Mit dem musikalischen Flachmann in der Tasche lässt sich vor Augsburger Reiterstandbildern gut ein Brief an Nancy Sinatra schreiben.

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Illustration: Julia Schubert

ghvc.de Maritime – We, The Vehicles (Grand Hotel Van Cleef) Das war letztes Jahr so ziemlich meine Lieblingsband, weil sie ihre Lieder genau so macht, wie Joseph Roth Bücher: unspekatkulär aber mit Ziel, mit Tiefgang aber nicht ohne funkelnde Leichtigkeit. Logo, war ich ganz spitz auf das neue Popalbum von denen und hab’s quasi noch im Stehen gekippt, was ja Quatsch ist. Funktioniert nie, dass so ein langersehntes Stück Unterhaltung dann auch wirklich gleich alle riesigen Erwartungen erfüllt. Trotzdem bin ich für Track 9 „German Engineering“ gleich mal auf die Knie – und zwar um unterm Bett die Bedienungsanleitung von meiner Stereoanlage zu suchen und damit herauszufinden, wie man einen einzelnen Track auf repeat stellt. Nr.9 also war das goldene Tor, durch das ich in diese Platte galoppierte, von dort aus ging es nach oben und nach unten rosig weiter. Wir haben es hier mit mittelamerikanischer Gitarrenpopmusik zu tun, die so luftig strukturiert ist wie ein Badeschwamm. Die Melodien sind versteckt hinter einer grundfreundlichen Auseinandersetzung mit den einzelnen Instrumenten und Davey von Bohlens Stimme predigt Ausgeglichenheit. Mittlerweile trage ich die Maritime-Platte wie einen Flachmann bei mir. Wenn es stimmungsmäßig eng wird, genügen ein paar Schluck davon und alles ist gut. Den echten Flachmann habe ich aber auch natürlich noch. Bestellen bei Amazon, Nova International – One and One is One (NI Records) Diese Band ist quasi das Reiterstandbild der Augsburger Indieszene. Und so ziemlich jeder Scheitelmensch, den man in München von einem Baum schüttelt, hat eine Meinung dazu. Sämtliche Variationen des Ausdrucks „arrogante Vollspacken“ wurden Nova International schon an den Kopf geworfen. Ich fand das aber immer okay, denn ambitionierte Arroganz ist guter Popmusik keineswegs abträglich, siehe großbritannische Pophistorie der letzten Jahrhunderte. Die Band selber ist nach einem Major-Besuch nun wieder in die Selbstverwaltung und das eigene Studio zurückgekehrt, was mir hochgradig egal ist. Gar nicht egal aber das erste Lied, eine wohlfeile Ballade so zart wie ein äh, zartes Tüchlein und absolut wahnsinnig traurig. Dabei bleibt es natürlich nicht, es wird auch wieder ordentlich in die Trashpop-Gitarren gegriffen, aber die Suche nach dem perfekten Kracher kommt irgendwie keinen rechten Schritt weiter. Dabei war die Band seinerzeit mit Liedern wie „One Decision“ oder „Star“ ja schon auf Du und Du mit der Songelite. Viele Lieder sind schon so saufein, dass sie wohl den Late-Check-Out im Hotel Kopf ausreizen werden - aber zur Schlagzeile „Nova International sind Kanzler!“ reicht es halt auch wieder nicht. Bestellen bei Amazon Paula – Ruhig Blut (Königskinder Schallplatten) Ach, Neues von der Quietschkugel. Ich weiß, dass ich Paulas Einstandshit „Als es passierte“ vor ca. fünf Jahren nicht ohne Reiz fand. In der Zwischenzeit ist einiges passiert, es ist grimmig geworden in Deutschland und es haben bereits ziemlich viele Frauenstimmen zu oberflächlichem Elektrogepansche deutsche Texte gesungen. Das war für Paula kein Grund sich von ihrer Ausgangsposition fortzubewegen, und so stehe ich nun etwas ratlos mit dem halbgehörten Album in der Hand auf dem Redaktionsflur, vor zwei Schubladen auf denen steht „Belanglos aber gewohnt nett“ und „Hirnlos und endgültig überflüssig“. Welche öffnen? Die Texte sind schon arger Hanni&Nanni-Krampf: „Schöner als der Früling, zufrieden ohne jede Frage, so waren unsere ersten Tage, ein perfektes Paar. Ein paar Wochen später wollte ich dich nicht mehr sehen, du konntest mich nicht mehr verstehen...“ Und so richtig niedlich sieht die Elke Brauweiler im Cover auch nicht mehr aus, eher verbissen. Ich nehme also die Platte und schicke sie unfrankiert und ohne Absender nach Amerika. Manche werden dort ja noch mal ganz big. Bestellen bei Amazon Audio Bullys – Generation (Labels/EMI) Sehr gerne schreibe ich in allen möglichen Rezensionen und Monographien, dass etwas oder jemand über sogenannte „phatte Beats“ verfügt. Hier auch! Voll fett und prollig sind die unsensiblen Audio Bullys. Die machen eigentlich immer noch so Musik, wie sie Fatboy Slim mal für einen Sommer der Narretei erfunden hat. Also: verfremdete Textbausteine in starker Wiederholfrequenz zwischen recht übersichtlich angeordneten Beat-Abfolgen, unterlegt mit verdauungsanregender Bassline. Ich nehme das nicht sehr ernst, aber ich kann das schon ganz gut weghören. Ich will nur nicht länger drüber nachdenken müssen und die Audio Bullys glaube ich, auch nicht. Es muss aber gesagt werden: Der Remix von Nancy Sinatras ewigem „Shot you down“ stimuliert mich über die Maßen. Insgesamt wohl ein richtig gute Platte. Bestellen bei Amazon oder die Single bei hannes-kerber hat das letzte Wort: Mattafix – Signs Of A Struggle (Virgin Music) Mattafix kennt man so lange nicht, bis man „Big City Life” hört. Den Track hat man von MTV und aus dem Radio noch im Hinterkopf. Mattafix machen wenig beatlastige, melodische und melancholische Tracks und kommen aus London. Ihre Musik ist eine Mischung aus Pop, Elektronik, Soul-Rap und Jazz und wirkt vor allem, wenn sie leise aus dem Hintergrund kommt. Bestellen bei Amazon Außerdem erscheinen diese Woche: Various Artists - The In-Kraut (Marina) Badenberg – Welcome to my Circus-Circus (crazy Love Records) Dakar&Grinser – Triumph of Flesh (Disko B) Various Artists compiled by Jazzanova&Resoul – Secret Love 2 (Sonar Kollektiv) Gogol Bordello – Gypsy Punks (Sideonedummy Records) Strecharmstrong – Free at last (WPO Records)

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