Pharrell macht, was Jurassic 5 schon lange können und Nice Boy Music twistet dazu

Nice Boy Music „Twist” (Virgin Music) Das ist Hamburger Musik mit englischen Texten, Sixties-Beat-Anleihen und engen Hemden mit schmalen Krawatten.
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Illustration: Julia Schubert

Nice Boy Music „Twist” (Virgin Music) Das ist Hamburger Musik mit englischen Texten, Sixties-Beat-Anleihen und engen Hemden mit schmalen Krawatten. Ein junger Herr am Mikrofon mit hoher Stimme und bisschen Gezittere. Das Schlagzeug schlägt schön feste druff und das macht Spaß. Der Harmoniegesang lässt ab und zu ein bisschen zu wünschen übrig, aber man mag ihnen das alles verzeihen, wenn sie kraftvoll „Uuuuuuuuuuhhhhhhhhhhh“ ins Mikro rufen und die Songs alle so um die 2.30 Minuten lang sind. Langsam können sie aber schon auch. Alle vier Herren sind im Besitz von amtlichen Scheiteln – auch nicht unwichtig in der deutschen Indie-Musik-Landschaft. Dem Waschzettel lässt sich entnehmen, dass sich die Herzband, bestehend aus Gitarrist Marcus Schneider und Jan Petschat, schon seit romantischen Kinderschaukel-Tagen kennt und gemeinsam mit der Kinder-Harmonika ihre ersten musikalischen Gehversuche gemacht haben. Die ganze Band kam vor zehn Jahren zustande, aber erst jetzt haben sie einen Plattenvertrag ergattert und sind „so was von bereit“, dass es kracht. Verdient hätten sie es sehr wohl. Sehr solide, sehr unaufregend. Danke, wird ins Regal gestellt und bei der nächsten Party kann gerne ein ungeladener Gast die CD wieder rausholen. Dafür gibt es bestimmt keine Haue.

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Illustration: Julia Schubert

Pharrell – In My Mind (Virgin Music) Fühlt sich zwar so an, als sei Pharrell (Merkhilfe: der Hübschere von den Neptunes, N.E.R.D und dem Snoop Dogg-Video „Beautiful“) schon seit ewigen Zeiten als Solokünstler unterwegs, der Eindruck täuscht aber wirklich. Sein Debütalbum „In My Mind“ kommt erst heute raus. Und es ist, was soll man sagen, keinesfalls eine Enttäuschung. Wäre ja auch Quatsch gewesen. Die ersten sieben Tracks sind HipHop, die anderen sieben R&B vom Feinsten. Und weil alle so dankbar für seine Produzenten-Künste waren, hat er jetzt den Salat und unter anderem Gwen Stefani, Jay-Z, Snoop Dogg, Kanye West und Slim Thug mit auf der Platte. Die stellen sich aber alle angenehm in die Dienste des Masterminds und fallen nicht unangenehm auf.

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Illustration: Julia Schubert

The Radio Dept. - Pet Grief (Labrador Records) Elektronika. Kann ich nichts mit anfangen. Schon immer nicht. Und: Ich hasse, HASSE die Pet Shop Boys. Und diese sympathisch wirkenden Schweden-Bürschchen haben gemeint, sie müssten sich das Keyboard dieser beiden Schaufensterpuppen ausborgen und eine Zeitreise in die Achtziger Jahre zurück machen. Das ist doch kompletter Quatsch. Im Informationsschreiben der CD steht, Johan Duncanson und seine Recken hätten ein Jahr für die Platte gebraucht, aber das Ergebnis sei nun so neuartig und fast schon zu perfekt. Uff, na ja, wenn sie meinen. Es geht ätherisch zu und man möchte immer wieder die Lautstärke nachjustieren, weil das alles so weit weg klingt. Aber das ist vermutlich auch irgend so eine genialer Sound-Tüftler-Maßnahme. Unbedingt erwähnenswert: im neuen Film von Sofia Coppola „Marie Antoinette“ werden einige Stücke der Band zu hören sein. Das ist sehr schön für sie. Thalaya – Irresistible 5 (Dos Amigos) Drei Frauen haben sich mal getroffen und von da an beschlossen, dreistimmig zu singen, statt immer nur alleine. Ob das jetzt so eine neue Geschichte ist, wage ich zu bezweifeln, aber das Ergebnis, eine EP namens Irresistible 5 ist ganz solider Folk-Pop, erinnert ein bisschen an die „Corrs“ und tut niemandem weh – versprochen. Wobei – wenn ich noch einmal dieser Geklimpere höre, das in der Werbung als Vertonung für Kräuter-in-die-Suppe-streuen verwendet wird, könnte es schon sein, dass ich mich selbst verletze. Siebeth – Trainingsjackensupervisorfreak (Mijo Discount) Ich halte mich für einen ausgeglichenen, geradezu phlegmatischen Menschen. Aber wenn ich diese Platte noch einmal hören muss, werde ich meinen Kollegen eine Tüte über den Kopf ziehen. Nur damit sie mal merken, wie es sich anfühlt, doofheitsgeschwängerte Deutschpopmusik anhören zu müssen, die auch noch witzig-verspult sein will. Witzig ist hier: Kifferfurz und Ärsche auf andere Worte zu reimen und das ganze mit Franzosen-Pop zu unterlegen. Kotz. Würg. Für alle, die es trotzdem interessiert, hier noch eine super-wichtige Information, die ganz frisch auf dem Schreibtisch eingetrudelt ist: Siebeth hat mal in der Band Pornomat gespielt und alle Songs selbst erfunden. Ehrlich wahr. Bout d’chou – ménage et discothèque (lolila) Das hier ist eine Frauenband. Mit einem männlichen Schlagzeuger. Zwei der Damen spielen auch bei „Na Sabine, wie sieht’s aus in München?!“, „Bout d’chou“ aber ist das Hauptprojekt. Es handelt sich um netten Sixties-Pop mit guten Rhythmen und schönen Ideen. Furchtbar schade, dass die Sängerin nicht ordentlich singen kann, denn die Instrumental-Skills sind unbestreitbar da. Doofes Frauenband-Problem, die sich an französischen Pop-Songs orientieren und ein männliches Bandmitglied haben: sie müssen sich immer an den Grande Dames, den „Moulinettes“ messen lassen. The Sunshine Underground – Raise The Alarm (Red Ink) Vier junge Herren aus England schreien herum – was will man mehr. Aber jetzt echt mal! Das Schlagzeug macht ordentlich Druck, hinten orgelt es so ein bisschen rum und Craig Wellington legt sich am Mikrofon ordentlich ins Zeug, dass das Tanzbein Zuckungen bekommt. Die Platte passt hervorragend ins Notregal jeder Indie-Diskothek zwischen Rosenheim und Niederrhein. Und das ist jetzt bitteschön keine Beleidigung.

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Illustration: Julia Schubert

Pela - All In Time (stagnation records) Die Geschichte der Band ist vielleicht fast interessanter als die Musik, die diese Amerikaner machen. Denn die ist ausgesprochen solide, teilweise ein wenig arg Hymnen-haft und U2-lastig. Aber wenn man erfährt, dass Frontmann Billy McCarthy jahrelang durch Europa als Strassenmusikant getourt ist und auf dem Weg sowohl seiner Schneidezähne als auch einer Fingerspitze verlustig ging, dann nimmt man sich doch gleich vor, beim nächsten Mal, wenn wieder Bläser-Ensembles den Weg ins Warenhaus versperren, ein wenig sanfter mit diesen Gestalten umzugehen.

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Illustration: Julia Schubert

Jurassic 5 – Feedback (Universal) Jurassic 5 sind zurück und man kann gar nicht viel sagen, weil sie einfach rundum großartig sind. Ein bisschen old-school mit großer Freude an obskursten Samples und ein bisschen Nachhilfe in HipHop-Geschichte. Bei ihrem aktuellen Album haben sie sich einige bekannte Produzenten wie Scott Storch und Exile ins Studio und ans Mikro unter anderem Mos Def und Amerikas Super-Star Dave Matthews geholt. Hiphop mit hannes-kerber Lisi - Eine wie keine (Four Music) Lisi ist anders als Schwester S, anders als Piranha, anders als Fiva, sogar anders als die allseits geliebte She-Raw. Lisi, neuster Four Music-Zugang, ist die erste deutsche Rapperin, die ohne Abstriche mit den Jungs-Hiphoppern vergleichbar ist: „Ich bin nicht wie die, / bleibe stolz und feminin!“ Ihr erstes Album „Eine wie keine“ ist abwechselungsreich, trotzdem aber ausgewogen und stringent. Sowohl ihre Pöbel-Lieder, aber eben besonders auch die etwas tiefgründigeren Lieder gefallen mir. Besonders herausstechend sind die drei Tracks auf denen sich Lisi von Afrob unterstützen lässt - hier zeigt sie, dass sie technisch auf hohem Niveau rappen kann und steht Afrob kaum nach. Außerdem erscheinen diese Woche: Willie Nelson - The Songwriter Sessions (DBK Works) You In Series - Outside We Are Fine (Equal Vision) The Hazey Janes - Hotel Radio (Pinnacle) DMX - Year Of The Dog ...Again (Columbia) Rose Hill Drive - Rose Hill Drive (Sony BMG) The Hot Puppies - Under The Crooked Moon (Fierce Panda) Harvey Danger - Little By Litte (Kill Rock Stars) End Of Fashion - End Of Fashion (Capitol) New York Dolls - One Day It Will Pleas Us.. (Roadrunner) Erlend Ropstad - The Magnetic Tapes (Gumbo)

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