Reingehört und aufgeschrieben

Foto: V2 Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen.
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Illustration: Julia Schubert

Foto: V2 Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden. The Wedding Present – Take Fountain (Stickman/Indigo) Diverse – Quotenrocker (Tapete) Linker Offensivverteidiger – Du Der Da (Wellenform Records) Psapp – Tiger, My Friend (Grönland) Bloc Party – Silent Alarm (V2) Ach, Menno. Die Scharnigg-Krankheit der Lustlosigkeit hat mich ergriffen. Mich, der sich sonst stets jubilierend um das CD-Regal herumtanzte und rief „Heissa, heute darf ich nicht nur hineingreifen – sondern auch hineinhören“. Aber heute? Nichts da. Keine Freude darüber, in Regale hineinhören zu dürfen. Es gibt sie also: Die Tage, an denen man sich wünscht, man arbeitete bei der ADAC Motorwelt. Dabei ist die Ernte dieser Woche gar nicht so krüppelig dürr, wie man dem Gejammer nach meinen könnte. The Wedding Present zum Beispiel – dass da wieder eine Platte kommt, ist an sich schon ein kleines Freudenfest. Vom Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger waren sie stets an der Schwelle zum Ruhm und hätten gut und gerne größer werden können als meinetwegen Suede oder vielleicht fast ein bisschen gleichgroß wie The Smiths. Aber David Gedge, der Mann, für dessen Stimme das Wort „knödelig“ damals nicht nur erfunden, sondern auch ins Englische übertragen wurde, verliebte sich und kauzte lieber eine Weile zusammen mit seinem Mädchen Sally Murell unter dem Namen Cinerama herum. Jetzt ist die Liebe weg, und Gedge nimmt trotzig wieder seinen Mädchennamen an: The Wedding Present. „Take Fountain!“ ist nicht ganz so brillant wie der aufgeregte Hyperpop von damals (bitte hören Sie “Nobody's Twisting Your Arm” oder “Why Are You Being So Reasonable Now?”) – sondern gut abgehangen und traurig. Aber kein Wunder, wenn man die Umstände berücksichtigt, unter denen es zu der Wiederauflage kam. „Quotenrocker“ lautet der nur mittelhippe Titel der nächsten CD. Denn „gerockt“ im Sinne von „Rabatz gemacht“ wird doch mittlerweile nur noch in Wiesbaden, wenn man wieder den ganzen Abend blöd am Rande der Tanzfläche rumsteht. Alle anderen haben sich dieses Wort spätestens vor zwei Jahren abgewöhnt. Der „Quotenrocker“-Sampler aus dem Hause Tapete Records ist eine Sammlung deutschsprachiger Künstler, die gegen die Deutschquote im Radio sind – und um dies zu kommunizieren, größtenteils altes Material auf einen großen Haufen geschichtet haben. Die Sterne sind dabei und Rocko Schamoni, Erdmöbel (die im Booklet gleich vierfach schlimme Plattitüden von sich geben müssen) , Die Ärzte und Bernadette La Hengst und auch das Indie-Schlossgespenst Bum Khun Cha Youth irrlichtert mal wieder umher – und deswegen ist es am Ende doch eine gute CD. Als nächstes muss man überlegen, ob man Linker Offensivverteidiger jetzt einen blöden Bandnamen findet oder einen guten. Ich verbrachte einen Großteil meiner Jugend damit, darüber zu grübeln und komme am heutigen Tage endlich zu dem Ergebnis: Ganz knapp doch blöd. Die Musik ist dafür aber ganz gut. So dahinschubbernder Elektrokram, der einem nie auf den Geist geht und im schlimmsten Falle mal kurz so klingt, als wäre er das Musikbett fürs Nachtprogramm eines dritten Programms, in dem irgendwer stundenlang über Autobahnen fährt oder Zugschienen am unteren Bildrand verschwinden. Also, da gibt’s mal wirklich schlimmere Dinge, über die man sich aufregen kann. Zum Beispiel darüber, wie blöd es ist, wenn man hinten im Auto durchrutschen muss ... Ein Bekannter von mir machte einmal ein Praktikum bei „Grönland“, das ist die Plattenfirma von Herbert Grönemeyer. Ich habe ihn, glaube ich, nie gefragt, wie es dort war – obwohl es mich eigentlich brennend interessiert. Ob man da so in den Abhörsitzungen hockt, und plötzlich geht die Tür auf, und Herbert kommt rein und will wissen „Was’n das?“, und irgendein Typ blättert dann hektisch auf seinem Schreibtisch rum und sagt „Die heißen Psapp, glaub ich. Oder? ... doch, schon richtig: Psapp“. Dann macht Herbert Grönemeyer so „Hmhmsgut ... Richtiggut ... Machenwir“. Oder wie ist das, wenn einem so eine Plattenfirma gehört? Ich wüsst’s ja wirklich gerne. Denn irgendwer muss ja verantwortlich dafür sein, dass so mediokrer Kram wie Psapp einfach so rausgeknallt wird. Ein bisschen Moloko, ein bisschen Masha Qrella, ein bisschen De-Phazz, ein bisschen Portishead. Ist halt nur alles schon auf meinem iPod, thanksverymuch. Jetzt aber endlich zum Smasher der Woche. Jeder redet in diesen Tagen über Bloc Party, und das Wort „Hype“ haben mittlerweile auch die Langschläfer verstanden und benutzen es gleich einen Satz nach „rocken“. Ähnlich wie bei Franz Ferdinand, The Strokes oder The Darkness setzt bei Bloc Party schnell dieser Abwehrreflex ein, mit dem man aus schierem Trotz beschließt, diese Band jetzt auf keinen Fall gut zu finden. Weil alle so drauf abgehen. Wie dumm das ist, merkt man, wenn man dem Album „Silent Alarm“ auch nur eine einzige Chance gibt. Denn da passt alles – von den bereits bekannten Energieriegeln „Banquet“ und „She’s Hearing Voices“ (die schon auf der 2004 erschienen EP waren) bis zu Melancho-Poppern wie „This Modern Love“, „So Here We Are“ oder „Compliments“. Die Bandbreite ist enorm, und Schlagzeuger Matt Tong zeigt gerade der ganzen Schießbudenbranche, wo’s langgeht. Hätte ich einen weiteren Finger an der linken Hand, würde ich jedenfalls sofort losziehen, um mir BLOC und PARTY auf die Knöchel tätowieren zu lassen, denn das wird auf eine Fälle eine der spannendsten Bands, die 2005 für uns bereithält. Je mehr Leute das wissen, desto besser. Und jeder, der sich damals „Is This It?“ nicht anhören wollte, weil halt alle die Strokes mochten, hat eben eine der besten Platten aller Zeiten verpasst – um einer blöden Pose willen. Jetzt schauen wir mal, wer gleich zu heulen anfängt. Außerdem erscheinen diese Woche: Monkeyman – Burn To Shine (Dandyland) Neuentdeckung des Produzenten von Wir Sind Helden, der jedoch nicht ansatzweise deren Erfolg beschieden sein wird. Ungerecht, aber das ist soziale Marktwirtschaft. The Residents – Animal Lover (Mute) Ein neues Album von diesen Typen, die seit den Siebzigern immer diese Augäpfel als Köpfe haben. Und wer zahlt’s? The Brand New Heavies – Allaboutthefunk (Edel) Puh, von wegen Brand New ... die slicken Neofunk-Neunziger sind Anfang 2005 doch bitte endgültig mal vorbei, oder? Ja König Ja – Ebba (Buback) Ein Duo aus Hamburg, bestehend aus Ebba Durstewitz, die singt, und Jakobus Siebels, der für Wohlklänge von Klavier oder Marimba sorgt. Das alles ist fröhlicher als die Quarks, herzlicher als 2Raumwohnung und deutscher als Lee Hazlewood & Nancy Sinatra. For A Space – Civilian On Battlefield (Wellenform Records) Auf dem selben Label wie der Linke Offensivverteidiger, deshalb bestimmt auch gut im Bett. Denison Witmer – The River Bends (Bad Taste Records) Oh, eine romantisch gezupfte Gitarre ... hey Typ, du klingst ja wie Kristofer Åstrom in langweilig.

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