Rikscha-Tagebuch: Der Käfig

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Lieber nicht im Käfig: Rikscha-Reporter Ali.

Auf der Wiesn darf man nicht überall Kunden jagen. Es gibt Bereiche, in denen keine Rikschas fahren dürfen. Dafür gibt es extra Stellplätze. Der größte ist an der St. Pauls Kirche. Wir nennen ihn den "Affenkäfig", oder einfach „Käfig“ – weil es hier einen klar eingegrenzten, viereckigen Bereich gibt, in dem wir stehen dürfen. Hier steht man in zwei langen Reihen und wartet auf Gäste.

Im Käfig sieht man alle möglichen Typen von Rikschafahrern. Die alten Hasen, die schon ewig dabei sind und gerne von der guten, alten Zeit erzählen, als unter Rikschafahrern noch Goldgräberstimmung herrschte. Damals habe es nämlich noch keine Abgrenzungen und keinen Käfig gegeben, man konnte überall hinfahren und den Wiesn-Besuchern dabei zusehen, wie sie sich um eine Fahrt prügelten. Damals sei man als Rikschafahrer noch ein Rockstar gewesen und habe reihenweise Models zu sich nach Hause kutschiert.

Zurück zum Käfig. Es gibt da die Berliner Rikschafahrer, die dem Ruf des großen Geldes folgen und ihr Gefährt extra nach München bringen. Die Wiesn ist das Mekka der Rikschafahrer deutschlandweit. Ein paar Frauen stehen auch immer da, abgehärtet durch den täglichen Kampf mit lüsternen Männergruppen und Grabschern. Mit ihnen würde ich nicht gerne tauschen – auch wenn sie vielleicht mehr Fahrten bekommen. Man sieht hypermoderne Rikschas, die neonfarben leuchten und E-Bikes, denen ich immer neidisch hinterhergucke, wenn sie an mir vorbeirasen. Manche der Fahrer haben eigene Rikschas, andere haben sie, wie ich, gemietet.

Es gibt nur eine Regel: Hinten anstellen.

Das Gute am Käfig: Es hat sich rumgesprochen, dass hier so viele von uns stehen. Leute kommen extra hierher, um Rikscha zu fahren. Weil hier so viele stehen, ist der Konkurrenzkampf aber auch riesig. Wenn hier wenig los ist, schnauzen sich die Fahrer schon mal untereinander an, es wird um jeden Kunden gebuhlt. Je länger die Wiesn dauert, desto größer ist die Eskalationsgefahr.

Eigentlich gibt es eine Regel im Käfig: Man stellt sich der Reihe nach an und wartet, bis man vorne ist. Weil manche aber nicht die Geduld haben, stellen sie ihre Rikschas hinten an, gehen dann zu Fuß vor und werben dort um Gäste. Haben sie einen gefunden, nehmen sie ihn an der Hand und führen ihn zurück zu ihrer Rikscha. Letztes Jahr hat diese Art der Kundensuche für so viel böses Blut gesorgt, dass am Ende Reifen zerstochen wurden.

Auf dieser Wiesn habe ich nur am Rande solche Streitigkeiten mitbekommen. Ich stehe kaum noch im Käfig. Der ist mir einfach zu stressig. Nur wenn mir langweilig ist und ich die Gemeinschaft von anderen Fahrern suche, schaue ich mal vorbei. Ich denke, das ist auch der Hauptgrund, warum hier so viele stehen. Der Käfig ist vor allem ein Treffpunkt von Rikschafahrern, die nicht alleine in der Kälte stehen wollen.

Folge verpasst? Das komplette Rikscha-Tagebuch kannst du hier nachlesen.

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