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Fotos: dpa; Grafik: jetzt

„Auschwitz ist nicht behindertengerecht“, zitiert der Autor und Comedian Shahak Shapira die Bewertung eines Yelp-Nutzers für die KZ-Gedenkstätte Auschwitz. „Das ist korrekt“, sagt Shapira, auf die Bewertung eingehend. „Aber was erwartest Du? Sollen sie eine Rampe bauen, die in die Gaskammer führt?“ Die Zuschauer im Berliner „Cosmic Comedy“-Club lachen, während Shapira auf der Bühne weitere Bewertungen vorliest. Eine Frau hält sich die Hand vor den Mund, als könne sie nicht fassen, was sie da hört.

Doch die Bewertungen sind echt und dass Menschen im Internet KZ-Gedenkstätten bewerten, wie sie das auch bei Restaurants, Freizeitparks und Hotels tun, ist nicht unüblich. Aber ist es deswegen auch normal? Angemessen? Muss man tatsächlich für einen Ort Punkte vergeben, an dem einst Menschen, größtenteils Juden, in Kammern vergast wurden? Sollte man fünf Sterne vergeben, für einen Ort, an dem sich Berge von Leichen in Massengräbern stapelten?

TripAdvisor-User Sam C über das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau:

„Eine international bekannte Einrichtung mit den organisatorischen Fähigkeiten eines Dritte-Welt-Landes... Kommen Sie nicht her, das ist es nicht wert.“

„Natürlich darf man das“, sagt Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in der Oberpfalz. Denn die Bewertung eines Ortes oder einer Einrichtung sei keine Bewertung der Gewaltgeschichte, die sich dort ereignet hat und auch keine Herabwürdigung der Menschen, die dort ermordet wurden. „Gleichzeitig“, fügt Skriebeleit hinzu, „sollte man sich aber bei der Bewertung der gesamten Geschichte, für die dieser Ort steht, bewusst sein.“ 

Die Idee zu seiner Comedy-Nummer kam Shahak Shapira, als er die KZ-Gedenkstätte Buchenwald besuchen wollte und im Netz auf deren Bewertungen stieß. Schon Anfang 2017 beschäftige sich Shapira mit einem ähnlichen Thema: Für sein viel beachtetes Projekt „Yolocaust“ montierte er historische Aufnahmen aus Konzentrationslagern in die Selfies von Besuchern des Berliner Holocaust-Mahnmals, die er in sozialen Netzwerken fand. Dass Menschen KZ-Gedenkstätten im Internet bewerten, wundert ihn nicht. „Eine der größten Dating-Revolutionen dieses Jahrhunderts ist, dass wir Menschen bewerten. Es war daher nur eine Frage der Zeit, dass auch Auschwitz bewertet wird“, sagt er. Dieser Bewertungs-Drang sei etwas, das unsere Generation definiere: „Wir geben unsere Meinung kund, bei Themen, wo sie nicht gebraucht wird, denn es gibt immer jemanden, der uns danach fragt: Twitter, Facebook und eben Tripadvisor.“ Die Folgen: „Wir fangen an zu glauben, dass sich jemand für unsere Meinung interessiert – und dann geben wir eben fünf Sterne für Auschwitz.“

TripAdvisor hat sich dazu entschieden, alle „öffentlichen Betriebe“ auf der Website stattfinden zu lassen

Die deutsche Pressesprecherin von TripAdvisor, Susanne Nguyen, kann die Irritation darüber verstehen. Letztlich habe sich TripAdvisor aber dazu entschieden, alle „öffentlichen Betriebe“ auch auf der Website stattfinden zu lassen, so Nguyen. Bordells findet man auf der Seite des amerikanischen Unternehmens allerdings nicht – aus Gründen der Pietät.

TripAdvisor-User prfdmd über die KZ-Gedenkstätte Dachau:

„Unser Tour-Guide war schrecklich. Er redete den Horror des Holocaust klein. Er hatte keine Ahnung. Er war ein Idiot.“ (aus dem Englischen übersetzt)

„Unser Grundgedanke ist“, erklärt Nguyen, „dass, wir eine Plattform von Nutzern für Nutzer sind. Reisende sollen sagen dürfen, was sie vorfinden, damit andere sich im Vorfeld ein Bild machen können.“ Im Fall von KZ-Gedenkstätten sei das hilfreich, damit etwa Eltern besser einschätzen können, ob sie dort mit ihren Kindern hingehen sollten oder Senioren wissen, an welchen Tagen sie Schulklassen vermeiden können. Auch, dass sich Nutzer über „emotionslose Führer“ beschweren, findet Nguyen eine nützliche Information jemanden, der eine Tour buchen möchte.

Sicherlich hätten auch die Gedenkstätten ein Interesse daran, im Internet sichtbar zu sein, sagt Nguyen. Auf der Website von Auschwitz gebe es Hinweise auf soziale Medien wie Facebook, Twitter und Pinterest. Zudem leisteten die TripAdvisor-Bewertungen ihrer Meinung nach zusätzlich eine Form von Erinnerungsarbeit: „Oft liest man den Appell, die Gedenkstätten grade heute, in Zeiten von zunehmenden Populismus vermehrt zu besuchen.“

TripAdvisor-User rezitatorHM über das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau:

„Ein Ort des Grauens, den jeder besuchen sollte. In Zeiten von Populismus und Verharmlosung ist es ein Muss, den Ort von so viel Schrecklichkeit zu sehen und man kann nur schweigend und gedenkend durch die Lager gehen.“

Jörg Skriebeleit liest regelmäßig, was Besucher auf Bewertungsplattformen über die Gedenkstätte Flossenbürg schreiben. „Nicht, weil mich das Ranking interessiert, sondern die qualitativen Einträge.“ In den Bewertungen erfahre man oft etwas über die öffentliche Wahrnehmung der Gedenkstätte und meist seien die Posts eher ermutigend als ernüchternd: „Es finden darin häufiger Diskurse über die Geschichte des Ortes als über das Vorhandensein von Toiletten statt.“ Doch manche Besucher äußern sich auch enttäuscht, etwa darüber, dass vom Lager so wenig erhalten ist.

TripAdvisor-User Stefan S über die Gedenkstätte Buchenwald:

„Der Ort lebt, bei entsprechenden Geschichtskenntnissen, mehr von der bedrückenden Stimmung als von den visuellen Eindrücken… Wünschenswert wäre zum Beispiel ein Nachbau einer typischen Baracke.“

„Das ist aber nicht zu ändern, wir bauen ja kein KZ-Disneyland auf, um den historischen Grusel zu erhöhen“, sagt Skriebeleit. Was seiner Meinung nach auch nicht unbedingt zweckführend wäre: „Irritationen haben meist viel nachhaltigere Bewusstseinseffekte als vordergründiges Emotionalisieren.“

Ein Nutzer schreibt: „Worst place I’ve ever been“ über die KZ-Gedenkstätte Auschwitz – und vergibt fünf Punkte

Aus Sicht der Plattformen, aber auch für die Einrichtungen selbst, sind die Gedenkstätten in gewissem Maße also auch einfach „Betriebe“, die wirtschaftlich geführt und evaluiert werden müssen. Shahak Shapira sagt dazu: „Wenn Auschwitz ein Betrieb ist, dann einer, der mal besser funktioniert hat.“ Sich die Bewertungen durchzulesen, empfindet er ähnlich wie RTL2 gucken. „Dieses Gefühl von: Warum sind wir Menschen überhaupt noch auf der Welt? Wir haben es nicht verdient.“ Gleichzeitig glaubt er nicht, dass böse Absicht oder Antisemitismus dahinterstecken. „Aus einer gewissen Perspektive sind die Bewertungen geschmacklos, aus meiner Perspektive sind sie unbeholfen lustig und aus deutscher Perspektive sind es einfach nur richtig gute, detaillierte Bewertungen eines beliebten Traditionsunternehmens.“

Neben den Inhalten der Bewertungen gilt Shapiras Interesse auch der Frage, ob man bei einer Bewertung einen oder fünf Sterne vergeben sollte. „Es ist lustig, weil es so viel Spannung erzeugt“, sagt er. Ein Beispiel, wie unterschiedlich das aussehen kann: „Basierend darauf, was es ist, kann ich keine ‚Exzellent‘-Bewertung vergeben“, erklärt ein Nutzer, der für die KZ-Gedenkstätte Dachau einen Stern vergibt. Ein anderer schreibt: „Worst place I’ve ever been“ über die KZ-Gedenkstätte Auschwitz – und vergibt fünf Punkte.

Was paradox klingt, ist für TripAdvisor kein Problem. „Wir sehen da wenig Verwirrung bei den Nutzern“, so Susanne Nguyen. Die meisten würden zwischen persönlicher Empfindungen in Bezug auf den Ort sowie den Rahmenbedingungen, die es zu bewerten gilt, durchaus trennen können. Auf TripAdvisor wolle man allen, auch den negativen Stimmen, eine Plattform bieten, „im Sinne der Meinungsfreiheit“, erklärt Nguyen. Gleichzeitig sei die Seite aber kein rechtsfreier Raum. Um beispielsweise eine „familienfreundliche Sprache“ zu gewährleisten habe TripAdvisor computerbasierte Prüfmechanismen sowie ein Team, dass sich kritische Bewertungen vor der Veröffentlichung nochmals anschaut.

„Den Bewertungen nach ist Auschwitz der Mount Everest des Holocaust-Tourismus“, sagt Shahak Shapira

KZ-Gedenkstätten werden nicht nur bewertet, sie werden auch miteinander verglichen. Ein TripAdvisor-Nutzer, der die Gedenkstätte Dachau mit einem Punkt bewertet, schreibt: „Als jemand, der bereits in Auschwitz war, fand ich diese Erfahrung weniger schockierend.“ Ein anderer Nutzer erwähnt im Bezug auf die Gedenkstätte Buchenwald, dass die Zahl der Opfer dort zwar „bescheidener“ sei als in Auschwitz, trotzdem sei es dort „nicht weniger schlimm“. Ein solcher Vergleich zeigt, dass Gedenkstätten heute auch oder vor allem eines sind: Touristenattraktionen.

Für das gezielte Reisen zu Destinationen, die historisch bedingt mit dem Tod verbunden sind, gibt es den Begriff „dark tourism“. Mehrere hunderte solcher dark tourism-Anlaufstellen gibt es weltweit. Ground Zero gehört dazu genauso wie Tschernobyl oder Hiroshima. Noch spezifischer ist der Begriff „holocaust tourism“, der sich auf Orte beschränkt, die etwas mit dem Holocaust zu tun haben. Natürlich ist nicht jeder Besucher einer Gedenkstätte ein passionierter Holocaust-Tourist, doch die Vergleiche von Opferzahlen und realitätsnaher Darstellung in den TripAdvisor-Bewertungen legen nahe, dass es zumindest ein inoffizielles Ranking gibt. Shahak Shapira: „Den Bewertungen nach ist Auschwitz der Mount Everest des Holocaust-Tourismus.“

Jörg Skriebeleit ist mit dem Begriff „dark tourism“ zwar vertraut, ihn beschäftigt derzeit aber ein anderes Thema: „overtourism“. Weil alle KZ-Gedenkstätten steigende Besucherzahlen verzeichneten, sähe sich etwa die Gedenkstätte Auschwitz seit zwei Jahren genötigt, im Stammlager nur noch Gruppenbesuche zuzulassen, erklärt Skriebeleit. „Es wird bei dem Andrang immer schwieriger, die Würde des Ortes und seiner Opfer zu bewahren“, sagt er. Die Frage, was was an Orten von Gewaltgeschichte und Massenmorden adäquat ist, stelle sich eben nicht nur in der digitalen Welt, sondern meist noch drastischer in der analogen.

Der Ansturm ist auch den Besuchern nicht entgangen. „Der schlimmste Ort des 20. Jahrhunderts“, schreibt TripAdvisor-User Ole 1970, „verkommt zur Touristen Attraktion“. Und Christian M meint: „In das Lager kommen ist Glücksache.“

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