon wieder dermaßen calling obwohl die Stars in Wirklichkeit aus Toronto sind.

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Illustration: Julia Schubert

www.hard-fi.de The Rakes – Capture/Release (V2) Hard-Fi – Stars of CCTV (EastWest) Stars – Set Yourself On Fire (Rough Trade) Kaizers Orchestra – Maestro (Universal) Linkwork – Down The Drain (Jet Engine) Evan Foster – Instrumentals (India Records) Maplewood – Maplewood (tapete) Haken wir erst mal die Londoner-Vorstadtbands von dieser Woche ab und widmen uns dann maßgeblicheren Künstlern. Wobei ja gar nicht so sehr die Stadt London die Konstante der jüngsten NME-Schrammelhit-Mannschaft ist, sondern der Mensch Paul Epworth, ein Produzent, der mit seinen Zöglingen derzeit alleine die Indieclubs beliefern könnte: Bloc Party, Babyshambles, Death from above 1979, The Kills, Futureheads, Maximo Park - und das sind nur die letzten seiner Kunden. Und jetzt eben The Rakes, die mir wider besseres Wissen dermaßen einen einschenken, dass ich ganz angeschickert bin vor ungesunder Rockstar-Liebe. Warum nur, warum passiert mir das immer wieder? Sie haben so treue Augen. Und sie haben in ihren kurzen Kraftsongs einen besinnlichen Faden, an dem sich die Gitarre entlang hangelt, eine ruhige Richtung und stets einen hübschen Basslauf. The Rakes sind nicht so aufgekratzt wie Art Brut, eher die ruhigen Tanzboden-Vollstrecker, bei denen nichttanzende Männer an der Bar zu viel Pussers Rum trinken und den schweren Kopf ein bisschen zu langsam im Takt schütteln. Langweilig finden manche die Rakes, und das ist bestimmt alles andere als falsch. Es stimmt aber auch nicht. Es ist mit diesen schillernden Eintagsfliegen-Bands tatsächlich eine Sache der Prägung. Die Babyshambles zum richtigen Zeitpunkt gehört - und man hypt bedenkenlos mit. Art Brut im falschen Ohr erwischt und man versteht das alles nicht. Das Gute: Es macht nichts. Es ist völlig egal. Maximo Park verpasst – who cares wirklich? Wer aber beim Music Store jetzt trotzdem ein Rakes Lied kaufen möchte, dem sei „Straßbourg“ empfohlen, ein gesundes, großartiges Gitarrengeschoss. Noch bigger als die Rakes sind Hard-Fi, ich sage nur: Mannshohe Werbeplakate in meiner S-Bahn-Unterführung. So ganz lassen sich diese Jungs also nicht mehr in das LoFi+Dirty-Schema einreihen. Der Wirbel, den ihre Platte ausgelöst hat, ist wirklich beträchtlich, fast franzferdinandesk, und ich weiß noch, dass ich beim ersten Hören nicht genau wusste warum. Sicher, die beiden Songs („Hard to Beat“+ „Cash Machine“), die ich schon aus den Clubs kannte, das sind gute, vielleicht sehr gute Lieder, aber das Geniale, das die Kollegen Musikredakteure niederstreckte, fand ich nicht gleich. Ich hörte die gelbe Platte aber weiter, hörte sie morgens und um Mitternacht, hörte sie beim Einkaufen und vor dem Ausgehen und dachte dabei oft an The Clash. Seltsamerweise klingt es, wenn Hard-Fi singen: „What am I gonna do, my girlfriend's test turned blue” beinahe wie die 2005er-Ausgabe der Clash -Zeile „When they kick at your front door, how you gonna come.“ Hard-Fi springt mich nie an, war eher so da, wie Radio. Ich hatte jeden Tag ein anderes Lied im Kopf, bis irgendwann die ganze Platte drin war. Hard-Fi sind ernster als die anderen Kunststudentenbands. Ihre Lieder sind vielseitig, ohne diese Vielseitigkeit zu betonen, ihr Stil ist der eines aufgeklärten Bürgertums. Vielleicht ein Tick zu liberal, um als Eckpfeiler dieses Musikjahr wirklich zu tragen. Was keiner schreibt: Hard-Fi sind auch mehr Blur und mehr Supergrass als sonst eine Platte aus dieser Saison. Sie sind aber keine Weiterentwicklung, eher Endpunkt. Zu schreiben, dies wäre die letzte echte Britpopplatte, träfe es auch schlecht. Nun eben, Hard-Fi haben Plakate in meine Unterführung geklebt und mein Lieblingslied ist „Tied up too tight“. Unrecht täte man den Stars, wenn man sie via Namenssippenhaft in einem Topf mit der Londoner Krachmacherbande werfen würde. Erstens kommen sie aus Toronto, zweitens haben sie ein Mädchen dabei und drittens ist das schon ihr drittes Album und der Sound gar nicht so geläufig. Die Band tummelt sich im Umfeld der (sträflich schnell vergessenen) Broken Social Scene-Clique, ihre Lieder sind moderne Trashmärchen, amerikanischer Folkpop mit leichtem E-Glam-Gedaddel, wie fröhliche Weakerthans oder ein bisschen auch als hätten sich Granddaddy in Isobel Campbell, die Ex von Belle&Sebastian verliebt. Alles klar? Eine gute Platte mehr aus Kanada, ein guter Rausch sozusagen, ohne Nebenwirkungen. Wer nur ein Lied kaufen möchte: Der Titelsong „Set Yourself on Fire“ deckt alle Facetten ab und legt dabei auch ein ganz gutes Tempo vor. Schwierig wird es nun mit Kaizers Orchestra, nicht zu verwechseln mit den Kaiser Chiefs. Das erste Kaizers-Orchestra-Konzert sah ich zufällig und war nicht nur urwuchtig erschlagen, ich war unfassbar euphorisiert: Kaizers Orchestra eine Grand-Cru-Live Band, Champagnerklasse, das absolut Beste, was dir in einem Club passieren kann. Unter anderem spielen bei der Instrumentierung Brechstangen, Eisentonnen und eine Fliegeralarmsirene eine große Rolle - und es klingt alles astrein, nix Experimentalrock. Frontmann Jan Ove Kaizer stellt sämtliche britischen Schnöselchen in Sachen Bühnenenergie und Frontsautum in den Schatten. Als ich zwei Tage nach dem Konzert die gereckten Fäuste wieder runternahm um die Platte zu kaufen und im Zimmer weiterfeiern wollte, hat das gar nicht funktioniert. Nicht mal eine Winzigkeit lang. Auf Platte klingen die Norweger mit ihrem Polkarock meets Zigeunertangokakophonie wie ein undirigiertes Orchester aus Bodybuildern. Die Kraft verraucht in den vielen Spuren. Es gibt zwar auch ruhige Momente, aber da fällt das gesungene Norwegisch doch so plump auf, wie ein fetter Kerl im Kindergarten. Ungelenk ist das richtige Wort und eben das macht die Beurteilung dieser Band so schwierig, denn auf der Bühne ist das alles sehr gelenk, geschmeidig und toll. Fazit: Gute Band, ordentliche Platte, aber die Boxen sind zu klein oder das Zimmer. So, drei komische Sachen liegen noch im Fach, die ziehe ich jetzt etwas schneller durch den kritischen Kopfkakao. Linkwork heißen die Kollegen. Da sagt der Name schon alles. Limp Bizkit trifft kalifornischen Punk, aufgenommen leider Gottes aber in Troisdorf. Linkwork haben schon ziemlich viele Rockförderpreise gewonnen, trotzdem haben sie ihre Seele nicht verkauft. Und warum nicht? Weil sie keiner haben wollte. Flottes Gedudel bei dem pinke Cabriolets an Stränden entlang fahren oder aber Baywatch-Kerle ins Wasser sprinten – solche Musik macht der Gitarrist Evan Foster. Gutgelaunte Gitarrentonleitern mit 120 Km/h. Instrumentale Surfmusik. Das ist mal was anderes, aber eben auch auf Dauer unerträglich und dann packt der junge Mann 20 Stücke auf eine Platte, wie soll das auszuhalten sein? Ja, wenn man eingegipst im Beach Hospital von Jamaica Bay liegt, lasse ich mir das eingehen. Unverzichtbar ist diese Platte aber sonst nur für Leute, die Tondesign lernen, irgendwo in Oberhausen oder Weil der Lahn und zu Übungszwecken Musik unter alte Miami-Vice-Folgen basteln müssen. So, zuletzt noch Neues vom rührigen Tapete-Label, das diesmal ein richtig internationales Schäflein schickt, in den Streichelzoo, der sich Öffentlichkeit nennt. Maplewood ist eine grundharmonische Tralala-Eiscrem-Popband aus Manhattan. Sehr wohlig wird mir da ums novembrige Herz, das erste Lied heißt auch gleich „Indian Summer“ und das ist genau die Parole: Launige Symphonien, Glockenspiel und 12-saitige Gitarren, ein bisschen Hippie, ein bisschen Beach Boys und etwas Pedal-Steel. Es gibt bereits 5378397539 solcher Platten. Jetzt sind es 5378397540. Trotzdem nett.

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