151536

Foto: mando-diao.com Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden. Bright Eyes – Digital Ash In A Digital Urn / I’m Wide Awake It’s Morning (Saddle Creek) Old Dirty Bastard – Osirus (Sure Shot Recordings) Maximilian Hecker – Lady Sleep (Kitty-Yo) Chemical Brothers – Push The Button (Freestyle Dust / Virgin) Mando Diao – Hurricane Bar (EMI) Nach Wochen des Darbens ist der CD-Stapel inzwischen wieder so hoch, dass sich kleine bis mittelgroße Tiere, die hier in der Redaktion Zuflucht vor der Winterkälte gesucht haben, von ihm in den Tod stürzen könnten. Könnten – denn ich fange sie stets rechtzeitig auf und setze sie mit einem liebevollen Klaps wieder auf den Fußboden. Die beiden CDs um die diese sicherlich am meisten Wirbel gemacht wird, kommen aus dem Hause Saddlecreek Records und tragen die ambitionierten Titel "Digital Ash In A Digital Urn" und "I'm Wide Awake It's Morning". Klar, die Streber wissen es schon seit der Einleitung: Bright Eyes sind die neuen Jedermanns Darlings. Kein Zeitschriftencover ohne ein Auge von Conor Oberst, das hinter eine Haarsträhne hervorlugt, keine Tageszeitung ohne große Story über den „Omaha-Sound“. Aber kein Wunder: Doppelspitze in den Singlecharts, Kumpelnest 3000 mit Bruce Springsteen und Michael R.E.M. Stipe, Affären mit Winona Ryder - wenn das nicht der Stoff ist, aus dem die Storys geschnitzt sind, weiß ich es echt nicht. Und das Beste: Die guten Songs sind auch schon drin. Während „Digital Ash“ (der Name deutet es zart an) etwas elektronischer anmutet, was unter anderem an der Beihilfe von Postal-Service-Frickler Jimmy Tamborello liegt, ist auf „I'm Wide Awake" eher die countryeske bis folkerte Spielart des Oberstkosmos' gebündelt. Grandioses Songwriting auf Topniveau wird hier zwei CDs wirklich durchgängig und ohne Ausfälle geboten. Aber um es mit Joschka zu sagen: Ich bin nicht überzeugt. Und ich glaube auch zu wissen, woran es liegt: Es ist gar nicht das anstrengend Theatralische und offensiv Leidende - geschenkt. Es ist die Stimme. Da ich im Schlaf nicht von empörten Oberstfanmädchen erdrosselt werden will, sage ich lieber nicht, an welches Tier sie gemahnt. Nur, dass ich sie nicht mag. Und das muss in einem freien Land ja erla ... krch ... chechhh ... ich ersti ... Nein, war nur Spaß. Ich lebe noch. Zum Thema Old Dirty Bastard fällt mir eine tolle Geschichte ein, die kürzlich im New Yorker stand: Dort wurde von einem 44-jährigen Mann namens Russell Jones berichtet, der in Park Slope, Brooklyn lebt und dessen Telefon im Winter 1996 anfing, häufiger zu klingeln als sonst. "Yo, Dirty!" riefen die meisten Anrufer und Jones dachte zunächst an einen Druckfehler in einer Sex-Anzeige. Dann steckte ihm irgendwer, dass er auf den selben Namen getauft war wie der Rapper Old Dirty Bastard. Versuche von Jones, den zahllosen Anrufern die Verwechslung zu erklären, scheiterten. "Hm, okay ... Aber du siehst Dirty später noch, oder?" war eine häufige Reaktion. Selbst Method Man rief einmal beim falschen Russell Jones an und verlangte, dass Dirty ihn unverzüglich zurückriefe. Immer wieder meldeten sich Leute, die mit ODB rumhängen oder sich bedanken wollten, weil er mal wieder in seine alter Hood Brooklyn zurückgekehrt war und dort auf der Straße Geld verteilt hatte. Von betrunkenen Norwegern bis zu kleinen Mädchen, die für ein Schulreferat recherchierten, war alles vertreten. Selbst nach dem Tod der schmutzigen alten Bastards rissen die Anrufe nicht ab. Jetzt wollten die Leute der Familie kondulieren. Russell Jones (der als freier Grafiker auf Aufträge und deshalb den Eintrag im Telefonbuch angewiesen war), ertrug die neun Jahre als ODBs Anrufbeantworter mit Fassung: Seinen Bruder habe es schlimmer erwischt – der heißt Tom. Wie denn jetzt bitteschön das neue ODB-Album ist, will dort hinten der Herr im grünen Tweed-Jacket wissen? Na, genauso gut wie diese Geschichte. Wem zwei CDs voller Conor Oberst nicht reichen, der kann übrigens auch mit Maximilian Hecker richtig dufte traurig sein. Was total nervt: Dass die ersten 90 Sekunden nichts zu höre ist, nur ein winzigleises Klimpern. Was super ist: Dass Hecker keine Ziegenstimme hat (hoppla, jetzt ist es mir doch rausgerutscht) und trotzdem schöne Lieder schreibt. Richtig viel geändert hat sich nicht, wer also gerne zu „Infinite Love Songs“ unendlich liebestrunken war und zu „Rose“ gerne Blumen gepflückt hat, wird auch mit „Lady Sleep“ mehr als zufrieden sein. Jetzt aber mal ein bisschen an der Temposchraube drehen und die Chemical Brothers auflegen. Eigentlich hat man da ja nicht mehr so richtig Bock drauf. How very nineties … Aber dann schiebt sich die erste Single “Galvanize” mit ihre Bazar-Hookline durch den Raum und man weiß wieder, warum die Chemical Brothers so groß geworden sind und in den letzten elf Jahren schon über acht Millionen Platten verkauft haben: Weil sie es schaffen, dass man bei ihnen nicht die Melodie oder Gesangslinie mitsingt, sondern die Beats. Weil sie unser ganzes Popwissen nehmen, in der Autopresse einen metallischen Würfel daraus quetschen und dann schmackhafte Fachkräfte wie Q-Tip, Tim Burgess oder Bloc Party ins Studio einladen, um darauf herumzutoben. Das neue Album von Mando Diao haben sich echte Fans ja schon vor Monaten als Import besorgt, im Supersachenforum war sogar von goldenem Vinyl die Rede. Umstritten war der herbeigesehnte Nachfolger von „Bring ´Em In“ – aber alle, die sich beklagten, Mando Diao hätten ihren Zauber verloren, haben einfach nicht richtig hingehört. Allein die Gitarrenkadenz am Ende von „You Can’t Steal My Love“ und das danach rausgeschmetterte „Honey, I love you like the summer falls and the winter crawls ...“ haben gereicht, um mich auf euphorisierten Schwingen durch Wochen von Krach und Schmutz und Staub hindurchzutragen. Aber auch sonst sind eigentlich nur Smasher auf dem Album: „Annie’s Angle“, „White Wall“, „Cut The Rope“, Kingdom & Glory“ – was (außer einer Handvoll schlecht verschnittenes Speed) braucht man mehr zum Glücklichsein? Die Video zu "God Knows" kann man hier und das zu "Clean Town" hier ansehen. Einziger Schwachpunkt: „Added Family“. Aber mit den langsamen Stücken konnten Mando Diao bei mir noch nie so richtig punkten . Außerdem erscheinen diese Woche: ... And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Worlds Apart (Interscope) Dis*Ka – We Only Have Music (Echokammer 36 / Hausmusik) Erasure – Nightbird (Mute) Fever – Red Bedroom (Kemado Records) John Frusciante – Curtains (Repirse / Warner) Lou Barlow – Emoh (Domino / Rough Trade) Mercury Rev – The Secret Migration (V2)