Schluss gemacht: Basti, Charlotte und das tränensalzige Spaßbad

Basti und Charlotte waren zweieinhalb Jahre zusammen und sind seit drei Jahren getrennt. In der zweiten Folge von "Schluss gemacht" erzählen die beiden vom schleichenden Ende ihrer Liebe.
wlada-kolosowa

Basti, heute 26, erzählt: Zum allerletzten Mal Schluss machten wir im Thermalbad, das war vor drei Jahren. Es war Winter, Charlotte und ich stritten uns fast jeden Tag. Irgendwie dachte ich, warmes Wasser würde helfen. Aber dann zofften wir uns mitten im Strudelbecken, ganz endgültig. Das warme, salzige Wasser fühlte sich plötzlich so an, als würden wir in eigenen Tränen schwimmen. Irgendwann sagte der Lautsprecher, dass die Therme in dreißig Minuten schließen würde. Ich reizte die halbe Stunde aus, duschte kochend heiß, bis das Wasser abgedreht wurde. Ich glaube, ich habe mich noch nie so sauber gefühlt, und so unglücklich.

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Illustration: Julia Schubert

Charlotte wartete vor dem Drehkreuz auf mich. Sie sah aus wie 14 – mit saubergeschrubbtem Gesicht und ungestylten Schwimmbadhaaren. Sie war überhaupt nicht schön. Auf der Rückfahrt sagten wir kein Wort, starrten nebeneinander in die Nacht. Ich machte Erykah Badu an. Charlotte verstöpselte sich trotzig mit Kopfhörern. Vielleicht war das schon die Allegorie für unsere Beziehung: Gleiches Bild, unterschiedlicher Soundtrack im Kopf. Wir erlebten dasselbe, interpretierten es aber völlig unterschiedlich. Ich fand diese Rückfahrt trotz all dem Schmerz irgendwie auch schön. Mich fasziniert alles, was intensiv ist. Charlotte hat die Stunde bestimmt nur damit verbracht, sich aus dem Auto wegzuwünschen und mich vor der Erdfläche. Vielleicht hat sie auch gar nichts gedacht. Ich wette, heute erinnert sie sich bestimmt nicht einmal an diese Autofahrt. Vor ihrem Haus sagte ich, dass ich ihre Sachen noch diese Woche vorbei bringen würde. Irgendwie war es fast schon Routine. Drei Mal schnallte ich schon den riesigen Karton auf den Rücksitz, fuhr ihn zu Charlotte und dann wieder ungeleert zurück. Zusammen packten wir dann wieder ihre Haargummis aus, steckten die Zahnbürste zurück in den Zahnputzbecher und pinnten Fotos an die Korkwand. Und jedes Mal dachten wir: für immer. Das längste „Für immer“ dauerte immerhin fünf Monate, das kürzeste eine halbe Stunde. Wir haben uns damals mitten im Auspacken gestritten. Charlotte schmiss ihr Zeug zurück in die Box. Sie gehe jetzt sofort nach Hause! Allein! Zu Fuß! Mein Auto und meine Hilfe könne ich mir sonstwohin stecken! Aber dann hat sie die Box gerade mal zur Tür schleppen können, so schwer war die. Wir haben angefangen zu lachen, dann zu knutschten, dann… Mein Bett war ja nicht weit. So ist es doch mit der Liebe! Man kann nicht mit ihr, aber man kann auch nicht ohne. Charlotte sagte irgendwann, sie hielte das ewige Auf- und Ab nicht aus. Manchmal denke ich aber, sie hat einfach kalte Füße bekommen. In einem halben Jahr schrieb sie Abi. Sie wollte nach Hamburg oder Berlin. Ich war bereit, ihr hinterher zu ziehen, hätte einen neuen Job gesucht oder mich als Freelancer durchgeschlagen. Die Zeit um ihr Abitur herum war wie eines dieser Ja/Nein Kästchen in Baumdiagrammen. Hätte sie das damals das Ja-Pfad gewählt, hätten wir uns zusammen in der neuen Stadt eine Wohnung gesucht. Wir hätten das schon hinbekommen. Wenn du nach dem Streit nicht nach Hause zum Heulen gehen kannst, schluckst du Unzufriedenheit eher runter. Außerdem wären wir ruhiger geworden. Geübter darin, auch mal einzustecken. Ich bin mir sicher, hätte Charlotte es damals wirklich gewollt, wir würden heute zusammen über unseren Maximalismus von damals lachen. Als ich die Kiste zum vierten Mal zu ihr fuhr, machte niemand auf. Ich klingelte wie ein besessener, bis die Nachbarin von gegenüber den Kopf in den Türspalt steckte. Die Sippels seien weggefahren, ob sie die Kiste entgegen nehmen soll? Ich schüttete den Kopf, klammerte mich an den Karton, als würden sie ihn wegnehmen wollen. Drei Tage später kam ich wieder. Charlottes Mutter machte auf, bedankte sich, umarmte mich sogar. Reingebeten hat sie mich trotzdem nicht. Wir traten befangen von einen Fuß auf den anderen, jeder an seiner Seite der Türschwelle. Dann fuhr ich nach Hause. Was hätte ich schon groß machen sollen? Ich wollte damals lange nicht wahr haben, dass diesmal wirklich Schluss ist. Warum ausgerechnet jetzt? Klar, es fühlte sich schlimm und endgültig an. Aber das tat es die drei Male davor auch. Ich habe alles versucht: Blumen ins Briefkasten gesteckt, Briefe, Zeichnungen. Ich habe zu der Zeit geschrieben und gemalt wie ein Blöder. Hab sogar Preise dafür bekommen, aber das war mir egal. Damals dachte ich: Was bringt dir das größte Kunstwerk, wenn du das Talent verloren hast, jeden Tag so zu leben als sei er ein kleines? Heute bin ich nicht mehr so sicher. Auf der nächsten Seite erzählt Charlotte vom langsamen Ende einer großen Liebe.


Charlotte, heute 23, erzählt: In der elften Klasse schien Basti die Fleischwerdung all meiner Vorstellungen, wie Jungs zu sein haben. Er war drei Jahre älter und Grafikdesigner. Er hatte Haare in genau der richtigen Länge und ein durchgebrochenes Skateboard an der Wand hängen. Außerdem konnte er symmetrische Joints drehen und schöne Sachen sagen, ohne sie mit Albernheit überspielen zu müssen. Anders als die Jungs aus der Klasse sagte er nie Sätze wie „Weißt du, wie anstrengend es ist, aus dem Hochbett zu kotzen?“ sondern solche wie: „Deine Augen sehen aus wie ein Aquarium.“ und kritzelte auf Servietten Mädchen mit Riesenaugen, in denen Fische schwammen. Er war gleichzeitig stärker und schwächer als ich. Es war, als hätte jemand alle Mädchenträume der gymnasialen Oberstufe in einem Kerl zusammengefasst. In den ersten Monaten lief ich rum, als hätte ich einen Preis abgeräumt und begann jeden zweiten Satz mit: „Basti sagt...“ Basti sagte, Schule sei für Unbegabte. Also ging ich erst zur dritten Stunde hin, wenn er zur Arbeit musste. Basti fand die Chicks aus Surferkatalogen heiß. Also trug ich von nun an ausschließlich Roxy und ruinierte meine Haare in einem Versuch, sie à la Salz und Sonne zu strähnen. Wegen ihm fand ich sogar Drum’n’Bass eine Zeitlang aufrichtig gut. In der Zwölften dämmerte es mir, dass es nicht meine alleinige Bestimmung sein kann, die Freundin eines coolen Kerls zu sein. Es schwante mir auch, dass ich besser regelmäßig zur Schule gehen sollte. Basti machte sich über meinen akademischen Eifer lustig. Seinen eigenen Schulabbruch verkaufte er als eine Art Auszeichnung. Ich glaube aber, es hat ihn immer gewurmt, dass er kein Abi hatte. In den Sommerferien vor der Dreizehnten hatte er ein Praktikum in einer Agentur gemacht und bekam prompt ein Stellenangebot. Er sagte zu, zunächst einmal für ein Jahr. Aber dann gewöhnte er sich an das Geld und die Wirkung, die sein Job beim weiblichem Teil des Kunst-LK erzielte. Dass er das Groß seines Tages damit verbrachte, Armhaare wegzuretuschieren, kriegte ich erst später mit. Genau wie die Unzufriedenheit, die daraus resultierte. Weil nach außen hin alles tiptop sein musste, war ich es, die den Frust im vollen Maß abkriegte. Besonders schlimm war es, weil Basti immer alles ins Extreme zog. So ist er: immer bis zum Anschlag und noch ein Stückchen weiter. An manchen Tagen hatte ich das Gefühl, er sei bereit, für mich töten, an anderen – mich. Er konnte es überhaupt nicht ertragen, dass ich plötzlich eigene Gedanken und eigene Zukunftspläne hatte. Und mich machte es nach einem Jahr Abnickens plötzlich rasend, dass er mir vorschrieb, was ich zu lesen, zu tragen und gut zu finden hatte. Es war, als machte ich zum zweiten Mal in meinem Leben eine Trotzphase durch. Nur dass ich mich diesmal nicht von Mama und Papa emanzipierte, sondern vom eigenen Freund. Basti und ich stritten uns bis aufs Blut. Und immer mit großer Geste. Als ich einmal aus seinem Haus stürmte, hat er nicht nur mein Zeug zusammengepackt und weggeräumt, sondern auch seine Matratze weggeschmissen – weil sie ihn zu sehr an mich erinnerte. Den Lattenrost hat er dann wild durcheinander zusammengenagelt und mit Neonfarben angesprüht. Am Abend kam ich unangekündigt vorbei, zum Versöhnen. Basti saß in dem dunklen Teppichrechteck, wo früher das Bett stand, und spielte Playstation. Daneben stand das Holzungetüm. Wir haben das Teil dann symbolisch im Hinterhof verbrannt, es stank wie die Pest. Übernachtet haben wir auf dem Boden. Die Versöhnung war natürlich auch ganz groß. Aber nach einer Weile fragte ich mich, ob wir uns so oft stritten, weil es uns an Gesprächthemen fehlte. Vielleicht brauchte Basti auch das Drama, um sich lebendig zu fühlen, als Inspiration für sein Werk. Irgendwann verlor ich die Hoffung, dass es jemals anders werden könnte. Wir hatten uns wund gezofft, ich hatte keine Kraft mehr. Früher dachte ich immer, eine große Liebe geht mit großen Knall. Aber wahrscheinlich sterben große Gefühle genau so – ganz leise, an Ermüdungserscheinungen.

Text: wlada-kolosowa - Illustration: katharina-bitzl

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