Von seltsamen Kreaturen und einem Grand Hotel im Kino

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www.louisville-recrods.de Puppetmastaz – Creature Shock Radio (Louisville Records / UID): „We Back“, skandiert die erste Toygroup der Welt auf ihrem neuen Album und reicht es der ungläubigen Plattenfirma EMI, die die Puppen nach ihrem ersten genialen Werk fallen ließ, gleich mal ordentlich rein: „Old Label Burn“, rappen der chefige Maulwurf Mr. Maloke mit der gespaltenen Zunge, das verrückte Schwein Panic The Pic, der Womanizer Snuggels The Bunny und der schlaue Lurch The Wizard. Und auch der Opener ist eine Kampfansage an die seltsamen Kategorien der Menschen: „You think: the bigger the better – but we got time forever.“ Puppen haben eben eine ganz eigene Größe. Und das hört man auch ihrem unglaublichen Creature Funk an. HipHop mit minimalistischen Monster-Beats, zwischen die sich ab und an eine seltsame Zupf-Gitarre oder ein Bläser mischt, dazu lustige kleine Geschichten aus der Puppenwelt, in der man schon gerne mal einen extraterrestrischen Cocktail zu viel trinkt und das alles mit dem ein oder anderen Sprachfehler vorgetragen. Mit einer gespaltenen Zunge rappt es sich natürlich auch eher schlecht. Dieser irrwitzige Puppetstyle aus HipHop, Zirkus und Clubkultur entlarvt auch diesmal wieder all die tödlich langweiligen, weil einfalls- und humorlosen Produzenten, die sonst im deutschen HipHop gerne mal ihr Unwesen treiben. „First we take Berlin, then we take Manhattan“, ist die Puppetmastaz-Maxime und ich rufe Hurrah! Hier kannst du dir einen Puppetmastaz-Song kostenlos runterladen und drei lustige Videos anschauen, die Mr. Maloke, Panic und Snuggels featuren. Bestellen bei Amazon, SZ-Mediathek oder bei iTunes Roll Deep – In At the Deep End (Labels): Zwar nicht als Maulwürfe, Schweine oder Lurche treten uns Roll Deep aus dem Osten Londons entgegen, aber immerhin als seltsame bunte Comic-Teufelchen mit Orkartigen Fratzen. Hinter diesem Cover-Artwork verbirgt sich zwar kein Konzept wie bei den Puppetmastaz oder den Gorillaz, aber immerhin hatte die 13 Mann starke Roll-Deep-Crew keinen Bock für ein Cover rumzuposen. Roll Deep, das ist jene Crew, der wir bereits Dizzee Rascal und Wiley verdanken, und mit "In At The Deep End" treten sie nun endlich selbst ins Rampenlicht. In der britischen Szene brodelt um Roll Deep schon ein gewaltiger Hype und bei dem Hintergrund erwartet man natürlich Grime im Breitwandformat mit jeder Menge rausgerotzten, hingespuckten Cockney-Rhymes und düsteren Bässen. Aber nix da oder zumindest fast nix da. „When I’m Ere“ oder „Poltergeist“ entsprechen noch am ehestem dem, was man von Roll Deep erwartet hatte. Ansonsten massig Pop- und R&B-Einflüsse, zum Beispiel das charttaugliche, zuckersüße „The Avenue“, das auf dem 80er-Hit „Heartache Avenue“ der Maisonetts basiert, statt böser Buben in vielen Stücken die soulige Stimme von Alex Mills, mit „Western Skit“ eine Cowboy-Filmmusik-Parodie und bei „Shake A Leg“ trifft Cockney auf sogar auf Salsa. Das Grime-Satellitenortungssystem muss neu ausgerichtet werden. Gut so. Sehr gut sogar. Bestellen bei Amazon oder bei SZ-Mediathek oder bei iTunes Hansen Band – Keine Lieder über Liebe (Grand Hotel Van Cleef) „Wir waren auf kleinstem Raum immer mit 30 Leuten um einen rum unterwegs. Wenn du dich mal in eine Ecke zurückziehen wolltest, um deine Ruhe zu haben, saßen da schon wieder 3 Beleuchter rum und haben geredet. Man hat wirklich so unglaublich wenig Zeit alleine gehabt, mich hat das teilweise mürbe gemacht.“ Thees Uhlmann, normalerweise bei Tomte und Labelmacher vom Grand Hotel van Cleef, sagt das über die Entstehung der Hansen Band und den Film „Keine Lieder über Liebe“ ( Hier kannst du das ganze Interview lesen und hier kannst du Thees Uhlmann hören hören). Spätestens seit Heike Makatsch und Jürgen Vogel bei „Wetten dass“ Promo gemacht haben, wissen sogar meine Eltern, dass „Keine Lieder über Liebe“ eine Doku-Fiction über eine kleine Rockband auf Tour ist und dass Jürgen Vogel den Sänger der Band spielt. Die Tour war echt, die Band auch. Naja, jedenfalls fast. „Keine Lieder über Liebe“ macht einen Indie-Traum wahr: eine Grand-Hotel-Van-Cleef-All-Star-Combo mit Thees Uhlmann von Tomte, Marcus Wiebusch von Kettcar und „Hund Marie“ Max Schröder. Dementsprechend nach Schnittstelle zwischen all diesen hören sich die zehn Songs an. Angenehmerweise hat das Ganze keinen Soundtrack-Charakter, sondern funktioniert tatsächlich als Album einer Band. Man spart also Geld, weil man nur eine Platte kaufen muss und erhält das Ratespiel, wer jetzt welchen Song geschrieben hat, kostenlos dazu. Und Jürgen Vogel könnte auch weiß Gott schlimmer singen. Die Songzeile „Niemand ist gern zu dritt, wenn eine Träne fließt“ kann ich allerdings jetzt schon nicht mehr hören, so oft wurde sie schon zitiert und gerühmt. Bestellen bei Amazon oder bei SZ-Mediathek oder bei iTunes Atomic – Wonderland Boulevard (Redwinetunes): Über 125 Konzerte haben Atomic in diesem Jahr schon in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien und England gespielt. Eine ganze Menge für die Gitarrenband um die Zwillingsbrüder Thomas und Rainer Marschel, die aus dem tiefsten Bayerischen Wald kommt, wo man nicht einfach so auf Strukturen und Kontakte zurückgreifen kann. Benannt haben sie sich nach dem Münchner Atomic Café, Deutschlands BritPop-Hochburg Nummer eins, und genau so klingen sie auch. Über ihre EP aus dem Jahr 2002 schrieb der NME: "Es ist tatsächlich geschehen. Ein bisschen spät zwar, aber hier sind die deutschen Oasis. Der Sänger klingt mehr nach Liam als Liam selbst.“ Nun haben die Oasis-Nerds aus Furth im Wald ihr Debütalbum veröffentlicht und es klingt, wer hätte es gedacht, nach oldschool Britpop, nach Oasis. Allerdings fehlt Atomic all das, wofür ich Oasis immer liebte. Dieser völlig übergeschnappte Größenwahn, der die Songs und Liams Genöhle so einzigartig machte und zumindest am Anfang zum Kern dessen führte, was Pop einmal war: Rebellion gegen die scheißbürgerliche Gesellschaft. Oasis waren und sind fucking Rockstars. Atomic zaubern ohne Zweifel romantische, perfekt arrangierte Britpop-Hymnen mit Streichern und Klavier, aber sie sind dabei so gar nicht fucking, sondern sehr brav. Keine schiefer Ton, kein Krachen, keine Entgleisung, keine Entgrenzung, kein Ausbruch - nirgends. Bestellen bei Amazon oder bei SZ-Mediathek Jeb Loy Nichols – Now Then (Tuition Music): Nie gehört, denke ich, als ich die CDs dieser Woche durchgehe und „Now Then“ plötzlich oben liegt. Das ist das Schöne am „Reinhören“: man entdeckt immer wieder neue, wunderbare Musik. Diese Woche also Jeb Loy Nichols. Ein Mann mit einer Biografie wie ein Road Movie, der sich in den 70ern in der New Yorker Kunstszene tummelte, sich in London mit Neneh Cherry ein Haus teilte, mit seiner Country-Band

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