Rüpelhaft - Nick Cave trotz Sieg beim Bundesvision Song Contest nicht in Bambucha-Laune!

Reingehört und aufgeschrieben - die Alben der Woche
christoph-koch
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Illustration: Julia Schubert

We Are Scientists – With Love And Squalor (Labels) In der US-High-School-Serie “Life As We Know It” gibt es eine schöne Szene: Nachdem der Protagonist einen Mitschüler vermöbelt hat, muss er zum Schulpsychiater. Da der Rüpeljunge nicht reden will, sitzen beide nebeneinander auf dem Sofa, weiße iPod-Stöpsel im Ohr. Nach einer Weile tauschen sie. „Was hörst du denn sonst so?“ fragt der Psychiater. „Interpol“, sagt der Junge. „Ach, diese Joy-Division-Klone“, winkt der Psychiater ab. Wenn in ein paar Jahren immer noch so Instant-Popwissen in Fernsehserien hineingescriptet wird, könnte man den Dialog genau so noch mal verwenden, nur muss der Junge dann sagen, er würde We Are Scientists hörten und der Psychiater würde antworten, „Ach, diese Interpol-Klone“. Oder statt dessen Hot Hot Heat, Franz Ferdinand oder The Rapture nennen. Denn irgendwie klingt “With Love And Squalor” wie eine Art “Best of Indie-Dance“ der letzten Jahre. Aber da die drei Miezekatzen eine Menge guter Songideen mitbringen und wissen, wie man einen schmissigen Refrain zusammennagelt, ist das gar nicht schlimm. Dass es sich darüber hinaus noch um drei Freaks mit ganz gutem Humor handelt, kann man auf ihrer Website und im jetzt.de-Interview nachlesen. Wer sich selbst von den Hitqualitäten des New Yorker Trios überzeugen will, kann via einen Album-Player in „With Love And Squalor“ reinhören.

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Illustration: Julia Schubert

Ms John Soda – Notes And The Like (Morr Music) In einer Woche der Doofmannüberraschungen (Schlüssel weg / in der ganzen Stadt kein Taxi unterwegs / Geld ist alle) bin ich hier mal auf angenehme Art verblüfft. Denn an Frau Soda hatte ich so gar nicht mehr gedacht, dabei war mir das Debüt vor vier Jahren lieb und teuer. Aber mit den Bastarden, die ich damals meine engsten Freunde hieß, habe ich ja auch gebrochen, warum also noch derselben Musik lauschen? Hey Typ, weil sie wahrscheinlich voll schön ist? Stimmt. Stefanie Böhms Stimme klingt immer noch ganz hach und da wo manch anderem Künstler an dieser analog/digital-Schnittstelle das Talent zum Song fehlt, da schöpfen Ms John Soda aus dem Randvollen. „Notes And The Like“ machen einen angenehm sentimental, so auf die Zeit, in der die ganze Hausmusik-Bande wirklich noch in Weilheim wohnte, Böhms Stimme Bands wie Ogonjok adelte und alle sich noch in diesem Gasthof zum Hirschen trafen oder wie er hieß. Dieses Album ist noch vielfältiger als der bereits sauhochwertige Vorgänger, diesmal haben die beiden beim Bummeln durch den Kaufhof sogar den Bossa-Rhythmus bei dem Demo-Modus der Riesenkeyboards ausprobiert und mitgeschnitten. Und warum denn auch bitteschön nicht?

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Illustration: Julia Schubert

Nick Cave & Warren Ellis – The Proposition Original Soundtrack (Mute) “The Proposition” ist ein blutiger und düsterer Western, der die Filme von Sam Peckinpah angeblich aussehen lässt wie einen anderthalbstündigen Spongebob-Cartoon mit ein paar Pferden. Keine schlechte Idee, da jemanden wie Nick Cave die Score-Komponiermaschien zu setzen, der auch nicht gerade bekannt dafür ist, den ganzen Tag gutgelaunt „Trinke Fanta! Sei Bambucha!“ zu singen. Nee, da geht es schon hübsch trist zusammen. Erst mal nur instrumental, flächige Sounds, die einen Bilder von endloser Prärieweite ahnen lassen. Dann wimmernder, ächzender, stöhnender Gesang, eine Violine so destruktiv wie The Velvet Undergorund auf ihrer schönsten Heroinkur. Und damit einhergehend: Erinnerungen an die Zeit, in der ich mich allen Ernstes mit Nick Caves Roman „Und die Eselin sah den Engel“ herumplagte, der aber trotz intensiver Mühe nicht zu mir sprach. Vermutung: Zu viele Bibel- und Drogenreferenzen im Buch, zu wenig Gotteshass und Drogen in mir. Das Gute an Soundtracks ist ja immer, dass die Tracks immer relativ plakative Titel haben. So auch hier. Bei Stücken wie „Moan Thing“ oder „Sad Violin Thing“ kann man alles einklagen, aber nicht das „Fehlen einer zugesicherten Eigenschaft“. Aber auch Fans des klassischen Cave-Oeuvre werden nicht enttäuscht ihre Colts ziehen und das Kino zu Klump schießen: „Gun Thing“ zum Beispiel ist gute alte Bad-Seeds-Kost und auch sonst muss man keine allzu großen baulichen Veränderungen in der eigenen Gefühlswelt vornehmen. Auf den Film, dessen Drehbuch Nick Cave ebenfalls verfasste, muss man noch ein wenig warten, musikalisch einstimmen kann man sich schon jetzt.

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Illustration: Julia Schubert

AnnA – Poser Maxi-CD (zero2records / Al!ve) AnnA ist ein weiterer Beweis für folgende These: je schlimmer eine Band, desto größer der PR-Kawumms dahinter. Ich glaube, selbst Leute, die hier in der Redaktion vor Jahren einmal einen Druckertreiber installiert hatten, bekamen diese CD ins Postfach – und danach noch eine ganze Armada Follow-Up-Anrufe hinterher. Von Menschen, die klar nur ihre Jobs machen, die man aber schon damals, als sie noch in Marlboro-Overalls an den Kneipentisch kamen, nicht so hammersympathisch fand. Das Platteninfo schafft es mit „… und das ist gut so“, „Kaum zu glauben, dass es so lang gedauert hat“, „dem kann geholfen werden“ und „irgendwer muss es ja machen“ in wirklich jedem Satz eine Phrase zu platzieren und für das Bandfoto wurden so viele Bandmitglieder wie möglich in Ringelshirts gesteckt. Wäre ja alles nicht schlimm, wenn der Inhalt stimmen würde. Aber leider haben Wir Sind Helden gerade angerufen, sie wollen ihre Gesangs- und Synthiesounds zurück. Für tatsächliche Songs hat es bei AnnA leider nicht gereicht, ein paar „freche“ Texte über doofe Jungs müssen genügen - Tiptop haben ja schon genervt, aber die hatten wenigstens eine Hookline. AnnAschneiden dafür nächstes Jahr beim „Bundesvision Song Contest“ ziemlich gut ab. Jede Wette. Ob man das als Lob oder Schmähung auffasst, bleibt jedem selbst überlassen. Raabe, Ferch, Lohmeyer & Das Palast Orchester – Schieß den Ball ins Tor Maxi-CD (Warner) Deutsches Schauspielduo lässt sich von Max Raabe unter den Arm nehmen und versucht sich Comedian-Harmonists-mäßig in Schale geworfen an altem A-Capella-Liedgut. Nur für Sammler interessant, die wirklich alles besitzen wollen, was dieses Jahr mit Fußball zu tun hat. Van Morrison – Pay The Devil (Polydor) Warum kommen die neuen Alben des freund- und rundlichen alten Herren seit Jahren immer ausgerechnet in der Woche raus, in der ich Reingehört-Dienst habe und mufflig im Reingehört-Dienstraum sitze und auf den Reingehört-Dienstplan starre? Es wirkt, wie von einer höheren Macht vorherbestimmt. Lauro López Castro – Mi libro abierto (Nesola/BMG) „Mi libro abierto“ von Laura López Castro ist das erste Album, dass auf Max Herres (Freundeskreis) eigener Label Nesola erscheint. Castro ist eine Sängerin mit klarer, schnörkellos schöner, tiefer Stimme, die irgendwo zwischen Stuttgart und Spanien zuhause ist. Ihre Musik klingt wie eine Mischung aus Jack Johnson und dem Buena Vista Social Club. Außerdem haben ihre Lieder wunderbare Titel – wie „No es por ser ni por estar“: weder Sein noch Befinden. (hannes-kerber) Außerdem sind erschienen: Bass Sultan Hengzt – Berliner Schnauze (Amstaff/Murderbass) Boppin’ B – Live, Laut & In Farbe DVD (K.O.K.S. Music) Boy Omega – The Black Tango (Riptide Recordings) Corinne Bailey Rae – Corinne Bailey Rae (EMI) Corvus Corax – Cantus Buranus Live in Berlin (Roadrunner) Darren Hayman – Table For One (Track And Field / Cargo) Jason Collett – Idols & Exile (Arts & Craft / City Slang) Liv Kristine – Enter My Religion (Roadrunner) Mudhoney – Under A Billion Suns (Sub Pop) Neko Case – Fox Confessor Brings The Flood (Anti) Pink Mountaintops – Axis Of Evol (City Slang) Public Enemy – Rebirth Of A Nation (Guerilla Funk) Rosenstolz – Das Große Leben (Island / Universal) Short Cut To Nirvana – OST (Strange Ways / Indigo) Stereolab – Fab Four Suture (Too Pure /Beggars) Thomas Anders – Songs Forever (edel)

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