Reingehört und aufgeschrieben

Lok Musik Smith & Mighty (!K7) Wu-Tang Clan – Legend Of The Wu-Tang (BMG) V.
christoph-koch

Lok Musik Smith & Mighty (!K7) Wu-Tang Clan – Legend Of The Wu-Tang (BMG) V.A. – Liebe Autos, Abenteuer: eine Hommage an Gunter Gabriel (Cargo Records) Noel – Wrong Places (Morr Music) Die Raketen - Ahoi (Low Spirit / BMG) Draußen ist es grau und ach. Die Zehen sind klamm und mit nassen Haaren darf man nicht raus. Klar, dass man da nicht unbedingt mit Funpunk in den CD-Reigen der Woche starten möchte. Smith & Mighty aus Bristol machen deshalb den Anfang, denn die haben da ja bestimmt auch nicht 350 Sonnentage im Jahr. „Retrospective“ ist, der Name verrät’s, ein Rückblick: Anderthalb Jahrzehnte Schmidt und Mächtig, von der ersten Single „Anyone“ bis zu neueren Aufnahmen. Dicke, allertiefste Bässe gurgeln aus der Box und ein komisches Percussion-Instrument, das ich nicht benennen kann (das du aber sicher sofort erkennst, wenn du es hörst), klinkert und twinkert durch die feuchten Dub-Schwaden. Alles so very Nineties und so dermaßen frühe Massive Attack, dass es eine wahre Freude ist. Hört man in dieser Form ja auch nicht mehr alle Tage. Und mit dem Alltime Classic „Walk On By“ kriegt man mich ja immer – auf „Retrospective“ gibt es davon einen zurecht so benannten Mellow Mix mit Jackie Jackson. Jetzt, wo die Laune schon besser ist, kann man auch musikalisch mit dem Wu-Tang Clan die BPM etwas erhöhen. Best-Of-CDs liegen in Zeiten der ächzenden Musikindustrie scheinbar voll im Trend – kostet nix und man kann trotzdem noch schön das Weihnachtsgeschäft abgreifen, das ja jeden Moment sein hässliches Haupt erheben wird. „Legend Of The Wu-Tang“ heißt das gute Stück und meine Wu-tang-Legende geht ja so, dass ich neulich in einem Taxi saß, das von einem grauhaarigen Herrn Mitte Fünfzig gesteuert wurde. An der Scheibe: Wu-Tang-Aufkleber. Auf dem Armaturenbrett: Wu-Tang-Aufkleber. Am besten: Der eigenhändig mit dem Computer ausgedruckte, auf dem nur in ganz normaler Arial-Schrift, schwarz auf weiß „Wu-Tang“ stand. Auch hier trifft Frühwerk („Da Mystery of Chessboxin’“) auf Spätschicht („Gravel Pit“), da ist für jeden was dabei, was man ja immer daran merkt, dass irgendwann die halbe Redaktion im Zimmer steht und die Hände in die Höhe streckt bzw. sich von Grafik-Dirk ein paar Beakdance-Moves beibringen lässt. Wenn es keine Best-Ofs sind, sind es Compilations, die diese Woche rausgefeuert werden wie „Liebe, Autos, Abenteuer“, eine Hommage an Cowboyrocker Gunter Gabriel. Gabriel macht ja zur Zeit eher als Trash-Gast in schlimmen Sendungen wie „die hundert nervigsten irgendwasse“ auf sich aufmerksam, hat aber eine durchaus kredible Vergangenheit in den (ich glaube vorwiegend) Siebzigern als deutsche Antwort auf Johnny Cash. Gabriel schrieb Hymnen auf die Landstraße, auf die Brummifahrer und das Ruhrgebiet und „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“, haben die meisten Eltern sicherlich noch als klebrige Vinyl-45er auf dem Speicher. Die Musik auf den insgesamt drei CDs schwankt abrissbirnenartig zwischen charment-trashig bis quälend-grauenvoll, am meisten Freude bereiten mir ehrlich gesagt die Bandnamen: Da ist von Blutwurst Breath und You Can Drive I Must Drink über Graubrot und Projekt Kotelett bis zu Kombie Zombies und Na Sabine, wie sieht es aus in München wirklich für jeden Geschmack etwas dabei. Interessant auch das umfangreiche Booklet, in dem sich mit Dieter Hallervorden, Chris Howland, Frank Zander, Dieter Thomas Heck und Rudolf Schenker allerlei große Namen der deutschen Humor- und Musikszene die Huldigungsstafette in die Hand geben. Zum Schluss nach all den Sammlungen aber auch noch zwei normale Albem: „Wrong Places“ heißt das erste und Noel heißt der junge Mann, der es macht. Er hat zwei Punkte auf dem „e“, von denen ich nicht weiß, wie man sie ebendorthin zaubert, er möge es mir nachsehen. Die Musik ist sanfter Träumerle-Pop mit Akustikgitarre Ebenso bezaubernd wie die CD ist im übrigen der Infozettel. Wo für gewöhnlich ja von armen Plattenfirmenpraktikanten der letzte dummdreiste Unsinn zusammengefaselt wird, schreibt hier Rike Schuberty von Contriva ein paar sehr persönliche Zeilen. Über das Kennenlernen schreibt sie, über den alten orangen Bandbus, der sie nie weiter als bis nach Mecklenburg trug und über Noels Leidenschaft für die Beatles, die ihn selbst dann Unsummen für verrauschte Bootlegs ausgeben ließ, als seine Klassenkameraden gerade all ihr Gold in Depeche Mode steckten. Das zweite "echte" Album kommt von den Raketen ein Berliner Hipster-Projekt, hinter dem sich unter anderem Lexy vom DJ-Duo Lexy & K-Paul verbirgt und das lustigerweise auf Low Spirit Records erscheint, die früher mit Westbam und Konsorten die Technokuh gemolken haben und sich nun nach anderen Erlösmodellen umsehen müssen. Mit "Ahoi" machen sie das ganz gut: derzeit überall gerne genommener Achtziger-Sound, Electroclash ist ja mittlerweile eher zum Schimpfwort verkommen. Hier geht die Rechnung Computer plus Gitarren aber ganz gut auf. Die Hits "Tokyo, Tokyo" und "So Fuckin' Yeah" hat man zurecht schnell im Ohr behalten und auch sonst hält das Album ein paar schöne Stücke bereit. Textlich manchmal arg an der Debilitätsgrenze ("Ahoi, Ahoi, Ahoi, ich bin mir treu, mit Disco im Blut, geht es mir gut"), aber auch im Herbst darf man ja auch nicht immer alles so wahnsinnig ernst und schwer nehmen.

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