Wieso „Dark Tourism“ immer beliebter wird

Jetzt gibt es sogar eine Serie über die Reisen an Schreckensziele.
Von Christoph Söller

Viele „Dark Tourists“ wollen in Medellín auf den Spuren des berüchtigten kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar wandeln.

Foto: Screenshot Youtube

Es ist Ferienzeit. Die meisten Urlauber zieht es jetzt in schöne Städte, ans Meer oder in die Berge. Entspannen, ablenken, Fotos machen – so stellen sich viele einen gelungenen Urlaub vor. Doch immer mehr Menschen suchen bewusst genau das Gegenteil: Orte, an denen Schreckliches passiert ist. „Dark Tourism“ nennt sich dieser Trend.

Eine neue Netflix-Serie geht der Sache auf den Grund. Der Journalist David Farrier wird zum „Dark Tourist“ und reist an Orte, an denen man alles andere als Erholung findet: Er macht einen Selbstversuch in einem Folterhaus in den USA und reist ins radioaktiv verseuchte Umland von Fukushima. Er nimmt in Großbritannien an einer erschreckend realistischen Inszenierung einer Schlacht aus dem Zweiten Weltkrieg teil und trifft Jhon Jairo Velásquez, der im Auftrag von Kolumbiens Drogenbaron Pablo Escobar über 200 Menschen tötete.

Dark Tourist | Official Trailer [HD] | Netflix

Ganz neu ist das nicht, das Schreckliche hatte schon immer seinen Reiz und die Menschen waren schon immer vom Leid fasziniert. Früher waren es Gladiatorenkämpfe und öffentliche Hexenverbrennungen, heute sind es Reisen an Schreckensorte. Professor Urs Wagenseil lehrt am Institut für Tourismuswirtschaft in Luzern. Er hat festgestellt: „Da, wo neue Tragödien entstehen, entsteht meist auch ein neuer touristischer Spot. Orte von Trauer und Tod üben eine Faszination aus.“

Das Phänomen des „Dark Tourism“, manche nennen es auch „ruin porn“, scheint zu wachsen. Immer mehr Menschen besuchen beispielsweise die Ruinen von Tschernobyl: Im Jahr 2008 waren es etwa 5000 Besucher, 2015 kamen mehr als 16.000. Andere lassen sich mit Escobars Auftragsmörder Velásquez in Kolumbien fotografieren oder besuchen die Killing Fields in Kambodscha, auf denen in den Siebzigerjahren aus politischen Gründen etwa zwei Millionen Menschen ermordet wurden.

Es gibt Webseiten, die „Dark Tourism“-Touren anbieten, und Facebookgruppen zum Thema, in denen auch die neue Netflix-Doku kontrovers diskutiert wird. Verlässliche Zahlen zu „Dark Tourism“ gibt es kaum. Die meisten Touristen organisieren ihre Reisen selbst und nur wenige Unglücksziele veröffentlichen Besucherzahlen.

„Leider kommen immer neue Tragödienorte hinzu“

Professor Wagenseil geht davon aus, dass dieses skurrile Phänomen weiter zunehmen wird. „Zum einen kommen, rein quantitativ, leider immer wieder Tragödienorte dazu. Zum anderen herrscht im Tourismus ein Wettbewerb. Einige Orte, zum Beispiel Tschernobyl, haben gar nichts zu bieten und machen dann aus einer Tragödie einen touristischen Schauplatz. Das heißt, die Anbieter werden versuchen, die Schreckensorte zu inszenieren.“

In der Regel kein Sensationstourismus

„Dark Tourism“ ist an sich nichts Schlechtes oder völlig Ungewöhnliches. Anders als in der Netflix-Serie „Dark Tourist“, geht es den meisten Besuchern nicht um Selbstinszenierung. In der Regel wird mit Tragödienorten, die heute Gedenkstätten sind, sehr sensibel umgegangen, etwa Konzentrationslagern oder dem Ground Zero in Manhatten. Keine tollen Selfies, keine spektakulären Videos. Den meisten gehe es bei ihren Besuchen „um Stille, um Ruhe, um Einkehr. Die Leute wollen dort nichts erleben, sondern eher lernen, sich informieren, ein Bild von dem machen, was dort geschehen ist“, erklärt Professor Wagenseil.

Die meisten besuchten diese Orte als Ergänzung zu anderen Sehenswürdigkeiten vor Ort, etwa das KZ Ausschwitz, wenn man Krakau besucht. Nur eine Minderheit, die explizit an Schreckensorte reist, ist nach Ansicht Wagenseils tatsächlich sensations- und katastrophenhungrig.

In Kolumbien, vor allem in Medellín, findet ein regelrechter „Narcos“-Tourismus statt, befeuert durch die gleichnamige Netflix-Serie. Statt einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Grauen, das vom „Patrón“ ausging, wird hier mit der Verherrlichung von Unrecht und Gewalttaten viel Geld verdient. Taxifahrer verkleiden sich als Escobar und geben über Walkie-Talkies angebliche Morde in Auftrag. Und Velásquez, auch bekannt unter seinem Spitznamen „Popeye“, ließ sich bis zu seiner erneuten Verhaftung im Mai 2018 gerne mit Touristen ablichten. Er schrieb ein Buch, plauderte über das Töten.

Der Auftragskiller profitierte von seiner Nähe zu Escobar. Und Medellín ist die Stadt geworden, in der das Erbe Don Pablos weiterlebt und Touristen sich auf den Spuren der Gangster bewegen können. Professor Wagenseil bedauert das sehr. „Das kann man vermutlich nicht verhindern“, sagt er, aber hofft, dass es eine Ausnahme bleibt. Es sei auch der Tourist selbst, der eine moralische Grenze ziehen müsse. „Ich glaube, es ist absolut in der Verantwortung des Reisenden, zu beurteilen, was in Frage kommt und was nicht. Ich finde das, was teilweise in Kolumbien passiert, sind Entwicklungen, die abartig sind.“

Ventil für moderne Gesellschaft

Es geht also um die Frage, wie Tragödien und Unheil der Vergangenheit in der Gegenwart präsentiert und wahrgenommen werden. Und wie man selbst als „Dark Tourist“ sich an diesen Orten verhält. An der University of Central Lancashire in England gibt es ein „Institute for Dark Tourism Research“. Dort glauben die Wissenschaftler, „Dark Tourism“ erfülle auch eine soziale Funktion: das Erleben und Nachvollziehen von Leid.

Der Holocaust sei ein gutes Beispiel. „Wir konsumieren die 1930er und 1940er Jahre nur in schwarz-weiß. Wenn wir jedoch Dinge nah und persönlich sehen und der Tod uns begegnet, ob durch Farben oder Empathie oder Schmuckstücke oder Haushaltsgegenstände, dann bekommen wir eine Verbindungen zu denen, die dort gestorben sind“, erklärt Forscher Philip Stone. Die Reisen an makabere Orte könnten ein Ventil für unsere moderne Gesellschaft sein, die den Tod aus ihrem Alltag in Krankenhäuser und Altenheime verbannt hat. Die Begegnung mit dem Tod führe zu neuem Moralempfinden und neuer Sensibilität. Aber die Voraussetzung dafür ist: Dem Leid und der Geschichte sensibel und kritisch zu begegnen, und nicht naiv oder glorifizierend.

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