Rikscha-Tagebuch: Bierverbot

Betrunkene sind seine Einnahmequelle. Heute erklärt unser Rikscha-Reporter, warum er sich manchmal trotzdem ein Bierverbot auf der Wiesn wünscht - und immer etwas Unvorhergesehenes passieren kann.
alexander-gutsfeld

In letzter Zeit komme ich immer häufiger zu dem Punkt, an dem ich keine Betrunkenen mehr sehen kann. Dann habe ich einfach keine Lust mehr auf die ganzen Alkoholleichen und wankenden Bierbäuche. Keine Lust mehr auf die Menschen, die einfach auf der Straße stehen bleiben und erst weggehen, wenn man sie mit den Händen zur Seite geschoben hat. In solchen Momenten wünsche ich mir ein Bierverbot auf der Wiesn.

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Illustration: Julia Schubert

  

Mir ist klar, dass dieser Gedanke widersprüchlich ist. Betrunkene sind schließlich meine Haupteinnahmequelle. Je besoffener die Leute, desto wahrscheinlicher ist es,  dass sie in meine Rikscha einsteigen. Es gilt aber auch: Sind sie irgendwann zu betrunken, kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Ich hatte schon Gäste, die kein Geld dabei hatten, oder während der Fahrt eingeschlafen sind und sich partout nicht mehr aufwecken ließen. Ich musste auch schon welche wieder aus meiner Rikscha aussteigen lassen, weil sie sich nicht mehr daran erinnern konnten, wie ihr Hotel hieß.  

Samstag Nacht fuhr ich zwei junge Schweizer zum Hauptbahnhof. Als wir ankamen, stieg ich von meinem Sattel um die beiden abzukassieren. Auf einmal kippte die Rikscha nach oben - mit den beiden Gästen, die noch auf ihren Sitzen saßen. Mein Fahrrad hing in der Luft und die Füße der Schweizer auch. Ich konnte zum Glück schnell genug regieren und die Rikscha mit Mühe wieder auf den Boden zurückziehen. Als sie wieder stand, lief ich um sie herum, um zu schauen, was passiert war. Auf dem Boden lag ein Mann, die Hälfte seines Körpers war unter der Rikscha versteckt. Er hatte vermutlich an ihr gezogen und dabei sein Gleichgewicht verloren. Ich half ihm hoch und fragte, ob alles in Ordnung sei. Der Mann lächelte mich nur an und wandte sich ab. Bald war er in der besoffenen Menschenmenge verschwunden.  

Es war noch einmal gut gegangen. Alle Beteiligten blieben unverletzt. Und doch hat mir die Szene mal wieder klargemacht, dass auf der Wiesn jeden Augenblick etwas Schlimmes passieren kann. In der Rushhour ist der Verkehr auf der Schwanthalerstraße chaotisch wie in Bombay oder Kairo – nur dass die Fußgänger auch noch mit zwei Promille durch die Gegend irren.

Folge verpasst? Das komplette Rikscha-Tagebuch kannst du hier nachlesen.

Text: alexander-gutsfeld - Foto: himberry/ photocase.de

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