Das Problem mit dem Jungen, der sich immer gleich verliebt.

Anna und Matthias waren ein Jahr lang zusammen, seit einem Jahr sind die beiden getrennt. Die neue Folge der Schlussmach-Kolumne.
wlada-kolosowa
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Illustration: Julia Schubert

Anne, 25, erzählt: Eigentlich deutete schon der Anfang von Matze und mir darauf hin, wie unser Ende sein würde. Ich traf ihn auf einem Festival, Mr. Oizo legte gerade auf. Die Menschen tanzten, als würden sie testen wollen, wie viel der Holzboden aushält. Matze stand ein wenig abseits, hielt sich an seinem Getränk fest und wippte wie widerwillig mit dem Fuß, als ginge ihn das alles nicht so richtig an. Ich hatte meine Freunde schon vor Stunden verloren und genug Biermut beisammen, um seine Hand zu schnappen und ihn in die Menge zu zerren. Wir verbrachten den Rest der Nacht zusammen, tanzten, redeten, tanzten, setzten uns irgendwann ins nasse Gras am Seeufer neben dem Festivalgelände. In unserem Rücken wummerten Bässe, langsam kroch die Sonne hoch. Es war klar, was passieren würde. Und es war: Ein Leben für diesen Moment. „Du, das hier ist jetzt unfair, dir gegenüber und jemand anderen auch“, sagte Matze nachdem wir uns bestimmt eine Stunde lang geküsst hatten. Er hatte eine Freundin, eine ganz großartige, seit fast zwei Jahren schon. Ich sagte: „Und jetzt?“. Dann machten wir weiter. Und am nächsten Tag auch. Und sogar noch auf dem Rückweg im Zug. Wie das Schicksal – oder die demographische Zusammensetzung des Festivals es so wollte – wohnten Matze und ich sogar im gleichen Stadtteil. Auch nachdem wir nach Hause zurückgekehrt waren, machten wir weiter. Nach zwei Wochen machte er mit seiner großartigen Freundin Schluss. Das mit uns sei stärker als er, erklärte Matze ihr. Drei Monate lang war ich ganz hirnlos glücklich. Dann war das mit Katharina stärker als er. Und sieben Monate später das mit Yvi, die übrigens meine Cousine ist. Irgendwann dazwischen gab es noch eine kurze schlüpfrige Episode mit einer Kommilitonin. Aber jedes Mal kehrte Matze zu mir zurück, kreuzunglücklich und reuevoll. Dass er früher oder später vor meiner Haustür stehen würde, Augen wie ein verprügelter Köter, war so sicher wie die Jahreszeiten: Mitten im heißesten Sommer wusste ich: Bald kommt der Winter. Ich wusste aber auch: Auch dem schlimmsten Winter wird ein Frühling folgen. Irgendwie lag in diesem Muster auch eine trügerische Sicherheit. Ich litt jedes Mal, aber ich verzieh. Es hört sich paradox an, aber Matze ist ein ganz aufrichtiger Mensch. Ich verliebe mich nie in Arschlöcher. Die rieche ich drei Kilometer gegen den Wind. Die können mir nichts anhaben, ich nehme sie einfach nicht Ernst. Mein schwacher Punkt sind die netten, verwirrten Kerle. Die, die es wirklich gut meinen und nicht anders können. Matze war immer ehrlich zu mir. Er plante es nicht, er lief immer in Verliebtheiten rein und dann ergriff das Gefühl von ihm Besitz. Er glaubte dann ernsthaft für ein paar Wochen, dass er allein durch diese Frau glücklich werden kann und tat dann alles um sie davon zu überzeugen. Ich weiß, wie es ist. Ich war ja schon mal auf der anderen Seite. Klar, das Kunststück ist, so eine Fata Morgana rechtzeitig abzuschütteln. Oder dagegen anzukämpfen. Es ist naiv zu glauben, dass dein Partner dich so ausfüllen wird, dass man sich nie mehr für andere interessiert. Man will immer. Die Frage ist – was machst du mit diesem „will“. Ich kämpfte. Matze ließ sich treiben, wie so oft in seinem Leben. Ich glaubte immer, die Stärkere in der Beziehung zu sein. Wenn einer die Sache beendet, werde ich das sein, dachte ich. Matze hätte dazu niemals genug Eigenantrieb gehabt. Es kam anders. Ein Jahr nachdem wir uns kennenlernten, fast auf die Woche genau, saßen wir am Baggersee. Nicht an dem vom Festival, sondern im Strandbad. Matze hat ganz ruhig geredet. Es gab kein neues Mädchen. Er wollte einfach lernen, allein zu sein. Das traf mich härter als jede Fremdgehgeschichte. Ich saß dann im Gras, heulte und dachte nur: Wie kann man so gebräunt sein, so nach Sonnencreme riechen und so unglücklich. Wie kann es so Winter sein, mitten im Sommer? Denn diesmal war klar: Es ist anders. Der Frühling kommt nicht mehr.


Matthias, 24, erzählt: Solange ich mich erinnern kann, war ich immer verliebt. Das ist bei mir der Normalzustand, eine Liebe geht fließend in die andere über, manchmal überlappen sie sich. Was Gefühle angeht, bin ich einspurig. Ich glaube, das ist bei Mädchen anders. Ihr Freund ist wie eine Erkennungsmelodie – mal leiser, mal lauter, aber immer da. Selbst wenn sie fremdgehen, selbst wenn sie fremdverknallt sind, verstummt diese Melodie nie ganz. Das ist bei mir anders. Als Anne kam, verstummte meine damalige Freundin. Und Anne klang automatisch leiser, sobald mich ein neuer Song einnahm. Ich weiß, ich kann sagen was ich will. Ich werde mich in dieser Geschichte immer anhören wie ein Arsch. Vielleicht hätte ich mich tatsächlich mehr bemühen können. Aber wie kämpfst du gegen Gefühle an? Klar, Verzicht wäre der erste Schritt gewesen, aber was hätte es gebracht? Kurz nachdem wir zusammen gekommen sind, haben Anne und ich darüber geredet, was schlimmer wäre: Sex mit anderen, wenn man sich dabei den Partner vorstellt, oder andersrum – sich körperlich treu bleiben, aber mit einem imaginären Dritten im Bett. Ich dachte lange nach und sagte: ersteres. Anne sagte ohne zu zögern: natürlich das Zweitere. Was hätte ich denn machen sollen? Nach ihrer Definition hätte ich sie so oder so betrogen. Anne sagte: Die Liebe ist kein Wunder, die Liebe ist eine Charaktereinstellung. Es reiche nicht, auf das perfekte Gegenstück zu warten, man müsse sich dazu erziehen, dran zu bleiben. Aber das glaube ich nicht. Ich denke, irgendwann wird eine Frau kommen, da geht das von ganz allein. Bei Yvonne, bei Katharina und ja, auch als ich damals meine Freundin mit Anne betrog – ich glaubte tatsächlich jedes Mal, diese Frau gefunden zu haben. Das ist sie, die Eine, dachte ich dann für den Moment. Wenn ich sie jetzt gehen lasse, werde ich es mir nie verzeihen. Nach ein paar Wochen wurde mir meistens klar, dass der unverzeihliche Fehler war, die alte Freundin sitzen zu lassen. Ich vermisste Anne dann ganz schrecklich, wie sie morgens Lärm machte und türkischen Kaffee. Ich vermisste ihre Wohnung, die viel gemütlicher war als meine. Ich vermisste die klugen Gespräche und wie ihre Bodylotion roch. Mir wurde dann bewusst, was ich an ihr habe, wie gütig und nachsichtig sie war. Ich weiß auch nicht, wie sie es so lange mit mir aushielt. Anne ist eine tolle Frau, sie hätte jeden haben können. Es war nicht so, dass sie bei mir blieb, weil sie Angst hatte, allein zu sein. Diese Angst, die hatte wohl ich. Seit ich 16 bin, lebe ich mein Leben zu zweit. Ich weiß gar nicht, wie es ist, nur auf mich selbst aufzupassen zu müssen. Das schlimmste dabei ist: Jemanden zu verletzen, für den du dich verantwortlich fühlst. Ich tat nie etwas hinter Annes Rücken und sagte immer, was in mir vorging. Es tat mir jedes Mal weh, ihr weh tun zu müssen. Was ich machte, war grausam. So ein Mensch wollte ich nie sein. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich aus dieser Spirale von Schuldgefühlen ausbrechen musste. Wenn es mir so schwer fiel, bei Anne zu bleiben, dann musste ich mir wohl eingestehen, dass sie nicht diese Eine war. Ich liebte sie noch immer. Ich funktionierte nicht ohne sie. Aber irgendwann musste ich ja lernen, wie das geht. Am Anfang war das unheimlich schwierig. Ich ging sogar Umwege, um nicht an ihrer Haustür vorbei gehen zu müssen. Anne wohnte ja nur zwei Straßen weiter. Die schnelle Lösung wäre gewesen, zu klopfen und es neu zu versuchen. Anne würde mir noch eine Chance geben. Ich habe mich damals für eine Lösung entschieden, die weh tut aber dafür hält. Darauf bin ich immer noch stolz. Ich habe den Teil in mir wiedergefunden, den ich damals an Anne verloren hatte. Heute fühle ich mich auch ohne Freundin ganz. Anne und ich sind immer noch sehr gut befreundet. Sie hat wieder einen Freund. Ich habe die Eine noch nicht gefunden.

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