Rikscha-Tagebuch: Der Run

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Das Rikschageschäft läuft oft sehr unterschiedlich. An manchen Tagen fährt man so viel, dass man sich endlich eine Pause wünscht, aber nicht dazu kommt, weil schon wieder der nächste Fahrgast wartet. An anderen Tagen muss man über eine Stunde auf die nächste Fahrt warten.  

Doch selbst ein mieser Tag kann ab elf Uhr Abends zu einem guten werden - und ein guter Tag zu einem grandiosen. Wenn die Zelte schließen und das aufgeputschte Wiesn-Volk auf die Öffentlichkeit losgelassen wird, kommt es für uns Rikschafahrer zum Höhepunkt des Wiesn-Tages. Dann haben wir uns positioniert und warten auf den ersten Besoffenen, der in unsere Rikscha fällt.  

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Illustration: Julia Schubert



Denn dann geht der „Run“ los. So nennen wir die Wiesn-Rush-Hour. Weil man sich in dieser Zeit besonders abhetzt, schließlich will man so viele Fahrten wie möglich abgreifen. Bei einem schlechten Run kriegt man in einer Stunde drei bis vier Fahrten zum Hauptbahnhof. Bei einem richtig guten kehrt sich das Machtverhältnis zwischen Wiesn-Gast und Rikschafahrer für eine kurze Zeit um. Dann muss ich nicht mehr mühsam um Gäste buhlen, sondern werde im Sekundentakt nach einer Fahrt gefragt. Ich kann mir meine Gäste selbst aussuchen und höhere Preise ansagen. Irgendwann wird sowieso jemand einsteigen.  

Von elf bis zwölf wird die sonst schon überfüllte Schwanthalerstraße zu einem Tollhaus. Besoffene liegen in den Ecken, Taxis hupen, Krankenwagen rasen an einem vorbei. Doch das alles nehme ich als Rikschafahrer nur am Rande war. Im Run bin ich unter Dauerstress. Mit rotem Kopf und weit geöffnetem Mund versuche ich jeden Schleichweg zu nutzen, der sich mir bietet. In dieser Zeit ist es meine einzige Aufgabe, die Kunden schnell und heil zu ihrem Ziel zu bringen. Das erfordert meine volle Konzentration. Sind die Gäste abgeliefert und das Geld kassiert, geht es so schnell wie möglich zurück Richtung Theresienwiese, auf der Suche nach neuen Kunden.  

Ein guter Run kann sehr anstrengend sein, gleichzeitig aber auch extrem befriedigend. Und das nicht nur wegen des vielen Geldes, das man verdienen kann. Der Run auf der Wiesn ist der größte Rauschzustand, den man als Rikschafahrer erlebt. Wie bei jedem Rausch folgt aber irgendwann der Kater. Dann bin ich nicht nur körperlich fertig, es ist vor allem der Stress und der Lärm, der mir zusetzt. In solchen Momenten wünsche mich an einen ruhigen Ort, an dem kein einziges Auto fährt und erst recht kein Bier ausgeschenkt wird. Am nächsten Tag stehe ich aber doch wieder in den Startlöchern und kann es kaum erwarten, dass es wieder losgeht.

Folge verpasst? Das komplette Rikscha-Tagebuch kannst du hier nachlesen.

Text: alexander-gutsfeld - Foto: afp / privat; Collage: Daniela Rudolf

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