Von Tanzmusik nach Hamburg

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Illustration: Julia Schubert

www.timidtiger.com Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden. Afrob – Hammer (Fourmusic) Asian Dub Foundation – Tank (Labels) Alex Smoke – Incommunicado (Soma Recordings) Timid Tiger – Miss Murray (L’age d’or) Fink – Bam Bam Bam (Trocadero) Philip Boa – 20 Years of Indie-Cult-EP (L’age d’or) Ach Gott, jetzt muss ich was zu Afrob meinen und das, wo mein einziges privates Hiphop-Album von A tribe called Quest und aus dem Jahr 1994 ist, weil mir mal jemand erzählt hat, damit wäre zu Hiphop genug gesagt. Ich weiß immer nicht, worauf ich bei Hiphop achten soll: Auf die Textinhalte, auf die Reimqualität oder doch auf das bisschen Musik, das im Hintergrund so stampft? Also inhaltlich lässt sich dieses Album im Grunde wie folgt zusammenfassen: „Ich bin Afrob, jeder weiß das, ich rappe seit zehn Jahren die Spitze und das mehr als krass.“ Die fortwährende Variation dieser Aussage ermüdet, vor allem weil ihm ja keiner widerspricht in seiner trotzigen Beteuerung. Die Reimqualität ist gut. Die Platte heißt „Hammer“. Afrob ist ein Junge. Mehr kann ich dazu nicht sagen, deswegen muss ich schnell bei hannes-kerber anrufen und er diktiert mir aus dem Stand Folgendes in den Filzer: Mir scheint, als sei der Begriff „Streetrap“ neu. Seit kurzem nennen die Journalisten Rap so, der sich weder nach Freundeskreis, noch nach Fettes Brot anhört. Streetrap gibt es hier seit ASD, dem Projekt von Samy Deluxe und Afrob und das vorliegende Soloalbum „Hammer“. ist in bester ASD-Manier: Meist amerikanische, schwere, dicke Beats mit schnörkellosem Rap und beinahe sinnleeren Texten. Wer also auf Party-HipHop steht sollte sich das Album kaufen und wird es gut finden. Wer aber den charismatischen und politischen Afrob von früher mag, wird, so wie ich, enttäuscht sein. Alles klar? Fräulein, rufen sie bitte jetzt die Asian Dub Foundation herein. Das ist dieses politisch korrekte und vielfach interessierte Dance-Kollektiv aus Großbritannien, nicht wahr? Wummsen ganz schön, deren von zu Hause mitgebrachten Electronic-Vibes. ADF klingen immer noch wie Massive Attack in fröhlich, schnell und mit, genau, Weltmusikeinflüssen. Weltmusik für Houseclubs ist das. Wer eines von beiden mag hat Glück gehabt. Im Pressetext steht noch, dass die Dub Foundation gerade eine Oper über das Leben von Colonel Gadaffi schreibt. Das ist sehr schön. Alex Smoke hat ein Debüt gemacht. Ich höre es an, weil im Erklärtext dazu steht, Alex Smoke stamme aus Glasgow, wo bekanntlich das Machen von schlechter Musik verboten ist. Es ist aber doch nur dreckslangweiliger Downhouse-Beat-Minus8-Minimaltechnodub. Gut, um die Wäsche dabei aufzuhängen oder um mit Spezialantrieb über Almwiesen zu schweben. Beides geht hier aber gerade nicht, wegen Schnee und deswegen raus damit. Eine Super-Single kommt als nächstes, und zwar aus dem Hamburger Hause L’age d’or. Der ein oder andere hat die vielleicht schon letztes Jahr auf einem SPEX-Sampler gehört: Timid Tiger mit „Miss Murray“. Ein saftiges Stück gute Laune, mit Stakkato-Gitarren und einem kumpelhaften Klavier. Man ist in diesem Winter nicht gerade verwöhnt worden, mit solchen schmissigen Pop-Sächelchen, noch dazu nicht aus Köln, wo Timid Tiger angeblich wohnen. Ich hätte sie ja spontan im Commonwealth vermutet, aber so, umso besser, da kommt ein spannendes Album am 2. Mai. Bleiben wir mal eben in Hamburg. Fink haben ja eines der schönsten deutschen Lieder überhaupt geschrieben und zwar „Er sieht sie an, während sie ihn ansieht und er sieht zur Tür“, das war irgendwann, Ende des letzten Jahrtausends. Jetzt hat die Countryburger-Schule-Band ihr sechstes Album gemacht und tja, leicht verdaulich sind Fink-Alben eher nicht. Perlen in heißem Straßenstaub, hundertpro, aber die muss man erst mal suchen. Diese Suche habe ich schon bei den letzten Alben immer irgendwann aufgegeben, weil mir die schnarrende Taschendieb-Stimme von Nils Koppruch zeitnah auf den Nerv geht. Aber diese Hammersongs sind schon immer da, hier auch. Ich habe jetzt nur grade nicht die Zeit sie zu suchen. Wer schon eines gefunden hat, bitte via Botschaft an mich. Fink sind schon gut. Viel Banjo und so. Noch mal Hamburg, noch mal L’age d’or (diese zickigen Apostrophe!). Auf Philip Boa habe ich eigentlich keine Lust jetzt, das ist so einer, den ich irgendwie verpasst habe. Der war mal groß und wohl auch gut, aber schwappte nicht mehr bis zu mir und war dann ganz weg, tot oder verreist. Weil ich offenbar nicht der Einzige bin, dem es so geht, macht Herr Boa und sein Vodooclub jetzt eine Art Begrüßungsangebot für Neukunden. Eine leicht verdauliche 5-Track-EP mit Boa-Klassikern aus zwei Jahrzehnten. Da ist gut mal Reinhören und macht auch wirklich Spaß. Sich auf diesem Weg die Sahnehäubchen reinzuziehen, ist ja nicht etwa professionell, sondern eher so, als würde man sich nur die spannenden Szenen aus „2001: Odysse im Weltraum“ herspulen. Aber kommt, das ist doch jetzt wurscht oder? Überhaupt reicht’s jetzt auch, kann ja wieder kein Mensch alles lesen. Rezensionen zu den restlichen Platten die hier rumliegen und von Bands wie The Spirit that guides us und Janove Ottesen stammen, gibt es nur auf persönliche Anfrage. Außerdem erscheinen diese Woche: The Presidents Of The USA - Love Everybody Heinz Rudolf Kunze - Das Original Savoy Grand - People And What They Want

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