Reingehört mit Irene, Jarvis, Prince, Olli Schulz und vielen mehr

Weihnachten ist gar nicht so weit weg, wie man gerne hätte. Deshalb in dieser Ausgabe von Reingehört: Geschenk-Tips für alle, die Platten-verschenken für eine gute Idee halten.
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Illustration: Julia Schubert

Irene – Apple Bay (Labrador Records) Neun Schweden auf einer Platte, wie reizend. Aber mal wirklich. Die singen mit viel Schallala von Küssen am Nachmittag und Sommerstrand-Vergnügungen der harmlosen Art – also gemischtgeschlechtliches Volleyballspielen und danach eine kleine Weinschorle. Klingt nett, nicht überraschend und auch nicht so, dass man sich jetzt gleich noch mal vor lauter Innovations-Schock hinsetzen muss. Aber wirklich nett. Kann man der Schwester schenken, die Musik grundsätzlich nur zur Stimmungs-Verstärkung benutzt.

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Illustration: Julia Schubert

Micah P. Hinson - Micah P. Hinson And The Oper Circuit (sketchbook) Micah P. Hinsons legt hier sein zweites Album vor, das Debüt vor zwei Jahren wurde schon hoch gelobt. Micah ist ein sehr ruhiger Americana-Folk-Singer-Songwriter mit einer sehr angenehmen Singstimme und großartigen Begleitmusikern. Das Album entstand, und das will Micah allen mitteilen, die es sich anhören, unter erheblich unguten Bedingungen: Ein Freund verletzte ihm unabsichtlich das Rückgrat, was zur Folge hatte, dass Micah, der gerade seine Medikamenten-Abhängigkeit überwunden hatte, mit allen Schmerzmitteln zugedröhnt wurde, die so in der näheren Umgebung erhältlich waren. Dann war er zwei Monate auf Tour, nicht wissend, dass er ernsthaft verletzt war. Als er wieder zurückkehrte, musste er sofort operiert werden und steckte danach monatelang in einem Korsett, konnte sich nur mit einer Gehhilfe fortbewegen und war kaum mobil genug, um seine Wohnung zu verlassen. So entstanden die Songs für dieses Album eben dort. Seine Freunde und Mitmusiker kamen zu ihm nach Texas und nahmen mit ihm ein erstaunlich intimes Album auf. Obwohl jeder der elf Songs flächendeckend instrumentiert ist, bleibt immer die ein wenig gebrochene Stimme Micahs das bestimmende Element der Songs. Sehr empfehlenswert als Geschenk für alle, die nett sind. Brats On The Beat – Ramones For Kids (Go Kart Records) Eine hervorragende Idee, man fragt sich, warum vorher noch niemand drauf gekommen ist: Ramones-Songs für Kinder. Das Rezept dieser CD ist ziemlich einfach: Mehr oder weniger berühmte Gastsänger (Brett Anderson von The Donnas, Nick Oliveri von Queens Of The Stone Age und noch einige andere singen von „Blitzkrieg Bop“ bis „Rock’n’Roll High School“ sämtliche Ramones-Heuler, im Refrain begleitet von einem leicht hysterisch anmutendem Kinderchor. Funktioniert trotz der einfachen Idee hervorragend – wenn man was für Kinder-CDs übrig hat. Gutes Geschenk für hippe Neu-Eltern im erweiterten Freundeskreis.


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Illustration: Julia Schubert

Olli Schulz & Der Hund Marie „Warten auf den Bumerang (Labels) Olli Schulz ist bekannt als der Meister des Einzeilers. Alle finden ihn ungefähr zum Totlachen und seine Konzerte ähneln mitunter eher Stand-Up-Comedy-Abenden denn Musikkonzerten. Jetzt aber ist Olli Schulz nicht mehr witzig, er will mal ernst machen. Das sei ihm zu gönnen, schließlich soll jeder machen dürfen, was er will. Es geht also auf „Warten auf den Bumerang“ um menschliche Schicksale, ein grandioses Lied für Väter ist auch dabei. Auch sonst macht Olli Schulz seine Sache mal wieder gut. Seine Band ist über den Hund Marie (Tomtes und Heike Makatschens Max Schröder) hinaus auf vier Mitglieder gewachsen, er hat Label und Produzenten gewechselt. Muss man aber keine Angst haben vor der Veränderung. Als wenig originelles Geschenk für den Olli Schulz-Fan der Herzen. Weihnachts-Fankritik von caroline-vonlowtzow:

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Illustration: Julia Schubert

Sufjan Stevens – Songs For Christmas (Asthmatic Kitty ) Alles, was dieser Mann anpackt, muss den gewöhnlichen Rahmen irgendwie sprengen. Seine Konzerte, bei denen er mit einer zehnköpfigen Begleitband in Pfadfinderhemden und mit Flügeln auf dem Rücken auftritt und sich selbst, Adlerschwingen tragend, als „Siegfried Stevens, the Chief Eagle Master Bird“ vorstellt, gelten schlicht als magisch. Sein geplantes Lebenswerk, alle 50 US-Bundesstaaten zu vertonen und zu besingen ist, zwar gerade etwas arg ins Stocken geraten, aber dafür erfreut uns der Star der US-amerikanischen Neo-Folk-Szene nun mit einem anderem gigantischen Oevre. Einem Weihnachts-Oevre. Vergesst „White Christmas“, vergesst die Best-Of-Alben und seltsamen X-Mas-Compilations, vergesst all eure Vorbehalte gegen die diversen Versuche von Mainstream-Hasen und Indie-Kieznasen, was Weihnachtliches zu komponieren – hier kommt eine fünf (!) CD-Box, die jeden Streit an Heilig Abend oder den Feiertagen sofort befrieden wird, so schön ist sie. 2001 begann Stevens eine kleine Weihnachtstradition: Als Geschenk für seine Freunde und seine Familie nahm er jedes Jahr einige Songs als EP auf. „Peace“, „Joy“,„Ding! Dong!”, „Hark!“ und „Noel” heißen die fünf EPs, die in den letzten Jahren so entstanden sind und nun veröffentlicht werden. Dazu gibt es ein 42-seitiges Booklet mit einem Weihnachts-Essay des amerikanischen Erzählers Ricky Moody, einer Kurzgeschichte und zwei Essays von Sufjan Stevens, einem Comic, Urlaubsstickern und ich weiß nicht, was noch allem. Klatscht zu der fantastischen, durchgeknallten, bombastischen Musik von Zauberer Stevens in die Hände, lauscht den Trompetenfanfaren, lasst euch von den Orgelouvertüren in weihnachtliche Stimmung wiegen und stimmt ein in den Chor, wenn „Siegfried Stevens, the Chief Eagle Master Bird“ singt: "Santa Clause is coming to town. "

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Sugababes – Overloaded: The Singles Collection (Universal) Die Sugababes waren mal ein echtes Feuilleton-Phänomen, Liebling der Redakteure, die sich angesichts des Lolita-Charmes der englischen Mädchen einen Wolf schrieben. Bald nach dem hoch gelobten Debut gab es viel Verwirrung, Wechsel in der Besetzung, Rumgezicke und alles, was halt so zum Erwachsen werden dazu gehört. Jetzt wollen sie wieder mitmischen. Erst mal mit einem Best Of-Album. Bis auf zwei neue Songs ist da jeder Hit versammelt, den sie mal hatten. Und beim Wiederhören muss man neidlos zugeben, dass die drei jungen Damen perfekten Pop abgeliefert haben in den vergangenen sechs Jahren. Neu auf der Platte sind nur zwei Songs „Good To Be Gone“ und „Easy“, die ebenso eingängig und tanzbar sind, wie die älteren Stücke, dass die Sugababes es sicher wieder in die Charts schaffen werden. Und dann können die Feuilletons sich wieder freuen.


V.A. – Prototypen (intergroove) Bock auf’n Beat, die unter anderem Joy Delanane produzierten, haben ihre Freunde, also quasi alle vorhandenen Hiphop-Produzenten Deutschlands auf diesem Album versammelt, und eine Art Leistungsschau des Produzenten-Wesens kompiliert. Afrob, Dj Katch, Audiotreats und natürlich auch der notorische Über-Produzent DJ Tomekk sind dabei. Und weil immer nur Beats schnell fad werden, haben sie sich noch ein paar Gast-Rapper geleistet, unter anderem X-Zibit, Sido, Afrob, D-Flame und Alena Kortis. Ein solides Weihnachtsgeschenk für den Neffen, der nichts anderes als Hip Hop hört. Kann man gar nichts falsch machen.

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Illustration: Julia Schubert

Jarvis Cocker – Jarvis (Rough Trade) Ich habe mich so vor diesem Album gefürchtet, dass ich es gar nicht anhören konnte, und mich erst dazu gezwungen habe, als kein Ablenkungsmanöver mehr getaugt hat. Diese Furcht hatte ich schon zu den Zeiten, als Jarvis Cocker noch Frontmann von Pulp war und immer so korrekt alles richtig gemacht hat, dass es Scheiterern wie mir unheimlich war. Pulp haben sich irgendwann aufgelöst und man konnte wieder unverzagt auch mal aus Versehen geschmacklose Pullover tragen, ohne gleich aus Angst vor den Eulen-Augen Cockers auswandern zu wollen. Und jetzt ist er doch wieder aufgetaucht. Macht nun alleine Musik, die immer noch nach Pulp klingt, jetzt vielleicht ein bisschen weniger grandios, dafür persönlicher. Gutes Geschenk für alle, die cool werden wollen.

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Illustration: Julia Schubert

Prince – Ultimate (Warner Bros) Weihnachten nähert sich auch in der Musikindustrie mit Riesen-Schritten, das erkennt man unter anderem, dass Hinz und Kunz ihre Best Of-Alben raushauen. In diesem Fall sind Hinz und Kunz natürlich die ganz Großen, Prince zum Beispiel. „Ultimate“ ist ein Doppel-Album. Auf der ersten CD sind sämtliche Heuler der vergangenen Prince-Jahre bei Warner, ungefähr zwischen 1978 und 1996, versammelt, von „When Doves Cry“ bis „My Name Is Prince“. Auf der zweiten CD gibt es elf Zusatz-Gimmicks, die allerdings nur einem echten Fan die Tränen in die Augen kommen lassen. Dance Remixe und Extended Versions von seinen Songs. Kann man seiner "verrückten" Tante schenken, die dauernd nervt, weil sie unbedingt mit in die Disko gehen will. Los Bomberos de Monte Cruz – Dito (Just records Babelsberg) Weltmusik mit Karacho, klingt ein bisschen so, als würde alles auf 45 laufen, liegt aber vermutlich nur an der ausnehmend souveränen und geübten Handhabe der Instrumentalisten. Man bekommt, die schlimmen Verallgemeinerungen bitte zu entschuldigen, sofort Durst auf eine Flasche Schnaps und will seine lange verschollene Cousine heiraten. Wenn man ausgeschaltet hat, ist der Anfall aber schnell wieder vorbei. Außerdem erscheinen in dieser Woche: And You Will Know Us By The Trail Of Dead – So Divided (interscope Records) The Beatles – Love (Apple) The Veronicas – The Secret Life of (Sire) Tom Waits – Orphans – Brawles, Bawlers & Bastards (Anti) Supersuckers – Paid (Abstract)

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