Rätselhaft - wer schmuggelte Chris Martin Ecstasy in Zigeunerschnitzel?

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Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden.

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Illustration: Julia Schubert

hundamstrand.de Coldplay – X&Y (Parlophone / EMI) The White Stripes – Get Behind Me Satan (Xl / Beggars) Hund am Strand – Adieu Sweet Bahnhof (Tenstaag Records / Cargo) V.A. – Balkanbeats (Eastblok Music) Jens Friebe – Nachher Bilder. Remixe (Scheinselbständig) Lustig. Wenn ich auf amazon.de gehe, um nachzusehen, ob Coldplay oder The White Stripes mit ihrem neuen Album auf Verkaufsrang 1 reingeknallt sind, bekomme ich dort empfohlen: „Kaufen Sie X & Y und Get Behind Me Satan! Zusammen für: EUR 27,98“ Das vermeintliche Sonderangebot ist jedoch gar keins, denn wenn man beide Alben einzeln kauft, kostet’s genauso viel. Clever ausgeheckt, liebes Internet. Chris Martin verweist Jack White übrigens erwartungsgemäß auf Rang 2 (Stand: Montag Nacht). Aber das ist insofern keine Kunst, als dass Coldplay 18 Monate für ihr Album aufgewendet haben und The White Stripes nicht einmal 18 Tage. Das macht dem teakholzharten Fan der schwarz-rot-weißen Yokel-Show natürlich nichts aus. Alle anderen erinnern sich kurz an Daft Punk, die zwar musikalisch einen denkbar anderen Acker bestellen, zuletzt aber auch Lässigkeit beweisen wollten, indem sie in kürzestmöglicher Zeit ein Album zusammenklebten – das dann so gut wirklich nicht war. Und leider ist es mit „Get Behind Me Satan“ ähnlich. „Blue Orchid“ stampft noch gut los, so gut, dass man damit neugebaute Arenen eröffnen möchte, aber danach: Kopfschmerzen und Langeweile gleichzeitig. Auch schon wieder fast eine Kunst. Coldplay dagegen eher mit dem U2-Ansatz: Größer, opulenter, teurer, noch größere Mischpulte mit einer Milliarde Regler, bitte. Oder um noch mal Daft Punk rauszukramen: Harder Better Faster Stronger. Keine Angst, so schwach wie die erste Single „Speed of Sound“ ist das Album zum Glück nicht. Aber irgendwie kam diese Begeisterung, als man damals zum allerallerersten Mal „Yellow“ hörte, doch daher, dass man den Eindruck hatte: Geil, da ist endlich mal wieder jemand tüchtig traurig. Und diese Verzweiflung an der Welt mag man jemandem, der mit Gwyneth Paltrow in L.A. Kinder namens Apple in die Welt setzt, nicht mehr so richtig abkaufen. Noch zwei Zitate, dann aber schnell weiter: Über Coldplay schrieb ein amerikanischer Kollege den schönen wie wahren Satz „I have no opinion on Coldplay. And I think that's their problem.“ Und über die White Stripes rappten schon die Hamburger 5 Sterne Deluxe: „Hehe, ganz lustig, was ihr da macht, aber ihr wirkt auf mich wie ausgedacht“. Bücher die auch nur ansatzweise mit Jugend zu tun haben, werden ja ständig mit dem „Fänger im Roggen“ verglichen. „Der Fänger im Roggen für die MTV-Generation“, „eine Art postmoderner Fänger im Roggen“, „der beste Fänger im Roggen, der letzte Woche geschrieben wurde“. Deutsche Bands, die auch nur eine Winzigkeit sperriger klingen als die Sportfreunde werden in einem ähnlichen Reflex gerne mit der Hamburger Gletscherformation Kolossale Jugend verglichen. Bei Hund am Strand, die diese Woche mit ihrem kolossal jugendlichen Debüt „Adieu Sweet Bahnhof“ übers Parkett schliddern, ist das auch gar nicht so verkehrt. Denn: zappeliges Schlagzeug, dengelige Gitarren und klaustrophobisch-gellender Gesang – alles da. Die Hymne „Jungen Mädchen“ mit dem fabelhaft shoutbaren Slogan „Alle Jungen, alle Mädchen, zieht eure T-Shirts aus, yeahyeah“ war schon auf der Debut-EP meiner dieswöchigen Lieblingsband und ist quasi das „Hot In Herre“ dieses Sommers. Weißt schon, wenn nach der letzten Festivalband im Indiezelt noch die Disco brennt. Und als wären Topbandname und Topalbumtitel noch nicht genug, nennen die Teufelskerle ihre Tour auch noch „Mein Name ist Vollgas“ – mehr gute Laune war nie. „Eastblok Music“ steht auf der nächsten CD, und wenn sich ein Label einen solchen Namen gibt, erwartet man eigentlich schlimmsten Ostalgie-Kassensturz mit Ampelmännchen, Mauerbrocken und Rotkäppchenlogo. Doch von wegen kotzikotzi: Balkanbeats ist eine ernstzunehmende Kopplung südosteuropäischer Musik zwischen Folklore und Moderne jenseits von Klischees wie Zigeunerjunge und gleichnamigem Schnitzel. Von Garagenpunk mit Tuba bis zu Disco-Schmock mit Hackbrett, Teufel noch eins. Auf die dazugehörige Partyreihe (die selbstverständlich in Berlin stattfindet) möchte ich trotzdem nicht gehen, da ich dort eine Achse des Bösen bestehend aus mittelalten Ausdruckstanzfrauen, jugendlichen Agenturhipstern und irgendeinem der beiden Koreas befürchte. Statt dessen lieber vor dem Plattenspieler zuhause abgeilen. Auf dem liegt jetzt die Remixplatte von Jens Friebe, die (hehe) „Nachher Bilder“ heißt und auf dem schönen Label Scheinselbständig erschienen ist. Über dessen Auslaufrillenabkürzung SST man sich ja tagelang freuen kann. Hans Nieswandt spielt routiniert am „Körper“ herum, Brezel Göring holt aus „Ein Lied ohne Botschaft“ leider nichts raus und die Bum Khun Cha Youth lässt „Körper“ klingen wie eine Mischung aus Depeche Mode und Nitzer Ebb (oder zumindest dem, was ich mir unter letzterem vorstelle). Auch „Gespenster“, der melancholische Smasher über Internetpornografie kommt zweimal dran. Einmal wird er von Baxendale durch den sogenannten Wolf gedreht, einmal vom blutjungen Produzententalent Daso, mit dem Friebe auch am neuen Album (bereits gehört: Hits!Hits!Hits!) gearbeitet hat. Dann gab es wohl Streit um das letzte E – und das ist schade angesichts von Remixen wie diesem. Wie eine mächtige Science-Fiction-Autobahn erhebt sich der Daso-Track, strahlend und klar, wie ein Fernseher, der nichts als weiß zeigt. Hoppla, jetzt habe ich wohl selbst von der Chemie genascht. Mir wird ganz blümera ... Außerdem erscheinen diese Woche: Elvis Costello and the Imposters – Live in Memphis (Eagle Vision) Der zweitbeste Elvis der Welt in einem Miniclub gefilmt. Natürlich ein Topkonzert, leider so artifiziell ausgeleuchtet wie ein Bandauftritt in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimi. Tosca – J.A.C. (G-Stone / !K7) Das stets beste Nebenprojekt des Kruder&Dorfmeister-Kosmos mal wieder über die volle Länge – aber deutlich analoger instrumentiert als gewohnt. V.A. – Verliebt in Berlin (Warner) „Aus der TV-Werbung“ steht auf der CD, die von Ich & Ich bis Lukas Hilbert alle Scheußlichkeiten der deutschen Gegenwart zusammenstellt. Ich dachte ja „Aus der Serie“ – so kann man sich irren. Sin – Absinth (Abuse Industries) Abuse Industries schalteten früher immer dergestalt tolle Werbeanzeigen im Lodown-Magazin, dass konservative Kioskbetreiber das Heft in die Pornoabteilung unter die Ladentheke verbannten. Die Musik ist mir mit Verlaub gleichgültig, aber die kranken Anzeigen vermisse ich doch ein wenig. Kraftwerk – Minimum-Maximum (EMI) Eigentlich ein Paradoxon:

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