Weltmusik und Weltschmerz

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Illustration: Julia Schubert

Foto: miauk.com Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden. Bruce Springsteen – Devils & Dust (Sony) M.I.A. – Arular (XL Recordings) Astra Kid – Stereo (V2) British Sea Power – Open Season (Rough Trade) Looptroop – Fort Europa (David vs Goliath/Burning Heart Records) Unfassbar, wie viele CDs diese Woche erscheinen. Würde man über alle ausführlich berichten wollen, würde bei den meisten Computermäusen das Scrollrad ausleiern. Deshalb zusammen- und kurzgefasst. Den Brocken zuerst: Der Boss ist zurück. Drei Jahre nach dem 9/11-Soundtrack "The Rising“ könnte man Bruce Springsteens dreizehntes Album "Devils & Dust“ leicht als Kommentar des Irak-Kriegs lesen, was angesichts von Textzeilen wie "I've got my finger on the trigger / And tonight faith just ain't enough“ auch nicht immer falsch ist. Aber eben auch nicht immer richtig und einfach nicht alles. Das Album ist ein klassischer Songwriter-Almanach voller unterschiedlicher Geschichten von Boxern und Huren, Sand und Blut, Hitze und Trauer – amerikanisch wie eine Platte, wie solche Geschichten nur sein können. Musikalisch eine eher ruhige Fahrt (die "E Street Band" ist ausnahmsweise nicht dabei) manchmal erinnert die reduzierte Instrumentierung an Springsteens düstere Elegie "Nebraska“ von 1982 – vielleicht nach wie vor sein bestes Werk. Das Problem mit "Devils & Dust“: Es ist nicht wie "Nebraska“ zu Hause auf der Bettkante aufgenommen und von einer geradezu schmerzhaften Intimität, sondern an manchen Stellen leider überproduziert und mit Streichern zugeknallt. Wer wissen will, wie das Heartland in diesen Zeiten tickt, kann durch "Devils & Dust“ trotzdem mit Sicherheit viel verstehen. Jetzt die Handbremse angezogen und den Wagen um 180 Grad herumgerissen. Nach faltigem, nachdenklichen Mann aus dem weiten, staubigen Land jetzt flugs zu jungem, aufsässigen Mädchen in knallbunten Klamotten geskippt: M.I.A. heißt eigentlich Maya Arulpragasam und hat eine Biografie aus der Journalistenträume bestehen: In London geboren, in Sri Lanka als Tochter eines militanten Tamilenführers aufgewachsen, nach Indien geflohen, schließlich zurückgekehrt in die englische Provinz. Sich dort gegen Rassismus und Kleinmut durchgeboxt und all diese Welten in einen kompakten, postmodernen Sound gepresst. Schon im letzten Jahr machten die Maxis "Galang“ und "Sunshowers“ die Runde und weltweit die Menschen glücklich. Auf ihrem Debütalbum "Arular“, das mit einiger Verspätung letzte Woche endlich auch in Deutschland erschienen ist, sind die Tracks ebenfalls enthalten. Ansonsten mischt M.I.A. alles, was der Weltempfänger ausspuckt: Booty Beats, Hiphop, Dancehall, Baile Funk, Electroclash, Reaggae, Grime – aber immer auch catchy Pop-Haken. Wenn es jemals einen Moment gab, in dem "World Music“ kein Schmähwort ist, dann genau jetzt – "Arular“ ist wahrscheinlich das beste Album dieser ja insgesamt brutalstmöglich starkbesetzten CD-Equipe. Nach dieser wundervollen Werbung für die Globalisierung jetzt aber den Blick auf Datteln richten. Datteln liegt im Ruhrgebiet und hat die Band Astra Kid hervor gebracht – und vielleicht auch noch andere Dinge, die mir jetzt aber gerade nicht gegenwärtig sind. In Datteln aufzuwachsen scheint zunächst keine Freude zu sein. Doch dann liest man das Interview mit der Band im aktuellen Fluter, wo die Band von selbstgemachten "Bailey’s“ vor dem Ausgehen berichtet "und dann in der Disse [die früher St. Tropez hieß und jetzt La Bamba]: Amarettopflicht“. Da wäre man doch gerne dabei gewesen. Astra Kid sind mit "Stereo“ im Vergleich zu "Müde, ratlos, ungekämmt“ noch ein Stückchen weiter gereift, auch wenn das ja so ein dämliches Muckerwort ist. Den Gesang mag ich immer noch nicht so hundertprozentig gerne, bin aber bereit zuzugestehen, dass das eine sehr persönliche Geschmackkiste ist, die niemanden davon abhalten sollte, diese grundsympathische und talentierte Musikgruppe ins Herz zu schließen. Pardauz! Große Überraschung bei British Sea Power: Die kauzigen Typen, die gerne in Weltkriegsuniformen und inmitten ausgestopfter Vögel auftreten, haben sich nicht noch weiter von der normalen Welt verabschiedet, sondern sind mit "Open Season“ ein wenig zugänglicher geworden, man möchte fast das Wort "Pop“ raunen. Klar, je nach Lieblingsjahrzehnt denkt man immer noch entweder an Joy Division oder Interpol. Aber neuerdings eben auch viel an große, umarmende Gesten aus dem Hause Pulp, The Cure oder David Bowie. "Open Season“ schafft es, einerseits zu klingen, wie der Soundtrack zu einem John-Hughes-Film, gleichzeitig aber mit dem smarten Erstling "The Decline of British Sea Power“ mithalten zu können. Looptroop – Fort Europa (David vs Goliath/Burning Heart Records) Im Intro hört man ein Tischtennisspiel, das langsam einen Rhythmus bildet, über den dann die Schweden von Looptroop rappen. Wow – ist das ein Album! Sehr politisch auch: "It’s gon’ be four more years in the golden era./ It’s gon’ be no more fears of the global terror.“ heißt es in “Hurricane George”, wo Looptroop von “The Coalition of the Willing” unterstützt wird. Wunderbar überlegte Lyrics, die vom Inhalt manchmal an The Streets erinnern, mit den vielleicht besten Beats Europas (hannes-kerber). Außerdem erscheinen diese Woche: The Go-Betweens – Oceans Apart (Tuition) Nach dem Boss gleich noch ein Altmeister, der mal wieder die Hand hebt. Robert Forster ist mit den Go-Betweens (und somit seinem kongenialen Partner Grant McLennon) zurück und wer eine gepflegte, sophisticated Platte für den Sundowner an einem Frühsommerabend braucht – bitte zugreifen. Eels – Blinking Lights And Other Revelations (Universal) Starker Tobak. "E", der Mann mit dem Bart und den vielen Todesfällen in der Familie hat Dieses Doppel-Album über die letzten Jahre in seinem dunklen Keller in L.A. aufgenommen. So der Entstehungsmythos. Titel wie "Ugly Love", "I'm Going To Stop Pretending I Didn't Break Your Heart" , "Last Days of My Bitter Heart" oder "Suicide Life" zeigen schon an, wohin die Reise geht. Also: Johanniskraut ins Handschuhfach und mitgefahren. Ben Folds – Songs For Silverman (Epic) Wer alle guten Alben nach Hause tragen will, die diese Woche erscheinen, braucht einen stämmigen Geldbeutel. Nur Spitzenmaterial. Ben Folds, der zwinkernde Lieblingspianist, schüttelt auf "Songs For Silverman" die Hits wieder nur so raus und man rauft sich die Haare, dass man in jungen Jahren nie Klavier gelernt hat. Ach ja: Um den Geldbeutel zu schonen: Hier kann man das Album online anhören (nur mit IE). Madame De C*** – Throw It (Future Now) Hoppla, hier hat jemand nicht nur tüchtig Halluzinogene genascht, sondern dazu auch pausenlos My< Bloody Valentine und Spacemen 3 gehört. Soll ja nicht die schlechteste Kombination sein. Tyler – Don’t Play (Edel) Gefälliger, leicht zielloser Pop aus Wien, der ein bisschen klingt, als würde die Stadt am Mersey River liegen. Oder an einem Fjord. Was beides Gottlob nicht der Fall ist, wie wir aus dem Erdkundeunterricht wissen. Interstellar Pirates – The Needless Way The Sun Slowly Disappears (Supermusic) Entschuldigen Sie meine Unprofessionalität. Aber eine CD, über die der Rolling Stone schreibt: "Psychedelischer Crossover-Rock und melodiöser Space-Pop – da kann man sich anschließen" weigere ich mich, anzuhören. The Saints – Nothing Is Straight In My House (The Cadiz Recording Co.) Ende der Siebziger die australische (!) Antwort auf Sex Pistols und The Clash. Jetzt wieder da. Hätt's nicht gebraucht. Pristine – Four Leaf Clover EP (Cargo Records) Zwei Jungs, zwei Mädchen. Aber statt ABBA gibt es schmissigen Punk'n'Roll aus der Garage. Nice one. Mugison – Mugimama, Is This Monkey Music? (Accidental Records) Irgendwie klar, das die aus Island kommen, bei dem Namen, oder? Lo-Fi-Folk in jener geflüsterten Zerbrechlichkeit, wie man sie von der schrulligen Insel kennt und mag. Brother’s Keepers – Am I My Brother’s Keeper? (Columbia/BMG) Das zweite Album des One-Hit-Wonder des deutschen HipHops (2001mit „Adriano“). Wenn fast vierzig schwarze Musiker ein Album machen, fehlt manchmal der rote Faden – ein Album auf dem erst Patrice singt und dann Joachim Deutschland auf Samy Deluxe folgt, ist eben schwer durchzuhören. Aber: Von 20 Tracks sind sieben richtig gut. (hannes-kerber). Patrice - Nile (Four Music) Fast so viele Gernes wie M.I.A. mixt Patrice auf seinem dritten Album "Nile". Statt zappelig wie eine Flipperkugel, mäandert bei ihm der Mix aus Reggae, Ska, HipHop und Sould jedoch deutlich entspannter dahin. Vielleicht nicht ganz so weit vorne wie seine Zusammenarbeit mit dem Silly Walks Soundsystem, aber trotzdem nach wie vor auf internationalem Niveau mit dabei. Bombay 1 - Strobl (Grönland / Virgin) Ashby – Looks Like You've Already Won (Marina) Rob And The Pinhole Stars & Björn Kleinhenz – Split EP (Mi Amante)

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