Zwei junge Damen haben die Hosen an und deutsches Indietum wird upgedatet.

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Roisin Murphy, 2004, Gouache on paper by Simon Henwood Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden. Kelly Osbourne – Sleeping In The Nothing (Sanctuary / Sony) Róisín Murphy – Ruby Blue (Echo) Pascal Plantinga – Arctic Poppy (Ata Tak) Div. Interpreten – Müssen alle mit 3 (Tapete Records) Ach, ich kann auch einfach mit Kelly Osbourne anfangen. Es freut zu lesen, dass sich die Tochter ihres Vaters vom liederlichen Lebenswandel verabschiedet und den Tablettenentzug gegen andere Lustbarkeiten eingetauscht hat: Sie entwirft jetzt T-Shirts und spielt die Hauptrolle in einer Fernseh-Serie. Der Platte beigefügte Fotos sollen außerdem verbürgen, dass aus dem ungewaschenen Tierchen ein zarter Vamp geworden ist, mit Frisur aus Uma Thurmans Perückenkammer. All diesen Informationen wurde auch noch eine ganze Seite über Produzentin Linda Perry angeheftet. Perry, früher eine von 4Non Blondes, ist heute auf junge Damen spezialisiert, die nach Orientierung suchen: Gwen Stefani, Christina Aguilera und Pink! drückte sie die Notenblätter in die Hand und stupste sie in die Charts. Der Kelly Osbourne hat Perry das Modell „Cool Underground 1986“ auf den entgifteten Leib geschneidert. Kelly, 1984 geboren, trällert sich also streng durch Synthgitarren und Keyboard-Rock und klingt damit nicht unechter als The Ark oder The Sounds. Höchstens, dass die ein bisschen früher damit in den Ohren hausierten. Als mögliche Abspielorte für die neue Kelly-Osbourne-Platte bieten sich der elitäre Indieclub ebenso an wie der öffentliche Stadtbus. An beiden Orten wäre das Publikum beunruhigt, wen man es mit Kelly Osbourne alleine lassen würde. Da diesmal aber Linda Perry dabei ist, schöpft keiner Verdacht. Eine weitere junge Dame wagte sich ganz allein ins dunkle Studio. Ihre Karriere begann Mitte der Neunziger auf einer Party mit der beherzten Frage „Do you like my tight Sweater?" Was Produzenten Mark Brydon daraufhin zu Roisin Murphy sagte, ist nicht überliefert, gleichwohl ist der Rest Musikgeschichte. Zusammen bildeten sie Moloko und machten wunderbar hübsche Clubhits. Frau Murphy hat sich solo den Exodus aus den Clubs vorgenommen und möchte lieber, dass die Hörer auf eleganten Sofas übereinander herfallen. Ihre hohe, aber doch nie angestrengte Stimme wurde vom geschätzten Matthew Herbert mit Elektronikgeräuschen aus dem Gemischtwarenladen unterlegt, öfter schmecken auch Bläser und Kokosnüsse rein. Außerdem wurde auf ein ordentliches Bassspiel wert gelegt, weil das zu Murphys Jauchzen einen reizvollen Kontrast abgibt. Es könnte dies nun beinahe auch eine Moloko-Platte sein, wäre nicht das Auftreibende der Songs immer wieder rechtzeitig in loungig-jazzige Zuckerwatte entschärft worden. Moloko ohne Backpulver, wenn man so will, dafür aber süßer. Um in der Küche zu bleiben: Mit Pasacal Platinga wird eine Art Minestrone aufgetischt. In einer leichten Hip-Hop Brühe schwimmt da allerlei Ungewohntes, ein Akkordeon zum Beispiel und Chanson-Momente und Rock’n’roll, Westerntrompeten und Ätherisches. Musik die nur gemacht wurde, um sich nicht in eine Schublade stecken zu lassen. Es ist dabei keinesfalls ausgeschlossen, dass Pasacal Platinga nicht ein genialer Wirrkopf ist und ein bald gefeiertes Multitalent. Grundsätzlich aber muss sich ein arg liberaler Umgang mit Zutaten den Verdacht gefallen lassen, dass das eigentliche künstlerische Konzept recht geschmacksarm ist. Perfektion liegt in der Einfachheit und in der Beschränkung. Platinga wechselt zu oft das Kostüm, als dass dabei ein eigener Stil offenbar würde. Abschließend sei noch eine gelungene Melange betracht. Die Zusammenstellung „Müssen alle mit 3“ ist ein schönes Update zur deutschsprachigen Indieszene, die sich heute zwischen den Erfolgspolen Kettcar/Tomte und Helden/Silbermond positionieren muss. Auf der Platte klingen junge Bands an, wie Mon)tag, Klez.e und Wolke, die sich insgesamt sehr gut schlagen, sehr ausgewogen und rund scheinen. Die Speedpop-Ecke, die letztes Jahr so frisch aufkeimte, mit den Die Türen und Von Spar sorgt für das schnodderige Element, das den liebenswerten Klassenkameraden wie Anajo, Ja König Ja und Garish naturgemäß etwas abgeht. Erfreulich zu sehen, dass auch die alten Schlachtenbummler noch gut mitspielen, Tocotronic, Sterne, Fink und Bernd Begemann - da kicken quasi die Väter mit den Söhnen und als Zuhörer geht einem das Herz auf. Grundsätzlich finde ich, dass der deutschen Indiegesellschaft gerade eine bislang unerreichte Auswahl sehr akzeptabler Bands zur Verfügung steht. Es wird sich zeigen, ob diese Indiegessellschaft damit richtig umgehen kann und sich nicht in kleingeistigen Grabenkämpfen und Abgrenzungsnöten verliert. Diese Compilation, die so respektlos abbildet, ist da ein gutes Beispiel. Außerdem erscheinen diese Woche: Foo Fighters - In Your Honor (Sony/BMG) Die Foo Fighters gehören zu den ehrlichen Maklern im Business. Solide gemachte Rockplatten verkaufen sie. Wer schon eine hat, braucht allerdings nur ganz vielleicht diese neue auch noch. Neil Leyton – Blacklight Skies (Supermusic) Ein Singer/Songwriter aus Kanada, der, wie so viele Singer/Songwriter, sehr ordentliche Musik macht.

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