Tagebuch eines Rikschafahrers

Auf der Wiesn fließen nicht nur literweise Bier, sondern auch eine Menge Geld. Unser Praktikant arbeitet dort als Rikschafahrer. In seinem Tagebuch erzählt er von notwendigen Überredungskünsten und torkelnden Bayern.
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Dieses Wochenende hat die Wiesn begonnen. Ich werde 16 Tage im Rauschzustand sein. Und das, obwohl ich keinen Tropfen Alkohol trinke. Ich bin nämlich Rikschafahrer. Mein Job ist es also, Betrunkene durch die Gegend zu kutschieren. Meine Rikscha habe ich gemietet. Die Miete habe ich dieses Wochenende allerdings schon fast wieder eingefahren. Die Standardstrecke, von der Theresienwiese zum Hauptbahnhof, kostet zwanzig Euro für zwei Personen. So zumindest die Verhandlungsbasis.

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Illustration: Julia Schubert

  

Das wird meine dritte Wiesn. Draufgekommen bin ich durch meinen Bruder. Als der jeden Tag mit einem Bündel Geldscheine von der Wiesn kam, wusste ich: Das ist der Nebenjob, auf den ich gewartet habe.  

Schon mit dem Anstich beginnt die ständige Jagd nach Kunden. An jeder Ecke könnte schließlich der nächste Fahrgast stehen. Und dem muss oft gut zugeredet werden. Das brauchen viele Menschen, besonders wenn sie sternhagelvoll sind. Deswegen muss man als guter Rikschafahrer bereit sein, die Leute zu einer Fahrt zu überreden. Nur dann kann man in diesen Tagen der Reizüberflutung gutes Geld verdienen.  

Eigentlich ist eine einfache Rechnung: Je mehr Leute ich anspreche, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in meine Rikscha steigt. Ich bin schließlich nur einer unter vielen Fahrern, muss also auffallen.

An meinem ersten Wochenende habe ich allerdings wieder bemerkt, wie unangenehm es mir ist, wildfremden Menschen auf die Nerven zu gehen. Viel lieber würde ich einfach darauf warten, dass mich die Leute freundlich fragen, ob ich sie zum Marienplatz fahren könnte. Doch auf der Wiesn sind nur die Rikschafahrer erfolgreich, die aktiv auf Kundenfang gehen.  

Zum Glück habe ich auch diesmal recht bald meine Scheu verloren. Das Rumgegröle der Besoffenen, die musikalische Dauerbeschallung und nicht zuletzt die Aussicht auf das große Geld bringen einen schnell dazu, seine Prinzipien aufzugeben. Irgendwann macht es sogar Spaß, Besoffene dazu überreden, einem sehr viel Geld für eine Fahrt zum Hauptbahnhof zu geben. Am Samstag reichte einmal gar ein einfaches „Rikscha zum Hauptbahnhof“ und schon torkelte ein dicker Bayer in meine Rikscha. Als er schon hinten saß, fragte er:  

„Wieviel kostet’s denn eigentlich?“
„15 Euro“
„Is auch scho wurscht“  

In diesem Moment wurde mir klar: Jetzt kann das Geschäft richtig losgehen. Wenn es so weitergeht, kann ich mir nach 16 Tagen Rikschafahren fünf Monate Studium in Berlin leisten.

Text: alexander-gutsfeld - Foto: himberry / photocase.de

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