Reingehört in Bloc Party, Saint Thomas, Eleni Mandell und andere tolle Tollheiten

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Lied: Hunting For Witches von Bloc Party Ausgesucht weil: Es schön ist, dass Bloc Party auch in der zweiten Runde so gut funktioneren. Ausgesucht aus: A Weekend In The City (Wichita)

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Schöne Überraschung: auch die zweite Bloc Party–Platte ist gut, sehr gut sogar und damit angenehme Ausnahme in der Reihe der Post-Hype-Ausfälle. Am Stil der Londoner hat sich nicht viel verändert, die Songs sind etwas düsterer und elegischer geworden, aber Nummern wie dieses „Hunting For Witches“ funktionieren genau nach dem Erfolgsrezept der ersten Singles: gestochen scharfer Beat und eine tatsächlich, Elektrogitarre drüber, die gemeinsam mit Kele Okerekes schwelgender Stimme den dunkel-gefährlichen Sound macht, vor dem man wegrennen möchte, aber nur hintanzen kann. Die Clubbeschallung mit Bloc Party bleibt damit also noch länger gewährleistet, aber auch im stillen Kämmerlein funktioniert das alles, weil Bloc Party ja nicht, wie zum Beispiel Kasabian, distanziert und kalt die Stellschrauben verdrehen, sondern immer noch einen warmen Bogen, mal einen weichen Gitarrenakkord, mal Glockenspiel und Vogelgezwitscher lancieren. Dankbar nimmt man zur Kenntnis, dass dies nicht aus reiner Chart-Gefälligkeit passiert, sondern gleichzeitig einer kyrillischen Wucht und Vielfalt dient also einer Weiterentwicklung also einem gesundem Bandwachstum. So ist es ist ein rundum gesundes Album, das abgeliefert wurde, energiegeladen wie eine Stadt. Lied: My Twin von Eleni Mandell Ausgesucht weil: Vielleicht das bestes Schieber-Lied seit langer Zeit mit einem wunderschönen Bläser-Satz. Eleni Mandell erzählt den Traum von dem einen, wahren Menschen, der für sie bestimmt ist und ihre Angst, dass er, bevor sie ihn treffen konnte, bei einem Unglück ums Leben kommen könnte. Ausgesucht aus: Miracle Of Five (Rough Trade)

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Eleni Mandell hat es verdient, mit dieser CD (es ist ihre sechste) endlich ein größeres Publikum anzusprechen und ein bisschen was vom Erfolgsrahm einer Norah Jones abzuschöpfen. Ihre beiden Vorgänger, die in Deutschland erschienen sind, „Country for true Lovers“ und „Afternoon“, waren schon wunderschöne kleine Miniaturen der zierlichen Frau mit zierlicher Gitarre. Und jetzt ist alles noch ein wenig ruhiger, entspannter und tatsächlich auch fast optimistisch. Die Songwriterin aus Los Angeles fühlt sich der ursprünglichen amerikanischen Musik-Tradition verpflichtet und hat in ihren Songs auch die Musik ihrer Vorbilder wie Hank Williams, Bob Dylan und George Gershwin einfließen lassen. Dabei strapaziert sie ihre außergewöhnliche Stimme so sexy, dass es kaum auszuhalten ist. Herausgekommen ist ein Album, das einer kleinen Erleuchtung gleicht. Lied: Sheila von Jamie T. Ausgesucht weil: darin so reizenden Nachrichtensprecher-Einlagen vorkommen. Und weil der Song ganz nebenbei auch noch großartig ist. Ausgesucht aus: Panic Prevention (Virgin)

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Jamie T. ist das nächste große Ding. Sagen jedenfalls fast alle Sachverständigen der Musikpresse. Man kann ihn sich als so eine Art Mike Skinner des Ska-Disko-Rap-Pops vorstellen. Jung ist er, erst 20 und erzählt, genauso wie Skinner von dem, was er kennt: Den Wochenenden, während denen gesoffen, geknutscht, geprügelt wird – wie das eben bei Englands Jugend so üblich zu sein scheint. Der Sound, zu dem Jamie T. dann im Rhythmus rumscheppert und rappt, ist erstaunlich. Er selbst meint, er würde einfach alle Einflüsse, die er so gehört hat, zusammenbasteln und eigentlich nur nachahmen wollen. Aber kaum jemand wird ihm Plagiats-Vorwürfe machen, denn erkennbar bleiben die Vorbilder nicht. Er ist ein Tüftler, der mit einfachstem Equipment seine Songs umsetzt. Jetzt ist er bei einem großen Label unter Vertrag genommen worden. Und zu seinen Hits wirst du bald tanzen und einen hervorragenden Soundtrack zu einem Wochenende voller Bier und freundschaftlichen Schlägereinen haben. Lied: After The Show von Saint Thomas Ausgsucht weil: Der Song steht symptomatisch für die Stimmung und Haltung des Künstlers auf dieser Platte. Einziges Thema des Songs: was Saint Thomas während einer Deutschland-Tour so durch den Kopf geht, die Hoffnung, dass die nächste Show ausverkauft ist und dass er wohl nach dem Konzert bei irgendeinem weiblichen Fan auf dem Sofa übernachten wird. Ausgesucht aus: There’s Only One Of Me (Make My Day Records)

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Saint Thomas hat ein Problem: Seine sowieso schon fast ausschließlich selbstreferenzielle Platte verschwindet fast hinter seinem ausgeprägten Mitteilungsbedürfnis. Die Essenz seiner Äußerungen: Er ist jetzt Do-It-Yourself-Künstler, weil er niemandem mehr trauen kann und will. Thomas Hansen hat eine harte Zeit hinter sich. Er, der schon immer seine Depressionen mit Alkohol betäubt hat, hat im vergangenen Jahr dazu noch eine ernsthafte Tabletten-Sucht entwickelt. Im August ging er dann in eine Entzugsklinik und hat dort – anscheinend erfolgreich – seine Sucht bekämpft. Jetzt ist er zurück mit einer neuen Platte und einer Europa-Tour, die ihn im März auch nach Deutschland bringt. Besonders glücklich wirkt er trotzdem nicht. Die Platte handelt von ihm, von seiner Einsamkeit und Depression. Das ist zum Teil schmerzhaft anzuhören, weil er sich nicht schont und manchmal schon fast zu sehr entblößt. Die Texte schwanken zwischen Größenwahn und Traurigkeit. Instrumental ist es diesmal ein bisschen härter, ungeschliffener geworden, was auch daran liegt, dass er die Platte fast im Alleingang aufgenommen hat. Das Ergebnis ist trotzdem gut. Irgendwie. Lied: Her Morning Elegance von Oren Lavie Ausgesucht weil: hier das charmante Lispeln des Herrn Lavie so schön mit einem Streicher-Ensemble harmoniert. Ausgesucht aus: The Opposite Side Of The Sea (tuition)

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

So ein kleiner Sprachfehler ist charmant und je länger man ihm zuhört, desto mehr fällt einem auf, dass man das schon lange in der Popmusik vermisst hat. Oren Lavie ist schon wieder so ein Allrounder, der alles, was er auf seiner Platte präsentiert, selbst gemacht, sich selbst beigebracht hat und selbst aufgenommen hat. Ursprünglich aus Israel, ist er zum Theater-Studium nach England gezogen, von dort wegen Erfolglosigkeit nach New York gegangen und von dort wiederum wegen noch größerer Sorgen nach Berlin gezogen. Dort hat er dann die Songs, die er in den vergangenen sieben Jahren in seinem Kopf hatte, im Heimstudio aufgenommen. Oren hat eine ziemlich einleuchtende Vorstellung davon, was einen guten Popsong ausmacht: Eine schöne Melodie, die eingängig, aber doch überraschend ist und – im besten Fall – von einem gescheiten Text begleitet wird. Sagt er, macht er, klingt schön. Lied: So Doggone Lonesome von Mark Murphy Ausgesucht weil: es ein Johnny Cash-Stück in Jazz-Gewand ist. Ausgesucht aus: Love Is What Stays (Universal)

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Mark Murphy war vor sehr langer Zeit mal sehr weit oben. Entdeckt von Sammy Davis Jr. hat er in den 60er Jahren die Haute Volee Amerikas mit seinen Jazz-Standards unterhalten. Er ist ein typischer Crooner im Stile des Rat Pack und obwohl er jetzt seit 50 Jahren im Showbusiness unterwegs ist, hat er sich eine erstaunlich geschmeidige Stimme erhalten. Nach den großen Erfolgen ging es selbstredend erst einmal tief runter in den 70er und 80er Jahren bis er von Acid Jazz-Enthusiasten wie Gilles Petersen wieder entdeckt wurde. Till Brönner hat nun diese aktuelle Platte produziert – es ist ihre zweite Zusammenarbeit. Das Album ist mit Sicherheit keine musikalische Erleuchtung oder Fortentwicklung, aber eine sehr solide, seelenreiche Aufnahme eines alten Mannes.

  • teilen
  • schließen