Horror-Urlaub: Der Durchmarsch

Manchmal wird der ersehnte Urlaub zum Horror-Trip. In dieser Serie erzählen wir davon.
Von Magdalena Pulz

Illustration: Federico Delfrati

Urlaubsziel: Der Hardangervidda – eine Hochebene in Norwegen und der größte Nationalpark dort.

Mitfahrer*innen: Insgesamt eine Gruppe von 15 Leuten, die auf Outdoor-Action steht. Man kennt sich schon lange und ist hochmotiviert.

Horrorstufe: Sieben bis acht.

Sommerferien, kurz nach dem Abitur, wir freuten uns auf Natur, Freunde, Bewegung und die Landschaft da soll ja wirklich ganz toll sein. Geplant war eine anderthalb Wochen lange Durchquerung einer norwegischen Hochebene. Hochebene bedeutet in diesem Fall über der Baumgrenze: also meilenweit Stein, Gräser, kleine glitzernde Seen, Horizont – kurzum Freiheit. Und dann zum Ausklingen und zum Seele baumeln lassen: ein paar Tage Kanu fahren auf diesen auf Instagram so fantastisch aussehenden Fjorden, wo sich aus glasklarem Wasser steile Küsten erheben. Ich meine, mal ehrlich: Was kann in so einer Kulisse schiefgehen?

Fünfzehn Stunden Zugfahrt später: Irgendwo im Nirgendwo, vor uns die kantige Kraterlandschaft des Hardangervidda, durchbrochen nur von kleinen flauschigen Grasflächen. Die riesigen Rucksäcke voll mit Camping-Blingbling und Essen für eine Woche aufgesattelt, marschierten wir los. Der Wind wehte frisch und Wölkchen rauschten an der Sonne vorbei. Bis dahin lief’s gut.

Und dann hat Norwegen angefangen, uns richtig in den Arsch zu treten. Der Wind wurde schneidend, es fing an zu nieseln, die Temperatur stürzte ab. Klar, es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Ausrüstung. Aber es gibt auch Wetter, mit dem man nicht rechnet, oder zumindest nicht damit, dass es mit einer solchen Standhaftigkeit extrem ungemütlich bleibt. Regen und Wind bei einer Durchschnittstemperatur von sechs Grad im Hochsommer sind vielleicht nicht zum Heulen, aber wenn man morgens seine Schuhe auskippen muss und einfach ALLES nass ist – Schlafsack, Zelt, Unterwäsche, Tütensuppen – dann fühlen sich zehn Tage wandern sehr lang an. 

Pluspunkte im Minusbereich gab es auch für Verletzte – ein umgeknickter Knöchel hier, ein wehes Knie da – deren Rucksack aufgeteilt werden musste. Die Hochebene ist so groß, dass die Rückkehr in die Zivilisation mindestens zwei Tage dauert. Wer raus will, muss theoretisch den Hubschrauber rufen. Auch cool: Die Landschaft war bestimmt ganz prächtig, gesehen habe ich sie nur leider wegen des beständigen Nebels nicht. In die klaren Seen sind wir auch nicht gehupft – wegen kaltkaltkalt. Am letzten Abend der Wanderung windete es so stark, dass einer Zeltgruppe das Oberzelt beim Aufbau davonwehte und direkt in den See flog. Unwiederbringlich verloren. Die Gruppe musste sich aufmachen und hängte völlig erschöpft eine Nachtwanderung an, um von der verfluchten Hochebene runterzukommen. Am nächsten Tag holten wir sie ein, nass, müffelnd, maulig.

Dann kam der Durchfall

Aber hey – nichts, was eine warme Dusche am Campingplatz nicht wieder gutmachen könnte! Und dann Kanufahren, das wird doch sicher schön werden. Ich zelebrierte diesen Moment so sehr, als ich mit dem Duschen dran war. Freiwillig als letzte, ich wollte mir alle Zeit der Welt nehmen. Denkfehler. Das warme Wasser war komplett verbraucht. Bibbernd und heulend unter dieser Dusche stehend, war ich bereit, meine Niederlage einzugestehen: Ja, dieser Urlaub ist nicht zu retten. Und irgendwie dachte ich wirklich, das Schicksal mit meiner Devotheit gnädiger zu stimmen.

Dann kam der Durchfall. Brav hatten wir das Wasser abgekocht, tagelang frierend vor unseren Campingkochern gekniet, für jeden einzelnen Schluck gearbeitet. Aber nicht brav genug. Erst marschierten wir – und dann kam der Durchmarsch. Und wisst ihr, was wirklich erniedrigend ist? Richtig: Kanufahren mit Diarrhö. Nicht nur, dass man todeserschöpft ist und damit sportlich ungefähr so nützlich wie ein Pferd mit einem gebrochenen Bein. Nein, man muss auch noch alle paar Minuten von diesem verdammten Kanu runter, damit man sich nicht in die Hose kackt. Statt totaler Entspannung die totale Erniedrigung.

Trost fand ich nur in der Tatsache, dass ich nicht alleine war. Legten wir an, war es gar nicht leicht einen Platz zu finden, der nicht in Hör- und Sehweite einer meiner dünnpfiffigen Mitstreiter und Mitstreiterinnen lag. Pünktlich zum Ende der Reise waren wir alle gesundet. Nie war ‘was in Norwegen passiert, bleibt in Norwegen’ wahrer.

Wenn mir heute jemand erzählt, dass er oder sie Urlaub in Norwegen plant, schaue ich der Person tief in die Augen und sage mit so viel Ernsthaftigkeit, wie ich irgendwie aufbringen kann: Das klingt doch richtig schön. Und dann denke ich an die vollendeten Steilküsten und die romantischen Stunden, die ich dort in der Hocke kauernd verbracht habe: Mir meinen nächsten Urlaub in den schönsten Farben ausmalend.

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