Powerseller in den Tagesthemen

Grand Hotel Van Cleef Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen.
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Illustration: Julia Schubert

Grand Hotel Van Cleef Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden. Kirmes – Make It And Break It (Plattenmeister) Kettcar – Von Spatzen und Tauben, Händen und Dächern (GHVC) Owen – I Do Perceive (Polyvinyl Records) Dies wird eine gute CD-Woche, das merkt man in dem Moment, in dem einem völlig unverhofft und überraschend das neue Album von Kirmes in die Hand fällt. Who would’ve thunk? Die beiden Funkfüchse Kir Royal und Hermes (na, gecheckt, wie sich der Bandname zusammensetzt?) sitzen ja im schönen Münster, der Stadt mit Domkäfigen und Fahrradparkhaus. Wie schon die beiden Vorgänger „Video“ und „Summer Games“ ist „Make It And Break It“ eine gänzlich betörende Mischung aus Wohnzimmergerumse, Beatschuppen, Hiphopjam und Kauzigkeit. In Zeiten, wo man eigentlich niemanden mehr auf deutsch rappen hören will, kriegen einen Kirmes doch immer wieder rum, was zum einen an den herrlichen Quatschtexten liegt („Es gab Hähnchenschenkel, Frikadellen, Kaffee entcoffeiniert – den hatten deine Tanten mit Kirschlikör frisiert“) zum anderen an Stimmungen und Seinszuständen, die auf Kirmes-Platten stets präsent sind und dem Genre „Deutschrap“ ja sonst gänzlich abgehen: Melancholie, postmoderne Hermeneutik und Feuilleton auf Ecstasy. Textprobe: „Es muss nicht immer Kaviar sein – lieb Vaterland magst ruhig sein“. Ein Extralob gibt es natürlich für das von den Wipers geklaute Bandlogo. Ach ja – kann jemand Latein – was heißt „In Concordia Robur“? Steht nämlich an einer verborgenen Stelle des Booklets und hat bestimmt alles zu bedeuten... Auf das neue Album Kettcar haben alle gewartet wie auf den Eiswagen – sogar die Tagesthemen (7. März, Zitat Anne Will: „Heute ist eine neue CD erschienen: Poprock mit deutschen Texten“). Amazon-Verkaufsrang 1, ganzseitiger Artikel in der FAS, ganz Deutschland spinnt auf die Hamburgboys – den großen und wahren Track-für-Track-Überblick gibt es aber natürlich nur auf jetzt.de: 1. „Deiche” – Die sogenannte Clubsingle, mit mehr Energie kann man eine Platte kaum eröffnen. Textlich ein sozialer Kommentar, wie Gedankenschleuder Wiebusch sie einfach draufhat: Deutschland heute Nachmittag, bei Aldi brennt noch Licht, die Krümel werden knapp. 2. „Die Ausfahrt zum Haus deiner Eltern“ – In meinen Augen der heimliche Hit der Platte. Der „Bis es nicht mehr geht“-Chor ist so wundervoll matt und müde, dass man die Jungs in eine Decke wickeln und ihnen eine heiße Schokolade reichen will. Dann knallen aber gleich wieder die Gitarren, alles okay also. 3. „48 Stunden“ – die normale Single und gleich ein ganz anderer Tonfall als „Deiche“. Perlenpiano, Akustikgitarre und ein trauriger Text über ein geliebtes Mädchen, das nach Berlin wegzieht. Aber halt, stimmt das? Gerüchte behaupten ja, dass da gar nicht einem Mädchen nachgetrauert wird, sondern einem Freund – Thees Uhlmann. Ich sage: Bullshit. Es geht weder um ein Girl noch um den Tomte-Sänger, sondern einfach um die ersten beiden Staffeln von „24“, immerhin Marcus Wiebuschs Lieblingssserie. 4. „Einer“ – das nichtguteste Lied der Platte. Die Musik schunkelt eine Spur zu selbstverliebt vor sich hin und diese Texte, in denen nur Sachen aufgezählt werden, sind einfach keine gute Idee. Nie gewesen. 5. „Tränengas im High-End-Leben“ – zum Glück wird es gleich wieder besser. Ich prophezeie ja, dass sowohl der Begriff „High-End-Leben“ vor allem aber die Zeile „Ich fand’s auch mies“ mittelfristig in den allgemeinen Sprachschatz eingehen werden. Musikalisch so in der Mitte. 6. „Balu“ –Marcus Wiebusch behauptet ja „Das beste Lied, das ich je geschrieben habe“. Stimmt aber nicht. Mir gefällt es nicht besonders. Aber vielleicht bin ich aber auch nur ein bitterer alter Mann, der den Zauber eines Liebesliedes, in dem Tanzbären vorkommen, nicht sieht. 7. „Stockhausen, Bill Gates und ich“ – wieder ein Toprocker, diesmal sogar mit Kinderchor. Und wie schon auf der ersten Platte (als es Handclaps gab) kommen Kettcar hier mit einem Stilmittel davon, das man anderen Bands um die Ohren schlagen würde. Der Text ist laut Aussage seines Erfinders völliger Nonsens und soll nicht interpretiert werden. Das kann so jedoch nicht hingenommen werden, Entschlüsselungsansätze für den „gebrochenen Daumen von Carlos Santana“ (und warum er der wichtigste Finger ist) bitte hier durchdiskutieren. 8. „Anders als gedacht“ – Nicht das neue „Landungsbrücken raus“ aber dennoch ein Lied, dass 2005 ganze Konzerthallen mitschreien werden. Der Ausdruck „so jenseits von schade“ ist natürlich ein Kettcarizismus par excellence 9. „Die Wahrheit ist, man hat uns nichts getan“ – die ruhigere Fortsetzung von „Deiche“. Schöne, traurige, kluge Gedanken zum Status Quo. 10. „Handyfeuerzeug gratis dazu“ – das perfekte Lied, um es bei Konzerten als letztes zu spielen. Also sozusagen das neue „Ich danke der Academy“. Beste Zeile: „Kettcar gehen zum Lachen in den Keller – als Powerseller“. Ein Lied, das von der Liebe zur Musik handelt und davon, wie andere sie mit Füßen treten. 11. „Nacht“ – Zum Schluss noch mal den ganz großen Emovorhang aufgezogen. Dieses Lied fasst eine Grundstimmung dieses Albums zusammen, die so auf dem Vorgänger noch nicht zu finden war: Zufriedenheit, aufgehoben sein und so. Dass man eigentlich nicht viel braucht, außer einem Platz, „von dem aus ich deinen Schlaf beobachten kann“. Wäre auf dem Debütalbum im damaligen Themenpark „Alkohol, Dispotrouble, Schlägereien und Verzweiflung“ so nicht denkbar gewesen. Vor lauter Kettcar darf man aber nicht vergessen, dass auch Owen eine neue Platte hat. Owen ist das Soloprojekt des fabelhaften Mike Kinsella, der schon Meriten bei Cap’n Jazz, Joan of Arc, American Football, Maritime und und und erwarb. Kinsella schreibt die vielleicht traurigsten Lieder der Welt, wer „Good Deeds“ oder „Poor Souls“ von seine letzten Album kennt, weiß, dass es wenig gibt, wozu man sich besser unglücklich betrinken kann. Kinsellas Lieblingsthema ist die Liebe, gerne auch körperlicher Natur. Auch auf der neuen CD dreht sich wieder einiges ums Thema Sex und alle Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben: „Who Found Who’s Hair in Who’s Bed“ heißt gleich das erste Lied und Kinsella schreibt tatsächlich „who’s“, wo wir doch in der Schule gelernt haben, dass es „whose“ heißen müsste. Was sich zu den ersten beiden Owen-Alben geändert hat: Die Songs sind nicht mehr ganz so sparsam instrumentiert, alles ist üppiger und orchestraler geworden, auch wenn Kinsella immer noch alles selbst spielt. Wenn die Welt gerecht ist, bekommt Owen von dem ganze Wirbel, der derzeit um traurige junge Männer gemacht wird, ein bisschen was ab. Oder anders gesagt: Conor Oberst – eat your heart out. Außerdem erscheinen diese Woche: The Zinedines – Take Me Take Me ( Rainbow Quartz / Alive) Spanischer Psychedelic-Pop irgendwo zwischen Teenage „Alcoholiday“ Fanclub und The „There She Goes Again“ Las. Simon V – Because We Can (Santorin / Groove Attack) Drum’n’Bass aus Tübingen. Und ich mach echt keinen Spaß. Hey, die Platte aber schon. 50 Cent – Massacre (Interscope / Universal) Nachfolger zu dem 6 Millionen Mal verkauften Debütalbum des Rap-Zuhälters, das damals in der ersten Woche seiner Veröffentlichung mehr verkaufte als alle anderen CDs in den Top 10 zusammen.

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