Sophia, Beirut, Saalschutz, Knarf Rellöm Trinity, Bernd Begemann

Platten der Woche
christina-waechter
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Beirut – The Gulag Orkestar (Beggars Group) Der Mann ist 20! Das muss man sich hinter die Ohrwascheln schreiben, wenn man die Platte anmacht, und gleich noch dazu (wenn ausreichend Platz ist), dass da fast nur er auf der Platte zu hören ist – nur die Percussion wurde von Gastmusikern eingespielt. Denn weder das Alter noch die Solo-Einspielung im heimatlichen Keller-Studio würde man vermuten, wenn man Beiruts Debüt „The Gulag Orkestar“ anhört. Eher meint man, einer 40-köpfigen Tschuschen-Kapelle beim Proben zuzuhören, die ordentlich Coolness-Wasser gesoffen hat. Zach Condon ist all diese vierzig Tschuschen, ein Wunderknabe mit russischen Wurzeln, aufgewachsen in New Mexico. Seine Einwanderer-Großeltern haben ihn schon in frühester Jugend mit schwermütiger Blaskapellen-Musik versorgt. Aber erst nach einer langen Europa-Reise, die ihn unter anderem nach Deutschland und in die ehemaligen Ostblock-Staaten führte, hat er diese Platte aufgenommen und nach seinem Umzug nach New York fertig gestellt. Das hier ist aber nicht sein erstes Werk, vorher hat er schon ein Elektronik-Album aufgenommen (da war er 15) und, spätestens da war er der Plattenprinz meines Herzens, eine „Doo Wop“-Platte im Stil von Frankie Lymon & The Teenagers – mit 16.Vielleicht hört sich das jetzt an, als würde man beim Kauf dieser Platte im Bukovina Club landen. Der Typ ist aber, da leg ich jetzt mal meine Hand für ins Feuer, uneingeschränkt empfehlenswert.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Lucky Jim – All The King’s Horses ( Red Ink) Beim Hören diese Platte mäandere ich die ganze Zeit herum und kann mich nicht entscheiden, ob das wirklich gut ist, oder ich aus Versehen bei dem Radiosender mit der besten Musik aus allen verfügbaren Jahrzehnten gelandet bin. Lucky Jim machen gute Songs, nur mit der Produktion haben sie es ein bisschen zu gut gemeint, die Songs sind teilweise so überproduziert, dass man Angst hat, der "Wall of Sound" würde einen unter sich begraben. Andererseits hat man ja von Lo-Fi manchmal auch genug und freut sich über eine Platte, in die Produzenten-Handwerkskunst hineingemischt wurde. Großer Abzug und Minuspunkt allerdings: Sphärenklänge, die vom Keyboard kommen. Die beiden Herren, die Lucky Jim sind, haben als Musiker schon so viel Staub und Schlimmeres gefressen, dass sie beide fast ihr Instrument ins Pfandhaus gebracht hätten. Aber beim zufälligen miteinander musizieren in Brighton haben sie sich dann quasi musikalisch ineinander verknallt. „All The King’s Horses“ ist ihre zweites Album, komplett von den beiden selbst eingespielt. Wenn Alphamänner mal Liebeskummer haben und die fiese Ex alle Morissey- und Phil Collins-Alben der Putzfrau vermacht hat, ist das genau die richtige Musik für ihren Gemütszustand.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Sophia – Technology Won’t Save Us (City Slang) Wenn man aus unerfindlichen Gründen nicht in der Lage ist, englische Songtexte beim Hören zu kapieren (da ist so eine Sperre im Hirn, die da verhindert, keine Ahnung warum, aber vielleicht könnten andere Betroffene mal schreiben und dann gründen wir eine Gruppe), dann ist es von Vorteil, wenn der Künstler ein Handbuch zur CD liefert. Der Sophia-Mann macht das und zwar ausgesprochen schön. Und so versteht man diese zuweilen arg schwermütige, sehnsuchtsvolle, aber wunderschöne Platte und auch den Titel der Platte – ein Instrumental über einen Mann und seinen Sohn, die bei einem Spaziergang an der englischen Küste ertranken, obwohl der Vater durch sein Handy in ständigem Kontakt mit der Rettungsmannschaft war. Noch ein Anspieltip: „Big City Rot“ – über Robin Proper-Sheppards Schaffenskrise im vergangenen Jahr, die ihn fast dazu gebracht hätte, seine Musikerkarriere zu beenden. Zum Glück nicht.


Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Knarf Rellöm Trinity – Move Your Ass & Your Mind Will Follow (ZickZack) Große Töne werden gespuckt in der Ankündigung: mindestens will Knarf Rellöm Trinity Deutschland den Kampf ansagen und hat sich dafür als Säulenheiligen Sun Ra vorne drauf getackert. Alles an und für sich super und begrüßenswert. Aber entweder bin ich zu doof für Knarf, oder die Umsetzung ist tatsächlich ordentlich daneben gegangen. Die Platte beginnt wie ein ziemlich unwitziges Comedy-Hörspiel, Weiterskippen wird dringend empfohlen. Gleich das zweite Stück ist dann der Titelsong, und nichts gegen das gute alte Problem „Künstler verlieren sich in Songstrukturen und finden nicht mehr raus“, aber das ist einfach nur lästig. Track Nummer elf ist reines Band-Namedropping. Aber ist das jetzt eine politische Aussage, dass die Black Eyed Peas nicht in Karf Rellöms Haus spielen dürfen? (Indie Rock übrigens auch nicht, voll fies!) Dafür aber alles, was so halbwegs cool ist oder auf der selben Plattenfirma veröffentlicht. Track Nummer zwölf ist ein Cover von Bob Dylans „Like A Rolling Stone“ und obwohl ich für Dylan nicht durchs Feuer gehen würde, bin ich beleidigt. Diese Version klingt, als hätte die Aufgabe darin bestanden, eine Version des Songs zu erfinden, die auch taube Menschen ohne weiteres bei Karaoke-Abenden mitsingen können. Aber ganz vielleicht ist der Track auch eine sehr subversive Art, den Song auch Dylan-fernen Bildungsschichten unterzuschieben. Man weiß es nicht, was Knarf Rellöm so insgesamt sich dabei gedacht hat. Irgend etwas hoffentlich.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Fankritik von tobias-wullert Saalschutz – Saalschutz macht’s möglich (Audiolith) Wie haben sie mir gefehlt. Die beiden Schweizer Elektrobratzen DJ Flumroc und DJ MT Dancefloor bewiesen mit ihrem fulminanten Debüt „Das ist nicht mein Problem“, dass Humor und Elektro sich nicht ausschließen müssen und feierten nicht nur live „eine Party als ob’s 1999 wär“. „Ohne Saalschutz schlaf ich heut’ nacht nicht ein, Ohne Saalschutz geh ich heut’ nacht nicht heim“, wenn es um postmodernen Ideenklau ging, waren Saalschutz einfach nicht zu schlagen. Doch auf einmal waren sie wieder verschwunden. Elektrotrash-Disco schien den plötzlichen Hype-Tod gestorben zu sein und landete zusammen mit den Schweißbändern wieder in der Mottenkiste für Modesünden. Also alle 80s-Casio-Keyboards in die Tonne kloppen, sich einen sündhaft teueren Gerätepark ins Studio stellen und Minimal-Elektronik produzieren ? Seien wir ehrlich, minimal ist höchstens die Anzahl der Instrumente, denn so wirklich verändert haben sich die beiden erklärten Züricher nicht, aber wie singen sie so schön: „Wir profitieren von dem Hype“. An der Bar der Diskurs-Disco von Saalschutz lehnen "Hamburger Schule-Alterspräsident Knarf Rellöm, Krawallmädchen Räuberhöhle und Plemo und sorgen als penetrante Zwischenrufer dafür, das es DJ Flumroc und MT Dancefloor nicht langweilig wird und ein sexy Schwyzerdütsch-Rap darf beim Zitatentanz auch nicht fehlen. „Saalschutz macht’s möglich“ kann man da nur sagen. Die dürfen das!


Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Fankritik von max-scharnigg Bernd Begemann – Ich werde sie finden (Begafon) Ach, der arme Bernd Begemann. Wenn man einem deutschen Singer-Songwriter endlich das ganz große Glück gewünscht hätte, dann diesem Top-Entertainer, der seit hundert Jahren durch die kleinen Clubs zieht und überall und immer noch alle jungen Schnösel an die Wand spielt, der jeden Abend mehr schwitzt, mehr nachdenkt und vor allem auch mehr Bewegung in die Zuhörer bringt, als jeder andere deutsche Indie-Musikant. Und was hat er für herrliche Lieder geschrieben, gerade die letzte Platte zusammen mit seiner Band Die Befreiung war wieder so ein Wonnetopf, angefüllt mit Hintergründigem („Es wird noch ein sehr schöner Tag werden“), Abgründigem („Unsere Band ist am Ende“) und ganz einfach Wunderbarem („Ich habe nichts erreicht außer dir“). Er hat schon so viele Lieder gesungen, bei denen man gleichzeitig lachen, weinen und tanzen muss, er war der Mann hinten dran an der Gitarre, ein kleines Weltwunder im Disco-Anzug und mit Koteletten, und man muss ihn sehr lieb haben. Jetzt legt er, irgendwas ist anders, ein „Pop-Singspiel in vier Aufzügen“ vor. Das klingt ambitioniert, nicht so vermuschelt wie sonst. Und man hört hinein. Das straighte Songschreiben mit Der Befreiung ist jetzt einem ganz ordentlichen Stil-Durcheinander gewichen, Begemann macht Elektronik, Begmann sitzt allein am Klavier, Begemann macht romantisches Duett – 19 Lieder lang. Es fehlt aber bei fast allen Stücken der Wumms, was ein blöder Vorwurf ist, aber gerade Begemann hat sonst immer so hervorragend gewummst und den Schwung rausgeschüttelt, dass man jetzt skippt, so leid es tut, über die allzu gefühlig gehauchten („Verschließ dein Herz nicht vor mir“) oder betont kantig zerschredderten Songs („Ein Sportunfall“). Macht irgendwie keinen Spaß, muss irgendwie nicht sein, denkt man, weil man den Künstler vielleicht nicht versteht – aber man ist ja auch nur Hörer. Zwischendurch flackert schon wieder die alte Funzel Begemann („Ein Vorschlag: Denk an den Weg“) genial auf und alles ist wieder im Lot - aber eben: zu selten. Leider viel zu viel Seltsames, strapaziöser Gesang sogar gelegentlich, weil er seine Stimme so gerne nach unten oder oben durchbiegt, dass man selber ganz unruhig wird. Und Düsternis, allüberall. Ich hoffe das ist nicht Ausdruck seiner Frustration, sondern eben nur: so ne Phase. Und ja, ich will den alten, knuffigen Begemann, so unfortschrittlich das ist. Raphaelson – Hold This Moment Still (Gentlemen Records) Raphael Enard heißt der Mann hinter diesem Solo-Projekt, und der ist mit einer Stimme begabt, die ein bisschen an St. Thomas und Neil Young erinnert. Die benutzt er, um tieftraurige Songs über das Ende von Dingen im Allgemeinen und Speziellen zu singen. Alles ehr „Quiet mit Cello is the new Black“ und möglicherweise einzuordnen zwischen Devendra Banhart und Sufjan Stevens, wenn die das nicht stört, nur ein bisschen konventioneller und in traditioneller Songstruktur verhaftet. Geholfen wurde Raphaelson dabei von P J Harvey-Spezl John Parish. Eine Platte zum Kaufen und bei Mehrfach-Hören könnte sie möglicherweise in die Reihe der Zweitlieblings-Platten vorrücken. Außerdem erscheinen diese Woche: Hypnos 69 – The Eclectic Measuer (Elektrohasch Schallplatten) Belgische Band, die sogenannten “ tighten und druckvollen Rock“ machen. Belgien echt mal jetzt... Ben Folds – Supersunnyspeedgraphic, the LP (Epic) Eine tolle Sammlung von überarbeiteten B-Seiten und EPs des tollen Ben Folds. Toll, weil jetzt auch für normale Fans erhältlich. V.A. – Secret Love 3 (Sonar Kollektiv) Eine Sammlung von all dem, was so unter Folk läuft. Compiliert von Jazzanova. Ungefähr so dringend benötigt wie ein Kropf, klingt aber besser. Milburn. – Well Well Well (Mercury Records) Größenwahnsinnige Briten, die 250te. Dazu sind die Jungs auch noch blutjung, finden sich super und machen das eigentlich auch ganz gut. Ermüdet aber trotzdem aus unerfindlichen Gründen enorm. John Alexander Ericson – Black Clockworks (Kalinkaland) My Morning Jacket – Okonokos, The Concert (Red Ink) Hugh Cornwell – Dirty Dozen Live (Invisible Hands Music) Escapologists – In Free Motion (Devil Duck) Duesenjaeger – Schimmern (GoKart Records) Savalas – Savalas (Supermusic) Jahcoustix – Grounded (Modernsoul) Nickodemus – Endangered Species (ESL Music) The Victorian English Gentlemens Club – The Victorian English Gentlemens Club (Fantastic Plastic) Your Rome Shall Burn – One Drop Does It (Cargo Records) North Sea Radio Orchestra – North Sea Radio Orchestra (oof! Records) Animal Collectice – Hollinndagain (Paw Tracks)

  • teilen
  • schließen