Musik von hier: Blumfeld sind das Maß der Dinge und Phantom/Ghost grillen nur vielleicht mit Peter Licht

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Blumfeld- Verbotene Früchte (Sony/BMG) Wer sich heute der Band Blumfeld nähert, muss über viele Hürden steigen, aufgerichtet aus Unsinn. Beliebt ist es zum Beispiel, bei jeder neuen Blumfeld-Platte wieder den alten Topf mit der ruhmvollen Politrock-Vergangenheit aufzuwärmen und einfältig zu bedauern, dass die ja leider leider wohl endgültig vorbei sei. Anschließend wird noch der verkrustete Kitschvorwurf aus dem Ofen geholt, den jeder Flachgeist seit „Old Nobody“ formulieren kann und der an Jochen Distelmeyer abperlt wie Missgunst an einem jungen Gott nun mal abperlt. Die Band steigert sich in ihrer absoluten Perfektion und in der reinen Schönheit die ihren Platten innewohnt von Werk zu Werk und hat mit „Verbotene Früchte“ einen Gipfel erreicht, der atemberaubend das Jahr und die hiesige Poplandschaft überragt. Dass Nette daran ist, dass es Bandkopf Distelmeyer allen so leicht macht, ihm auf diesem Gipfel zu folgen, denn die Lieder sind in ihrer vielschichtigen Brillanz doch vor allem: einfach und klar, unaffektiert und volksnah. Der Naturalismus hat also diesmal noch weiter Einzug gehalten in das Distelmeyersche Universum, die Texte drehen sich fast ausschließlich um Tiere, Obst, Jahreszeiten und Elemente. Das ist sehr gut. Maler malen Stilleben mit Äpfeln und erlegten Fasanen drauf und Blumfeld tut es ihnen gleich, schafft mit seinen abstrakten Blick auf die Natur ein Unangreifbarkeit, eine Popkunst, die nur um ihrer selbst willen existiert und die nichts sein muss als: Schönklang, mitreißende Poesie, Menschenweichheit. Egal, dass im Lied „Der Apfelmann“ verschiedene Apfelsorten aufgezählt werden, es geht um den Klang dieser Namen, um die schönen Vorstellung vom rotbackigen Apfel, die Distelmeyer damit projizieren kann – jede weiter Interviewfrage dazu wäre überflüssig und dumm. Oscar Wilde bei den Smiths, das ist Blumfeld heute. Intelligenz gebettet in zurückgenommenen Wohlklang, in blendend dekorative Pose – dabei nie kitschig im Sinne von billig reproduzierbar, allenfalls so kitschig wie eben ein rotbackiger Apfel kitschig ist – gar nicht - nur für den welthassenden Agnostiker, der allem Schönen skeptisch entgegentritt, um seine eigene Hässlichkeit zu legitimieren. Man weiß nicht, wo genau diese Platte ihren Höhepunkt erreicht. Bei „Heiß die Segel!“ dem schönsten, mitreißendstem, wildesten Sturm-und Drang-Lied seit Werther. Bei „Stobohobo“- einer gigantischen, textstrotzenden Denkleistung, deren sechs Minuten man bei jedem Hören neu aufsaugt und jedes Mal applaudieren will, für die Frechheit, mit der sich Distelymeyer hier durchmogelt, irgendwie den Erdenkreis abläuft und die Band im Hintergrund pfeift und rhytmet, dass es eine nie gehörte Wonne ist. Oder doch mit „April“ einer dieser Blumfeldballaden, die alles was sonst so im Pop-Zirkus als Ballade bezeichnet wird, erröten lassen, weil nur sie es schaffen, die deutsche Sprache in etwas zu kleiden, das einen tief unten, da etwa wo warmer Tee hinfließt, streichelt und sicher hält. „Verbotene Früchte“ ist das vollkommenste Stück Musik, dass in diesem Jahr gemalt wurde. Ein schönes Bild, ein Kunstwerk im eigentlichen Sinne. Man sollte sich ihm rein und frei nähern, mit offenem Geist.

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Illustration: Julia Schubert

Epo-555 – Mafia (Crunchy Frog) Keine Woche, ohne dass nicht die Bonsai-Weltmacht Dänemark eine ihrer Popsprossen ins Rennen schickt. Genau so selten wie die dänische Popper dabei schlechte Arbeit abliefern, gelingt ihnen so ein richtig internationaler Auftritt. Epo-555 könnten das widerlegen, immerhin tourt die Band gerade durch die USA und stellt „MAFIA“ vor – das den Amis und auch allen restlichen Weltmenschen gut gefallen müsste. College-Pop mit Hang zum perfektionistischen Zerstreuen, so steht es im Visum der Band. Das bedeutet: Songs mit vielen Gesichtern, mit langen, teils etwas nervigen Instrumentalparts in denen es vom Casio zum Glockenspiel und zurück geht, dazwischen wieder ganz amtliche Indiemusik, zarter Knabengesang und Hymnenhang. Mir ist das in manchen Stücken ein bisschen zu mixed und weitschweifig, dafür schafft es im Gegenzug aber auch ein Frickelhit wie „Maid in China“ sofort in Richtung übergeniale Rettung des Pop und angrenzender Bereiche. Epo-555 experimentieren mit einem wertvollen Rohmaterial, nämlich mit Hits. Die können sich das irgendwie leisten.

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Illustration: Julia Schubert

Phantom/Ghost – Three (Lado) Wenn die superplatte Plattenphrase „Die wächst echt mit der Zeit“ nur noch einmal für alle Zeit gesagt werden dürfte und dann nimmermehr - ich würde sie hemmungslos an Phantom/Ghost verschwenden. Das ist ja so leise alles und zart und doch so eindrücklich und männlich, dass noch Wochen nach dem Hören die Ahnung eines Songs am Hirnhorizont herumwabert, wie ein Tanker, ganz weit draußen auf dem Meer. Dabei ist „Three“ gar nicht ätherisch oder esoterisch, auch nicht geisterhaft oder was sonst so geschrieben wird. Es ist elektronische Kammermusik mit Piano und der dunklen Dirk v. Lowtzow-Stimme. Die Songstrukturen sind dabei manchmal gebrechlich, manchmal ganz herkömmlich rund wie etwa bei „Relax It’s Only A Ghost“ - einem veritablen Hit. Gespaßt wird hier auch viel, bei dem Lied „All Is Hell“ etwa, sieht man Graf von Lowtzow förmlich als Ivor-Novello-Double in einem englischen Salon des Jahres 1920 stehen, während er bei „Far From The Madding Crown“ eher der Troubadour ist, der mit Klingelschuhen herumspringt. Das ist alles sehr komisch, aber trotz der vielen Interpretationen von Avantgarde eine grillabendtaugliche und gemütliche Platte.

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Illustration: Julia Schubert

Peter Licht – Lieder vom Ende des Kapitalismus (Motor) Nach Phantom/Ghost und Blumfeld würde man sagen, dass es nun tüchtig genug ist mit deutschen Popakteuren für diese Woche und man möchte lieber noch eine Metalband aus Madagaskar aus dem Schrank holen und so richtig behördlich auseinandernehmen. Es muss jetzt aber leider doch noch Peter Licht besprochen werden, weil sein neues Album einfach so gut geworden ist, dass man schwer drum kommt, als Plattenkolumne. Der Licht, der hat ein Patschhändchen für so ganz kleine Lieder, die unheimlich nett sind. Das war ja schon bei „Sonnendeck“ und „Lied gegen die Schwerkraft“ so. LoFi bis zum Erbrechen war das, aber trotzdem eben auch Ohrwurm as hell. Jetzt also „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ - mehr politisch auf den ersten Blick, weniger LoFi auf das erste Hören, aber den Ohrwurmsaft und das Hooklineblut hat der Peter wieder sehr im Katheder. Gleich „Das Absolute Glück“ ist ebensolches für den Hörer, ein ganz puristisches, schön gesungenes Lied, simpelst instrumentiert mit Gitarre und E-Beat aber mit Lichts Stimme, die sehr wichtig ist, weil sie irgendwie so TKKG-mäßig vertraut und warm tönt. So geht es weiter, Top-Refrains, immer lustig, durchdacht, tiefgründig und rotzig zusammen, immer alles in einem Lied, einem Repeat. Zum Glück nicht verkopft, was man ja mal vorsichtshalber unterstellt hätte. Wenn Blumfeld ein Ölgemälde ist, dann ist Peter Licht die schnelle Bleistiftskizze - mit wenigen Strichen alles umrissen.

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Illustration: Julia Schubert

Embee – Send Someone Away feat. José González (Rootspeople Society) „Send Someone Away“ ist eine eigentlich völlig untypische Embee-Single: kein Party-Track, keine dicken Beats, keine Rapmusik, nicht einmal wirklich Hiphop. Der wohl beste europäische Produzent hat sich von Looptroop emanzipiert und dem argentinisch-stämmigen, schwedischen Goldkelchen José González ein perfektes Soundgewand auf den Leib geschneidert: „some singer/songwriter-meets-beats kind of stuff“ (Embee über das Lied) – ruhige Gitarrenklänge und ein gemäßigter Bass mit eigener Embee-Handschrift, aber dennoch mit genug Platz für González. Das erste Soloalbum „Tellings From Solitaria“, von dem diese Single stammt, kann auch Genrefremden einen guten Einstieg bieten zu den älteren Werken des Produzenten: den drei vorangegangenen Looptroop-Alben. (hannes-kerber) Raggabund – Erste Welt (Edel) Reggaemusiker, die alles doof finden, trotzdem grinsen (Tracktitel: „Legalize Me“) und im „Talk Like Bob Marley-Handbuch“ gestöbert haben und deshalb Patwah-Deutsch sprechen, sind mir suspekt. Raggabund sind so und hören sich außerdem genauso an wie Les Babacools – nur das die wiederum besser sind. (hannes-kerber) Vier zu Eins – Abenteuer hoch drei (58 Beats) Die drei Münchner Roger Rekless, Minit und Bowdee sind VierZuEins, eine Rapcrew, die musikalisch irgendwo zwischen Blumentopf und Main Concept angesiedelt sind. Obwohl es bei „Abenteuer hoch drei“ einige Mängel gibt – Fehler bei der Wahrung des Metrums, Reinheit der Reime und Stimmigkeit der Bilder -, wird das Album dort ankommen, wo es ankommen soll: bei den Liebhabern des Qualitätslabels „58Beats“. Mein Anspieltipp ist „Wer spielt mit uns?“ (feat. Heinemann, Schu und Johanna). (hannes-kerber) Außerdem sind erschienen: Cowboys On Dope – Blackmoney (BEXRecords) David Fridlund – Amaterasu (BB*Island) Festland – An euren Fenstern wachsen Blumen (ZickZack) Guilemots – From The Cliffs (Universal) Matt Costa – Songs We Sing (Brushfire Records) Muhabbet – R’nBesk (Sony) One-Two – Love Again (Four Music) Orientation – 9 in Istanbul, 8 in Berlin (Blue Flame) Shy – Zurück am Start (Wohnzimmer Records) Yellowish – So Bright (Quartermain records) Yo Zushi – Songs from A Dazzling Drift (Pointy) ZSK – Discontent Hearts And Gasoline (Bitzcore)

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