Reingehört und aufgeschrieben

Sanctuary Records De La Soul – "The Grind Dates" (Sanctuary Rec.
christoph-koch
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Illustration: Julia Schubert

Sanctuary Records De La Soul – "The Grind Dates" (Sanctuary Rec.) Cowboys On Dope – “High Noon” (Pirate Records / Sony) Die Grätenkinder – “Serviervorschlag” (Tumbleweed Rec.) The Killers – „Hot Fuss“ (Island Def Jam) Enno Palucca – “na endlich ROCK!” (Micropol Rec. / Brokensilence) Joss Stone – “Mind, Body & Soul” (Virgin) Starten wir dieses Mal mit einem Blockbuster, einem echten Platzhirschen: Gegen De La Soul kann man, darf man ja überhaupt nichts sagen. Untouchable wie Eliot Ness. Auch auf „The Grind Date“ sind die Beats immer noch dick und staubtrocken, die Raps eher conscious als jiggy und die Gäste erlesen. Am allerbesten: Flava Flav, der Uhrenmann von Public Enemy darf seine Stimme wie eine rostige Feuerwehrsirene durch „Come On Down“ jagen. Jetzt erst mal nach Deutschland, an den Rhein genauer gesagt. Dorther kommen nämlich die Cowboys On Dope. Und da liegt auch schon der Coyote begraben: Rheinländer, die sich Stetsons aufsetzen und von Wüstensand, Pferdeflanken und Kakteenschnaps erzählen, da will ich erst mal Handzeichen sehen, wer so was glaubt zu brauchen. ... danke, dachte ich mir. Elf Kölner Kneipen fanden die Idee immerhin so gut, dass sie den Cowboys On Dope, denen sie schon für Konzerte ein Obdach gegeben hatten, auch noch die Aufnahmen für CD stifteten. Die dort enthaltenen Coverversionen von Neil Young, Talking Heads und den Rolling Stones macht Sony jetzt einem größeren Publikum zugänglich – wieder einmal: Schad’ ums Geld. Und weil es ja ein schöner Brauch ist, sich über Schlagzeugernamen lustig zu machen: Dieser hier heißt Wolly Düse und war früher zwar nicht bei den schlimmen Selig, dafür aber bei den nur unwesentlich erträglicheren Rausch. Die Grätenkinder sind, wenn ich richtig aufgepasst und mich erinnert habe, Freunde der tollen Band Graf Zahl und kommen aus Braunschweig. Wo es ja nicht so wahnsinnig schön ist. Es sei denn, man steht auf ganz viele verpickelte Maschinenbaustudenten, die sich gegenseitig High Five geben, wenn mal ein Mädchen am selben Tisch in der Mensa sitzt. Die Grätenkinder dürften diese Probleme nicht haben, selbst, wenn die tatsächlich in Braunschweig ansässig wären. Denn auf so niedlich-schluffige Cordhosenpunks mit lustigen Einfällen und wenig Scheu vor kleineren Blamagen, auf solche Jungs da fliegen doch die Girls. Raunt man sich zumindest so zu. Und wird auch was dran sein, denn wie sonst sollten sie es schaffen, mit ihrem rumpelnden, deutschsprachigen Garagenrock Mädchen so weit zu bringen, dass sie für die ebenfalls sehr low-fi gehaltenen Videoclips Playback in Zahnpastatuben singen? Aber auch als Junge kann man (sollte man!) Grätenkinder-Fan sein. Ich bin es schon jetzt, nicht zuletzt wegen Songtiteln wie „Konsensmilch“ oder „Kein would im if-Satz“. Auch so eine Stadt, aus der noch nie bemerkenswerte Musik kam (von Elvis’ späten Auftritten mal abgesehen): Las Vegas. „What happens in Vegas – stays in Vegas“ zwinkern sich die Amerikaner zu, und musikalisch schien das immer guten Grund gehabt zu haben. Aber das multinationale Unternehmen, das die Franchises für The-Bands rausgibt, wollte auch unbedingt noch eine Filiale in der Wüste von Nevada eröffnen und hat deshalb The Killers dorthin gesandt. Filialleiter Brandon Flowers hat jedoch keine Lust auf Gitarrengurte und warme Röhrenverstärkersounds und schieren Rock. Und wirft deshalb auch großzügig Duran Duran und Depeche Mode in die Friteuse. „Mr. Brightside“ und „Somebody Told Me“ zünden dann auch prompt auf dem Dancefloor, der Rest plätschert oft etwas träge dahin. Und klar: Jackets über T-Shirts und diese wuscheligen Frisuren, die die Barbershops in New York City derzeit vermutlich im Akkord schneiden müssen, haben die Killers natürlich allemal. Jetzt eine CD in den Player geworfen, auf der das Logo des Labels größer ist als der Name des Künstlers. Auch mal interessant. Enno Palucca ist seit 15 Jahren der Schlagzeuger der Goldenen Zitronen und hat „na endlich ROCK!“ dem akustischen Eindruck nach bei sich zu Hause in der Küche aufgenommen. Muss ja nicht das schlechteste sein. Enno fräst sich fröhlich durch Rockabilly, Disco, Punk und Low-Fi-Gebratzel, mal wie die Aeronauten, mal wie die Gruppe Halbstarker, die sich mit ein paar Bieren im Kopp vor dem Abi noch mal einen Spaß draus machen und mehr schlecht als Recht ihre Lieblingsoldies nachzuspielen versuchen. Find ich, ganz ehrlich jetzt, super, sowas zu machen. Anhören werd ich’s, ebenso ehrlich jetzt, aber nicht mehr. Zuletzt dann noch Joss Stone, dieses Soul-Mädchen, bei dem es selbst intelligente Menschen oft nicht schaffen, sich die saudämliche Frage zu verkneifen, wo „die denn bitteschön so ´ne Stimme her“ habe. Als Joss Stone Anfang des Jahres im „Bayerischen Hof“ in München ihr erstes Album vorstellte, hatte man das ungute Gefühl, dass die anwesenden Fortysomethings sich trotzdem alle eher auf ihre Kurven konzentrierten. Damals sang Joss noch fremde Lieder nach, unbekannte Klassiker sozusagen, auf ihrer neuen Platte gibt es jetzt Eigenkompositionen. Wieder sehr schön, wieder Wahnsinnsstimme, aber eben auch wieder dieses fiese Bridget-Jones-Wollpulli-mit-zu-langem-Armen-Regen-an-der-Fensterscheibe-Couch-rumlunger-Gefühl. Traurigsein, aber das bitte auf Hochglanz. Ich weiß ja nicht ...

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