Schluss gemacht: Kai und Lisa

Kai und Lisa, waren ein Jahr zusammen und sind seit zwei getrennt. In der vierten Folge unserer Kolumne erzählen beide von einem Ende, das von beiden ersehnt wurde.
wlada-kolosowa

Lisa, 22, erzählt: Ich bin mir heute nicht ganz sicher: War es eine Sommergeschichte, die wir versehentlich ins nächste Kapitel mitgenommen haben. Oder war es etwas Großes, Echtes, das viel mehr gekonnt hätte, wenn wir es nur zugelassen hätten?

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Illustration: Julia Schubert

Als Kai und ich uns kennenlernten war alles schnell, intensiv, Verstandesüberschattend. Es war April. Ich lernte fürs Abi, hatte es im Kopf längst schon. Auf meinem Computer waren immer gleichzeitig zehn Uni-Homepages offen, die Zukunft war es auch - von Greifswald nach Konstanz, von Meeresbiologie bis Sinologie. Mein altes Leben war zur Hälfe in Kartons verstaut, der IKEA-Katalog voller Eselsohren. Eigentlich war es die verkehrteste Zeit für den Anfang großer Gefühle und vermutlich genau deshalb die empfänglichste. Vielleicht habe ich die Aufregung dieser Umbruchzeit auf Kai projiziert. Vielleicht rissen wir alle Wände zwischen uns so bereitwillig ein, weil sich alles so spielerisch, so Konsequenzen-los anfühlte. Vielleicht war es aber auch, weil von Kai das Leben herüberwehte, das ich kaum abwarten konnte. Kein Müsli, immer Bier Kai studierte Medizin, viertes Semester. Er wohnte mit drei Kumpels in einer Dachgeschoss-WG, in der es selten Frühstücksmüsli gab, dafür immer Bier. Das erste Mal, als ich über Nacht blieb, platze sein Mitbewohner Falk herein. Es war Mai, unter dem Dach waren es über 30 Grad. Kai und ich lagen ineinanderverknotet und splitterfasernackt auf der Bettdecke. Anstatt stammelnd die Tür zu schließen, steckte Falk den Kopf in den Türspalt, sagte, was er zu sagen hatte und rief zum Abschied „nette Brüste“. Ich konnte mich vor Peinlichkeit kaum rühren. Und gleichzeitig freute ich mich auf dieses neue Leben, in dem nackte Brüste eine Selbstverständlichkeit sind und die tolerante Mama nicht mehr dem nächtlichen Besuch über die Frühstücksmarmelade zublinzelt. Als ich selbst auszog, nach Köln, vier Stunden mit dem Zug von der Heimatstadt entfernt, büßte Kais Leben ein wenig an Glamour ein. Ich hatte es plötzlich alles selbst: Nudeln mit Ketchup, mit Tesa befestigte Klopapierhalter, Freiheit. Zuerst fuhr ich alle zwei Wochen nach Hause, dann alle drei, irgendwann nur an langen Wochenenden. Ich war immer noch gern bei Kai. Aber irgendwie hatte ich es verpasst, ihn in mein neues Leben mitzunehmen. Wir telefonierten zwar immer noch fast jeden Tag. „Ja, und sonst so?“ schlich sich aber immer öfter in unsere Gespräche ein und „Ich vermiss dich“ vor dem Auflegen fühlte sich immer floskelhafter an. Wer gesteht zuerst? Im zweiten Semester schwiegen wir auch ohne Telefon nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander. Jedes mal, wenn Kai mich in den Zug setzte, hatte ich das Gefühl, dass er ein bisschen aufatmet. Wir stritten uns nicht. Wir nervten uns nicht. Aber dieses Gefühl, dass man ein Mensch ist, der nur aus Versehen auf zwei Körper verteilt wurde, kam nie mehr auf. Und irgendwann mussten wir uns eingestehen, dass es nicht nur Regentage waren, nach denen die Sonne scheint, und auch keine verregnete Saison, sondern das normale miese Wetter. In den letzten Monaten war es ein bisschen wie im Gefangendilemma. Wer gesteht zuerst? Kai war derjenige, der Schluss machte. Wir lagen auf seiner verwaschenen Bettwäsche, deren Muster ich in- und auswendig kannte. Ich weinte nicht, packte mein Zeug, fuhr nach Hause. Ich musste am selben Tag noch beim Umzug mithelfen: Meine Eltern zogen vom großen alten Haus am Stadtrand in ein kleineres im Zentrum. Für mein eigenes Zimmer gab es dort kein Platz mehr, meine Möbel wurden weggegeben. Mutter sagte: Du bist da eh rausgewachsen. Ich dachte damals: Vielleicht war es mit meinen Exfreunden so ähnlich? Oder haben wir etwas Großartiges im Keime erstickt? Auf der nächsten Seite erzählt Kai vom Ende der Liebe.


Kai, 26, erzählt Die Frage 'Lisa oder nicht Lisa', war immer auch die Frage: Herz oder Verstand. Als wir uns kennenlernten, war definitiv das Herz am Ruder. Ich wusste: Lisa ist mit einem Fuß schon im neuen Leben. Ich wusste: Wir bräuchten mindestens ein Jahr, mit all seinen Hochs und Tiefs, um die Gefühle in die nächste Lebensstufe zu importieren. Wir hatten viel zu wenig Zeit um uns kennen zu lernen, viel zu viel um die Ohren. Aber ich war richtig verliebt, ich wollte nicht nachdenken. Es dauert lang, bis man einen Menschen findet, der zu einem passt wie ein verlorengegangenes Puzzleteilchen. Ich war nach meiner letzten Beziehung zwei Jahre lang allein gewesen, wartete auf die Richtige. Nun war sie da. Lisa war weder auf dem Kopf noch auf den Mund gefallen. Sie hatte einen armdicken Zopf, ein Gesicht voll Sommersprossen und einen Kopf voller Ideen. Man könnte uns in einen leeren, weißen Raum sperren – es würde uns nicht langweilig werden. Mit ihr war es jeden morgen leichter, aus dem Bett zu kommen. Die guten Sachen fühlten sich doppelt so gut an, die ätzenden weniger ätzend. Selbst Schlangestehen im Supermarkt machte plötzlich Spaß. Der Kopf hatte still zu halten. Kopf vs. Herz, Runde zwei Als Lisa wegzog, wurde er aber immer lauter. Man verdrängt das Gesamtbild leicht, wenn man alles in Nahaufnahme betrachtet. Im Sommer ging das noch. Glückliche Tage reihten sich aneinander und ich wollte nicht wahrhaben, dass es irgendwann zu Ende sein würde. Als der Alltag einkrachte, wussten wir nicht so recht, wie wir damit umgehen sollten. Das hört sich aus der Außenperspektive sehr banal an. Hätte mir damals jemand die gleiche Geschichte erzählt, hätte ich gesagt: Willkommen im Leben. Aber wenn du mittendrin bist in diesem magischem Etwas, glaubst du immer, die Ausnahme zu sein. In der ersten Hälfte der Beziehung waren Lisa und ich zur Verliebtheit verdammt, in der zweiten dazu, dass alles an diesem Ausnahmezustand gemessen wurde. Jede Unaufmerksamkeit, jeder nicht entgegengenommene Anruf schien doppelt so schrecklich, als er eigentlich war. Ich wurde immer distanzierter, Lisa gab sich immer weniger Mühe. Eine unaufhaltsame Abwärtsspirale, unterbrochen von Wochenenden, in denen sie da war. Im Kopf setzte ich so oft zu diesem einen finalen Gespräch an. Aber dann gab es wieder Tage, an denen wir stundenlang durch die Herbstblätter raschelten. Oder Lisa mitten in der Nacht mit einem Zehn-Kilo-Beutel Zwiebeln in der Hand vor meiner Haustür stand, weil sie eine Wette verloren hatte, die ich längst vergessen hatte. In solchen Momenten zog sich das Herz vor Zärtlichkeit zusammen und der Kopf stellte alles so um, dass plötzlich auch das Gesamtbild stimmte und alles möglich war. Lisa - nicht Lisa - Lisa Lisanichtlisalisanichtlisa, am Ende hat mich diese Dauerschleife verrückt gemacht. Ich war ganz fertig davon, mir zu überlegen, was ich eigentlich will. Dann habe ich dem Herz einen Maulkopf verpasst, biss die Zähne zusammen und zog den Schlussstrich. Danach litt ich wie ein Hund. Ich hatte eigentlich gehofft, wenigstens den Kopf frei zu haben. Aber stattdessen quälte mich das ewige "hätte, wäre, könnte". Hätten wir eine echte Chance gehabt? Ich weiß nicht. Wir haben unsere Gefühle ja nie erwachsen werden lassen.

Text: wlada-kolosowa - Illustration: katharina-bitzl

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