Runtergekommen! Dittsche raucht Klospülungen in New Orleans

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Be Your Own Pet - Be Your Own Pet(XL / Beggars)Mensch, wie gerne wäre man dieser Tage in Nashville, Tennessee. Aber nicht, um alten Country-Mythen nachzuspüren und das Abklingen des Johnny-Cash-Hypes zu beweinen. Sondern um diese kleine, im Schnitt 17 Jahre alte, Bandsensation zu bestaunen, die gerade ihr Debütalbum veröffentlicht hat und damit diese Woche CD-mäßig triumphiert. Die Songs sind nur um die zwei Minuten lang, machen aber Spaß für 200: Einige von ihnen sind bereits auf Singles veröffentlicht worden – eine A-Seite, die exakt 58 Sekunden lang ist, muss man sich aber auch erst mal trauen. Be Your Own Pet sind ungeschliffener als die Donnas, unterhaltsamer als die Yeah Yeah Yeahs (die ja auch diese Woche rauskommen) und The White Stripes zusammen und … ach, nein gegen Blondie mag man sie gar nicht ausspielen. Dazu sieht ihr die Sängerin einfach zu ähnlich. Sie hat den schönen Namen Jemima, bei dem man ja unweigerlich an zentnerschwere farbige Mütter denkt, die gerade völlig ruiniert nach New Orleans zurückkehren. Be Your Own Pet brettern durch die 16 Songs als wäre es nichts und am Ende fängt man sofort wieder von vorne an. Vielleicht deswegen, weil die Chose nicht immer im selben Tempo durchrauscht, sondern die terrific Teens in Songs wie „Adventure“ auch zeigen, dass sie auch gute Songs mit Melodie und mittlerer Geschwindigkeit schreiben können.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

The Kooks – Inside In Inside Out (Virgin) Wenn man sich dann nach einem guten Dutzend Durchläufen an Be Your Own Pet müde getobt hat, kommen The Kooks gerade Recht. Aus dem nur mittelschönen Seebad Brighton, wo die Zelte deutscher Teenager von britischen Schuljungen mit Steinen beworfen werden (Woher ich das weiß? Ach…) kommen Typen mit Locken über den Augen und guten Liedern auf den Schultern. Supergrass mit nachdenklichen Momenten? Vielleicht irgendwie so. Als ehrenamtlicher Schlawiner merke ich beim Songtitel „Jackie Big Tits“ natürlich auf. Ist aber gar kein in Töne gegossener Porno. Aber dafür ein wundervoller Popsong – so wie die meisten anderen auf „Inside In Inside Out“ auch. Da werden die akustischen Gitarren fröhlich durchgeschlagen, das Tamburine rasselt beschwingt im Hintergrund und die Stimme changiert lässig zwischen eindringlich geshoutet und heiser wispernd. Und weil man sonst ja so gerne betont, wenn eine CD „mehrere Anläufe braucht“ bis man „mit ihr warmgeworden ist“: Dieses Mal ist es umgekehrt. Die Kooks mag man ziemlich schnell. In unserer hektischen Zeit ja nicht das dümmste.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Kiesgroup – Gladbach oder Hastings? (Lolila) A propos Warmwerden, Anläufe, die Frage eben, wann einen ein Album musikalisch ins Bett kriegt: Die freundlichen Düsseldorfer von Kiesgroup nervten mich beim ersten Mal Anhören massiv. Ich wollte sie nehmen und quälen – oder wenigstens beschimpfen. Bei zweiten Mal war ich verzückt und in Liebe. So schnell kann es gehen. Texte, die ich vorher angestrengt und konstruiert empfand, ergaben plötzlich Sinn. Tonfolgen, die vorschnell als repetitiver Quengelkram gedisst wurden, entpuppen sich mit einem Mal als fabelhafte Melodien. Und das Stimmungsspektrum, das Kiesgroup draufhaben, ist in der Tat beeindruckend. Dazu inhaltlich alles, was wichtig ist: Von den Strokes über Terminhetze bis Arbeitsfrust: „Und mit allem, was da so zusammenkommt / kriech ich heut keine Arbeitsstelle mehr / Vielleicht noch als Packer im Lager bei Toshiba / und dafür müsst ich noch nach Neuss ziehen“. Der höchst aufgeweckte jetzt-User getupkid schreibt: „Fehlfarben trifft Regierung trifft Friebe“ und trifft – es damit selbst ganz gut. Man könnte auch sagen: Sterne treffen Andreas Dorau und PeterLicht in dem Imbiss, in dem Dittsche immer im Bademantel rumsteht. Aber was ja eigentlich noch viel besser ist, als diese Liste an Premium-Referenzen: Dass einem „Gladbach oder Hastings?“ in einem dieser seltenen Momente tatsächlich ein neues Universum aufschließen. Dass man diese CD tatsächlich nicht abgehalftert in die große Redaktions-Tonne wirft, sondern sagt: Junge, Junge, die will ich mir Zuhause noch ein paar Mal anhören. Denn ja! Ich möchte mehr erfahren! Wer das auch möchte – hier gibt es Hörproben.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Living Things – Ahead of the Lions (Jive/Zomba) Böse Zungen sagen: im Grunde schon wieder ein alter Hut. Schon im August 2004 hätte dieses von (Raun! Rempel!) ) Steve Albini produzierte Album unter dem Titel „Black Skies in Broad Daylight“ veröffentlicht werden sollen. Dann gab es große Verwerfungen im globalen Musikgeschäft und im vergangnen Oktober erschien „Ahead of the Lions“ mit drei alten Songs weniger dafür drei neuen an Bord endgültig in den USA. Und nun auch bei uns. Textlich in einer Tradition zwischen Rage Against The Machine und The Make-Up - was mir aber nicht unbedingt aufgefallen wäre. Denn bei der slicken Mischung aus Glam-, Hard-, Stoner- und diversen anderen Bindestrich-Rock-Rubriken schaltet man das Sprachzentrum ja in der Regel aus und denkt vorwiegend mit der Hüfte. Dabei machen sich die schmucken Typen aus St. Louis auf ihrer aus allen Rohren röhrenden Rockplatte schon so ihre Gedanken. Vorwiegend über Religion und ihre Doofheit („God Made Hate“, „No New Jesus“ oder „End Gospel“) – ein Thema, von dem man ja nicht gerade behaupten kann, es sei in der Zwischenzeit in die völlige Bedeutungslosigkeit und Unaktualität verfallen. Aber keine Bange: Wer möchte, kann auch einfach ein paar Klospülungen rauchen und die fleischigen Gitarrensounds genießen. Und vielleicht nebenher das jetzt.de-Interview mit den Living Things lesen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Kid Alex – Restless (Universal) Der junge Alex Ridha aus Hamburg, der vor zwei Sommern alle mit seinem gerissenen Heilsversprechen „Young Love … topless“ verrückt gemacht hat – im guten, nicht im pathologischen Sinne – ist wieder da. Mit einem Album, das so klingt, als sei es kurz nach dem großen Truckermützen-Erfolg aufgenommen worden und dann in der Schublade eines großen Labels verstaubt. Die Synthiesounds, gepaart mit ein paar easy Gitarren-Einsprengseln, der angezerrte Gesang – all das unterscheidet sich nicht sehr von den Stücken des Debüts. Auch die selten verkehrte Mischung aus Ausgeh-Drive und schwermütigen Moll-Passagen ist noch an ihrem Platz. Textlich ist „Restless“ – Tracktitel wie „Loverboy“, „Young & Beautilful“ oder „Ja!“ deuten es bereits an – pure Hedo-Oberfläche. Was ja null macht. Aber wenn es dann eben auch noch musikalisch so ein 2003-Revival einläutet, kann man sich nicht richtig vorstellen, dass hier noch mal an den toplos-kopflosen Erfolg von damals angeknüpft werden kann. Hier kann man sich das Video zur ersten Single „Young & Beautiful“ ansehen. The Psychedelic Avengers - And The Decterian Blood Empire (Fünfundvierzig /Indigo) Keine Compilation sondern ein bizarres Sicence-Fiction-Projekt, bei dem verschiedenen Bands (Urlaub in Polen, Rotoskop, Hypnos 69) mit Solokünstlern (Knarf Rellöm und sogar einem Typen von den Bananafhisbones) gemeinsam an unseren Synapsen schrauben. Klingt ein bisschen wie ein neuer Soundtrack zu einer alten Perry-Rhodan-Folge – wer die beiden CDs komplett durchhört, kriegt meinen Glückwunsch obendrein. Außerdem sind erschienen: Andru Donalds – Best Of (Virgin) Anja Garbarek – Briefly Shaking (Virgin) Bananarama – Drama (edel) Barzin – My Life In Rooms (Monotreme / Cargo) Division Kent – Monsterproof (Sony BMG) Ja, Panik – Ja, Panik (Tenstaag / Cargo) Maktub – Say What You Mean (India) Massive Attack - Collected (Virgin) Montys Loco – Man Overboard (Non / Soulfood) Oomph! - Glaube, Liebe Tod (Gunrecords) Prince – 3121 (Universal) Ral Partha Vogelbacher – Shrill Falcons (Monotreme / Cargo) Soil – True Self (DRT / Soulfood) Swayzak – Route de la Slack (!K7) The Concretes – In Color (EMI) Venom – Metal Black (Sanctuary) Yeah Yeah Yeahs – Show Your Bones (Polydor)

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