Reingehört: The Rapture schreien nicht mehr und Ben Kweller lässt die Sonne scheinen

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The Rapture – Pieces Of The Pople We Love (Universal) Eine hysterisch schreiende Robert Smith-Stimme, die sich in fast jedem Stück so anhört, als würde sie durch eine endlose, stockdunkle Nacht getrieben, wahnwitziges Kuhglocken-Gedengel und ein lärmender, völlig überdrehter Discopunk mit Beats, die so stark pumpen wie Muskeln beim stundenlangen Tanzen – damit sorgten The Raptuer vor drei Jahren auf ihrer ersten Platte „Echoes“ für ziemliche Aufregung, denn sie schafften es, die gegensätzlichen Welten von Clubsound und Gitarrenrock, von Disco und Punk zu einer so noch nicht gehörten Mixtur zu vereinen. Das erste, was beim Hören des Nachfolgers auffällt: The Rapture schreien nicht mehr, sondern sie singen. Und „sie“ sind in diesem Fall auch nicht mehr nur Luke Jenner mit seiner The Cure-Stimme, sondern nun auch Mattie Safer. „Echoes“ klang nach Panik, Verzweiflung, durchgeknallter Überdrehtheit, dem Höchstmaß an Stress kurz vor der erlösenden Entspannung und es gab kaum einen Moment des Innehaltens. Beim Hören von „Pieces“ hat man dagegen das Gefühl, die Jungs sind endlich in der Entspannungsphase angekommen. „Es ist der Sound einer Party, zu der ausnahmslos jeder eingeladen ist”, sagen The Rapture über ihr neues Album. Und es ist tatsächlich eine richtige Platte zum Durchhören geworden, weniger zum Durchtanzen, obwohl auch das noch möglich ist, da es noch jede Menge Discofunk-Rhythmen gibt. Weniger nervöser Techno und Punk, mehr poppiger Rave à la Primal Scream (wie bei “Down For So Long“ oder der großartigen Single „Get Myself Into It“). Das hört sich super an, ist aber eben leider nicht mehr so kaputt und ungeschliffen wie noch zu „Echoes“-Zeiten. Die Kuhglocke scheppert aber übrigens immer noch.

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Illustration: Julia Schubert

Kelis – Kelis Was Here ( Emi) “This is my song, this is my story, this is my mark”, beginnt Kelis im souligen Intro (inclusive Pfeifen) ihre neue Platte. Es hört sich an wie ein trotziger Kommentar zu ihrer bisherigen Karriere. Die begann extrem vielversprechend als Schützling der Überproduzenten Neptunes. Ihr erste Single „Caught Out There“, in dem sie allen Ex-Lovern dieser Welt wütend entgegen schrie "I hate you so much right now!", wurde denn auch sofort zum Hit. Zwei Jahre nach dem hochgelobte Debütalbum „Kaleidoscope“ drohte ihr aber beinahe das Karriere-Aus. Ihr zweites Album „Wanderland” wurde von der Plattenfirma in den USA als nicht vermarktbar in den Giftschrank verbannt, die Veröffentlichung des Nachfolgers „Tasty” permanet verschoben. Die Single „Mikshake“ schaffte es trotz allem bis in die Top Five der amerikanischen Charts und zu einer Grammy-Nominierung. Man sollte also meinen, Kelis habe nun ihr Erfolgsrezept gefunden. Aber so etwas scheint sie abzulehnen: „...they told me this is how to get rich ya'll/ Make a hit song, same lame lyrics, same bass, same kick drum”, singt sie in „Circus”. Mit dem neuen Album macht sie es dem Liebhaber von zuckrigsüßem und golden glänzenden R&B Gott sei dank erneut schwer. Die 18 Stücke klingen kantig, schmutzig, schneidend und dank des Einsatzes von Rockgitarren, Bässen und Dancehall-Beats auch ganz schön düster. Insgesamt ist es ein extrem abwechslungsreiches und großartiges R&B-Album geworden mit ruhigen Gospel-Songs à la „Appreciate Me“, Soul-Nummern wie „Till The Wheels Fall Off” und Dancehall-Hiphop-Songs wie "Blind Me", in dem Kelis offensive Sexualität propagiert. Kelis ist vielleicht nicht die Feministin, als die sie anfangs gerne beschrieben wurde, aber sie hat sich mittlerweile emanzipiert: You don’t have to love me, you don’t even have to like me, but you will respect me, you know why? Cause I’m the boss.”

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Illustration: Julia Schubert

Ben Kweller – Ben Kweller (Red Ink) Spätestens beim Refrain des dritten Lieds auf der neuen, dritten Platte von Ben Kweller geht die Sonne auf – egal wie eklig es draußen nieselt. „I’ll do everything you want me to“ oder so ähnlich säuselt der leicht milchgesichtige, aber sofort Mutterinstinkte weckende Ben Kweller. „Sundress“ ist ein absolute Indie-College-Radio-Hymne, bei der man am liebsten gleich Mitsingen würde. Ebenso das direkt folgende „I Gotta Move“ oder „Penny On The Train Track“. Auf „Ben Kweller“ klimpern die Pianos, die Gitarren schrummeln und rocken sogar ab und zu, viel Tom Petty und Bruce Springsteen und Glockenspiel sowie Triangel verstäken das manchmal etwas arg dahinschunkelnde Gefühl beim Hören. Das texanische Wunderkind des Indie hat eine schöne Platte abgeliefert, der aber nach meinem Geschmack etwas die Ecken und Kanten fehlen, das leicht Schräge und Schrabbelige, das etwa die Lemonheads, die Könige des Indie, immer hatten. Böse Zungen könnten gar sagen, die Musik sei in ihrer glatten Qualität so nett wie der süße 25-jährige Ben aussieht. Ich höre mir dafür lieber noch mal „Sundress an“ und schunkle ganz ungehemmt mit. Das muss an der Eröffnung des Oktoberfests liegen. Die Fankritik: Bonnie „Prince“ Billy - The Letting Go (Domino) (christina-kretschmer) Besonders griffige Formulierungen fallen mir beim Hören nicht ein, mit denen ich die neue Platte von Bonnie „Prince“ Billy anpreisen könnte. Das liegt vielleicht daran, dass seine Musik sich solchen catchy Textbausteinen entzieht - sie ist ätherisch, macht auf „The Letting Go“ ausgiebig Gebrauch von Streicher-Arrangements, zärtlich und sehr, manchmal fast zu intim. Dabei wird es aber niemals schmalzig oder oberflächlich. Will Oldham (so heißt er in echt, oder auch: Palace Music oder Palace) ist ein Ausnahmekünstler unserer Generation, der trotz eines wirklich außergewöhnlichen Outputs nie an Qualität verliert oder sich gar wiederholt. Wenn man sein Schaffen durchhört, hat man stattdessen fast den Eindruck, einer sehr eigenen und dynamischen Entwicklung zu folgen. Von den dunklen Anfangs-Zeiten über ziemlich professionelle Zwischenspiele bis hin zu dieser Liebesgeschichte „The Letting Go“. Das Album entstand auf Island unter den Fittichen des Björk-Kollaborateur und Produzenten Valgier Sigurdsson. Und man möchte sagen, es ist sein Meisterwerk geworden. Aber damit würde man all seinen anderen Platten unrecht tun. Also einigt man sich innerlich auf: es ist das Werk eines Meisters geworden.

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Illustration: Julia Schubert

Darkel – Be My Friend (Labels) Darkel heißt im echten Leben Jean-Benoît Dunckel und ist seit zehn Jahren die dunkelhaarige Hälfte von Air, die ja gerade die Lieder des neuen Albums von Charlotte Gainsbourg (http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/336186) komponiert haben. Parallel dazu hat er Zeit gefunden, sein eigenes Werk auf den Weg zu bringen. Darauf spielt er alle Instrumente selbst und singt mit seiner wunderbar androgynen Stimme auf englisch. Diese Stimme samt Akzent, die „Oh Darling“ so schön singen kann wie sonst niemand, ist es, die Darkels elektronischer Musik diese Leichtigkeit und Zerbrechlichkeit verleiht, die man ja auch von Air schon kennt. Das scheppernde Tamburin etwa bei “At the End Of The Sky” oder das Klavier bei „Some Men“ tragen zugegebenermaßen auch ein bisschen was dazu bei. Die Herkunft ist also unverkennbar (Air nehmen übrigens auch gerade ein neues Album auf, das im Januar nächsten Jahres kommen soll), dazwischen überrascht Herr Darkel dann aber plötzlich immer mal wieder mit einer Glamrock- oder Popnummer.

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Illustration: Julia Schubert

DJ Shadow - The Outsider (Universal) Huch, denkt man sich gleich beim ersten Song – eine Soulnummer à la Marvin Gaye? Und das vom Meister des Samples DJ Shadow? Und danach gleich noch ein Aha-Erlebnis: DJ Shadow macht jetzt richtig Hiphop. Man kommt bei der gesamten Platte aus dem Staunen nicht raus. „The Outsider“, das dritte Album von Shadow, wartet mit haufenweisen Vokalgästen und einem ziemlichen Stilmix auf - von Folk, Indie-Rock, Blues, Hardcore und einem neuen Hiphop-Stil namens „Hyphy“, der aus der San Francisco Bay Area kommt. Die Platte hört sich deshalb auch eher an wie eine Compilation mit einigen wirklich umwerfenden Stücken wie etwa „Seein Thangs“ oder besagter erster Track „This Time“. Konzeptalben sind in Zeiten der Random-Funktion einfach nicht mehr zeitgemäß, findet Shadow. Das Album als Compilation könnte da doch mal ein neues Konzept sein. Scissor Sisters – Ta-Dah (Universal) Die Plattenbesprechung liefern wir nächste Woche gemeinsam mit einem Interview der Scissor Sisters. Hiphop mit hannes-kerber Kool Savas & Optik Records – Optik Takeover (SonyBMG/Subword) Vier Jahre nach der Lablegründung kommt jetzt die lang angekündigte Werkschau der Berliner. Kool Savas, Optik-Chef und Gründungsmitglied der legendären Masters of Rap, die gegen Ende der Neunziger den Berliner Rap definierten, hat mit seiner Vision, eine Berliner Kreativzelle zu schaffen, Erfolg gehabt: „Takeover“ zeigt, dass es einen eigenständigen, wenn auch stark von Savas geprägten Optik-Sound gibt (dieser zeigt sich zum Beispiel in dem Track „O.P.T.I.K.“, in dem die Rapper zu den Buchstaben alliterierend rappen). Gleichzeitig hat sich aber durch das Neumitglied Franky Kubrick ein Rapper gut integriert, der ohne Savas direkten Einfluss Musik macht. Neben den Wir-sind-die-Besten-und-haben-den-Längsten-Liedern, kommt nur die humoristische Seite („Frag mich nicht, was ich über Frauen in grünen Parkern denke. Obwohl du Abi hast, einen reichen Papi hast, siehst du aus wie direkt gesponsort von Caritas.“) etwas kurz. Irritierend, im Gegensatz zu dem sexistischen Savas-Hit „L.M.S“ auch nicht lustig, ist der homophobe Track „Homo Thungs“. Das Album ist super, nur bei einzelnen Parts und besonders bei den Solotracks der Optik-Mitglieder Caput und Moe Mitchell zeigen sich die Schwächen einzelner Künstler. Allerdings erfreut es, dass jetzt – neben Savas, Kubrick und Ercandize - auch Amar alleine den Song „Manche Leute“ durchsteht. Bei Optik entwickelt sich etwas und es macht Spaß, dabei zuzuhören. Teriyaki Boyz – Beef Or Chicken (DefJam/Universal) Japanischen Rap habe ich noch nie gehört. Japanischen Rap auf Beats von Topproduzenten (Adrock, Shadow, Daft Punk usw.) erst recht nicht. Der Sound hört sich wie etwas komplett Neues, Niedagewesenes an. Und ein solches Erlebnis hatte ich seit den Neptunes und dem ersten 50 Cent-Album nicht mehr. Das Ganze ist am ehesten an mit dem Beastie Boys-Sound vergleichbar. Das hat zwei Gründe – erstens der puristische, schnelle, humorvolle Rap (einer der wenigen englischen Texte: „You got beef? Well my bad – I got chicken!“) hört sich einfach so an (bis auf den kleinen Aspekt der Sprache) und zweitesn wurde Beastie-Produzente Adrock massiv beteiligt. Außerdem erscheinen diese Woche: Paolo Nutini – "These Streets" (Warner) Hier git es ein Interview mit Paolo Nutini Eagle*Seagull - Eagle*Seagull (Lado) You Say Party! We Say Die! - Hit the Floor (Document) R.E.M. - The Best Of The I.R.S. Years 1982-1987 ( IRS/Capitol) Helmet – Monochrome (DRT Entertainment) Teitur - Stay Under The Stars (Edel) The Black Maria - A Shared History Of Tragedy (Victory) The World Inferno Freindship Society – Red Eyed Soul Collectors Series Pt. 2 – Kaos & Salvatore Principato (Faith Recordings) Varoius – The World is Gone (Xl Recordings) Varoius – Where We AT (Sonar Kollektiv) [

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