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Fotos: freepik / Collage: jetzt.de

Flüchtlinge, Einwanderer, zahlreiche Ausländer strömen nach Deutschland. Die Anforderungen seitens Deutschland sind relativ einfach: Integriert euch in unsere Gesellschaft. Das schließt viele Faktoren ein: die Sprache, den Umgang miteinander, unsere deutsche Lebensweise.

Oft werden Einwanderer dafür kritisiert, dass ihnen das nicht gelingen würde. Das Deutsch sei immer noch nicht fließend, Kontakt bestehe vor allem zu anderen Ausländern, unsere „Leitkultur“ – was auch immer das sein mag – sei ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Sich schnell in die deutsche Gesellschaft einzufügen, gelingt den Wenigsten. Stattdessen bildet sich das, was vor allem Einwanderungsgegner mit mahnend erhobenem Finger als „Parallelgesellschaften“ bezeichnen. Sie meinen zum Beispiel Straßen, Freundeskreise und Communities, in denen vor allem Arabisch gesprochen und die eigene Kultur gelebt wird. Und das wird vom Staat und den deutschen Mitbürgern nicht gerne gesehen.

Ich selbst musste weder vor Krieg, noch vor Armut flüchten. Stattdessen habe ich das kalte und graue Deutschland freiwillig verlassen. Zunächst ging ich für drei Monate nach Thailand, in die Hauptstadt Bangkok. Danach zog es mich nach Afrika. Marokko ist inzwischen mein Zuhause. Doch so verschieden diese Länder auch sind, eins blieb an beiden Orten gleich: ich. Und mir ist passiert, wofür zahlreiche Migranten in Deutschland kritisiert werden: Ich wurde Teil einer Parallelgesellschaft – der Expats.

Zu Beginn habe ich mir vorgenommen, ein Leben wie die Locals zu führen

Ich würde mich als abenteuerlustig beschreiben. Eine neue Kultur, ein neues Land und eine neue Sprache kennenzulernen, macht mir wirklich Spaß. Doch auch wenn ich mich voller Begeisterung in dieses fremde Land stürze, geht eben nicht alles auf einmal – vor allem dann nicht, wenn eine Kultur so vollkommen anders ist als die eigene.

Zu Beginn beider Aufenthalte habe ich mir vorgenommen, ein Leben wie die Locals zu führen. Ich wollte von nun an nur noch die jeweilige Sprache sprechen und mich vor allem mit Einheimischen umgeben.

Aber einen Wimpernschlag später sitze ich in einem modern eingerichteten Café, umgeben von meinen neuen deutschen Freunden. Ein anderes Land, aber dasselbe Szenario wie Zuhause. Von wegen Eintauchen in die Kultur und alleine unter Locals.

Doch genau das fühlte sich toll an. Wie ein Stück Zuhause, eine kleine Auszeit von meinem fremden Alltag. Denn mein deutsches Gegenüber versteht mich, macht dieselben Erfahrungen, lacht über dieselben Witze. Ich muss meinen Humor oder mein Verhalten nicht erklären, nicht nach Worten suchen oder über verschiedene Formen der Höflichkeit grübeln. Stattdessen bin ich einfach, wie ich nun mal bin.

Ich habe mir meine deutschen Freunde im Ausland nicht gezielt gesucht

So schön es auch ist, nicht nur Tourist in einem Land zu sein, so wichtig ist doch auch der regelmäßige Austausch mit Menschen, die einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben. Bei meinen deutschen Freunden in Thailand musste ich keine Angst haben, mich unhöflich zu verhalten. In Marokko konnte ich mit deutschem Enthusiasmus so Geburtstag feiern, wie es hier sonst nur Kinder tun.

Ich habe mir meine deutschen Freunde im Ausland nicht gezielt gesucht. Viel öfter haben sich diese Freundschaften einfach ergeben. Auf einer Party in Bangkok fand ich eine andere Deutsche sehr nett, in Marokko lernte ich Deutsche über die Arbeit kennen. Und immer war da diese Verbindung, die sich so schwer mit Worten beschreiben lässt. Dieselben Interessen, dieselben Vorstellungen vom Leben, ähnliche Werte, derselbe Humor – all diese Eigenschaften, die uns im Ausland unverkennbar als deutsch markieren. Und all diese Punkte werden von der Kultur geprägt, in der wir aufgewachsen sind.

Doch deutsche Freunde und Bekannte im Ausland eigenen sich nicht nur zum Austausch, sondern auch als Orientierungspunkte. Wie geht jemand anderes mit fremden Situationen um? Welche Möglichkeiten gibt es, sich sein Leben im Ausland einzurichten? Darüber zu reden, hilft bei Entscheidungen und macht Mut, über sich hinaus zu wachsen, wenn man gerade an Land und Bräuchen verzweifelt.

Dabei sage ich nicht, dass ich es gut finde, in ein fremdes Land zu ziehen und keinerlei Berührungspunkte zu den Einheimischen zu haben. Im Gegenteil: Auswandern ist so viel mehr als der Expat-Stammtisch und die „English Speaking in…“-Facebook Gruppe. Aber es hilft, Kontakt zu Menschen mit einem ähnlichen Hintergrund zu haben. Weil es sonst schnell zu viel wird: in einer anderen Sprache zu sprechen, sich in jeder Lebenslage anzupassen, lokal zu essen. So dumm es sich anhört: Nach einer Shoppingtour in den Souks, Handeln auf Arabisch und einem Arbeitstag mit Menschen, die Dinge vollkommen anders angehen als ich, tut es gut, über genau das in der eigenen Sprache zu reden. Mit jemandem, der einen nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell versteht. Eine kleine Auszeit fürs Gehirn.

Im Gegensatz zu uns Deutschen nehmen es die Marokkaner viel lockerer, dass zahlreiche Europäer und Amerikaner in ihrem Land leben – viele von ihnen ohne Arabischkenntnisse oder erkennbare Versuche, die eigene westliche Lebensweise anzupassen. Stattdessen wird die kleinste Bemühung, Teil der marokkanischen Gesellschaft zu werden, gefeiert, als wäre sie ein Geschenk. Ein Europäer, der auf Arabisch Smalltalk führt oder im Ramadan auch mal einen Tag fastet, ist für Marokkaner wie ein Kompliment an die eigene Kultur. Im Gegensatz zu Deutschland wird hier kein Druck gemacht, sich als Ausländer an die marokkanische Kultur anzupassen. Vor allem in modernen Städten kann man – wenn man denn will – ein sehr europäisches Leben führen – nur mit etwas mehr Sonne.

Deutsche im Ausland bezeichnen sich als „Expats“, Marokkaner in Deutschland gelten als „Einwanderer“

Vielleicht fällt es uns Europäern leichter, dort ein europäisiertes Leben zu führen, weil wir dem Land während der französischen Kolonialzeit einen fragwürdig unseren Stempel aufgedrückt haben. Doch generell sehen die Marokkaner Einwanderer als Bereicherung und nicht als Bedrohung. Zumindest, so lange Franzosen bei einer marokkanischen Jobausschreibung nicht bevorzugt werden.

Das wiederum ist eine Form der Diskriminierung, die wir uns in Deutschland gar nicht vorstellen könnten. Leider passiert es Marokkanern, dass sie im eigenen Land wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Das spiegelt sich auch in der Sprache wider. Deutsche  bezeichnen sich im Ausland als „Expats“ und sind Teil einer „Community“. Marokkaner gelten in Deutschland als „Einwanderer“, ihre Communitys werden als Parallelgesellschaften bezeichnet.

Wenn ich als deutscher Expat im Ausland also beobachte, dass die meisten Europäer Kontakt zu anderen Europäern suchen, und weil ich diesen Kontakt selbst genieße: Wie kann ich dann Flüchtlinge oder Einwanderer dafür kritisieren, dass sie Kontakt zu ihren eigenen Landsleuten suchen? Bin ich doch außerhalb von Deutschland Teil einer ganz ähnlichen Parallelgesellschaft.

Die meisten Migranten sind nicht freiwillig in Deutschland gelandet, sondern mussten vor Armut oder Krieg flüchten. Die Sehnsucht nach der eigenen Heimat – inklusive Sprache und Strukturen – ist bei ihnen wahrscheinlich tausendmal größer als bei mir. Ich kann es absolut verstehen, dass sie es als Erleichterung empfinden, zwischen Deutschkurs und Integrationsversuch auf jemanden zu treffen, dem es genauso geht. Es ist wichtig, sich in dieser Situation nicht alleine zu fühlen. Oder wie ein viereckiges Förmchen, das einfach nicht in die kreisrunde Öffnung passt.

Vielleicht sollten wir also einfach ein wenig mehr Nachsicht walten lassen gegenüber all jenen, die auch mal eine Auszeit von unserer fremden, starren und viel zu geordneten deutschen Welt brauchen. Vor allem, wenn diese Auszeit nur ein heißer Tee und ein angenehmer Plausch mit einem Landsmann ist.

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