Schluss gemacht: Wladislaw und Olga

Unsere Autorin hat ihre Eltern gefragt, warum sie vor 18 Jahren auseinander gingen. Sie kommen beide aus Russland und waren fünf Jahre lang verheiratet. In der neuen Folge der Schlussmach-Kolumne erzählen beide vom Ende ihrer Liebe.
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Illustration: Julia Schubert

Wladislaw, 45, erzählt: Als du passiert bist war ich 22, deine Mutter 18 Jahre alt. Sie hatte gerade mit dem Ingenieur-Studium angefangen, mir fehlten noch anderthalb Jahre bis zum Abschluss. Viele Frauen wollten damals am Bergbauinstitut studieren, es hieß: Da heiratet man leicht. Deine Mutter hatte das kein bisschen nötig. Sie war so schön, sie hätte sich auch an der pädagogischen Fakultät immatrikulieren können. Du bist ein Kind der Brücken. Unser Studentenwohnheim stand auf der Wassiljewski-Insel in der Newadelta. Zwischen zwei Uhr nachts und fünf Uhr wird dieser Stadtteil zu einer echten Insel. Die Brücken zum Festland werden geöffnet, damit größere Schiffe darunter passieren können. Dass unsere Partys deshalb nie vor Tagesanbruch endeten, machte uns nicht viel aus. Wer aber vor dem Weggehen trödelte, saß fest. So wie deine Mutter und ich an diesem Abend. Die Hochzeit zweier Kommilitonen wurde gefeiert, das Wohnheim war wie ausgestorben. Es gingen Gerüchte rum, dass die Eltern des Paares eine vierstöckige Eistorte bestellt hatten. Meine Zimmernachbarn waren schon früher losgezogen, deine Mutter und ich blieben noch ein Weilchen um ungestört zu knutschen. Als wir los wollten, waren die Brücken natürlich längst hochgezogen. Die Eistorte haben wir verpasst – dafür hatten wir zum ersten Mal seit den drei Monaten, in denen wir zusammen waren, ein Zimmer nur für uns – bis die Brücken wieder geschlossen wurden. Buletten, Wodka und eine Hochzeit Als klar war, dass deine Mutter dich bekommen wird, stand außer Frage, dass wir heiraten. Nichts großes, nur Standesamt und danach Bouletten und Wodka bei uns im Studentenwohnheim. Wir waren absolut pleite. Meine Eltern waren so sauer, dass sie mir den Geldhahn zudrehten. Bei der Hochzeit war deine Mutter schon im siebten Monat und musste das cremefarbende Kleid ihrer dicken Kommillitonin tragen. Es sah aus wie ein Nachthemd. Wir waren sehr glücklich. Ein Jahr lang schob dich das gesamte Institut abwechselnd im Kinderwägelchen im Universitätspark herum. Vor unserem – jetzt gemeinsamen - Wohnheimzimmer hing soger eine Liste, in der sich Freunde vorher eintragen mussten: so hoch war die Nachfrage. Dann habe ich meinen Diplom verteidigt, bekam sofort ein Jobangebot in meiner Heimatstadt im Norden. Deine Mutter nahm dort eine Teilzeitstelle an und setzte ihr Studium als Fernstudium fort. Ich dachte, jetzt haben wir es geschafft. Ich dachte, das Schlimmste haben wir überstanden: Windeln in der Gemeinschaftsküche bei 90 Grad kochen, Äpfel pürieren, während rundherum gebechert wurde, deine ersten Zähne während meinen mündlichen Prüfung, ein exotisches Ekzem in der Woche vor der Abgabe der Diplomarbeit. Danach wurde alles ein bisschen einfacher. Wir mieteten unsere Wohnung, du kamst in den Kindergarten. Meine Eltern halfen aus. Wir hatten auf einmal Geld für Urlaub am schwarzen Meer, mussten uns nicht mehr in Kinos einschleichen und Romane aus dem Lesesaal schmuggeln. Ich fand das Familienleben gar nicht so übel. Ich dachte, wir waren zufrieden. Und dann kamen sie einfach nicht mehr zurück Einmal im Semester fuhr deine Mutter nach St. Petersburg um Prüfungen abzulegen. Im Sommer 1992, du warst da fünf Jahre alt, nahm sie dich mit. Ihr kamt nicht mehr zurück. Deine Mutter rief mich von ihren Eltern aus an: Ich könne dich so oft sehen, wie ich wolle, nach Hause würdet ihr aber nicht mehr kommen. Sobald ich frei bekommen konnte, bin ich deiner Mutter hinterher. Ich habe alles versucht, um sie zurückzuholen – überzeugte, flehte, drohte sogar. Zwecklos. Nicht mal ihre Klamotten hat sie abgeholt. Vier Jahre später haben wir uns offiziell scheiden lassen. Du bist unzufrieden mit meiner Geschichte? Findest, ich habe zu viel von Anfang und zu wenig vom Ende erzählt? Worauf ich hinaus wollte: Du kannst nicht ein Leben mit jemandem verbringen, nur weil ihr einmal zusammen die Brücken verpasst habt. Und was deinen Vorwurf angeht, in meiner Geschichte ginge es viel mehr um Windeln und Apfelpüree, als darum wie deine Mutter und ich uns fühlten... Vielleicht war genau das unser Problem. Nach der Trennung war ich sehr böse auf deine Mutter. Ich habe jahrelang nur das allernötigste mit ihr geredet, bin höchstens Mal zum Kaffee geblieben, als ich dich abgeholt habe. Inzwischen bin ich ihr sehr dankbar, dass sie damals den Mut gefunden hat zu gehen. Wir haben beide jemanden gefunden, mit den wir glücklicher sind, als damals miteinander. Aber nicht dass du es falsch verstehst: Den Brücken damals bin ich aber sehr dankbar. Auf der nächsten Seite erzählt Olga vom Ende.


Olga, 41, erzählt: Lass mich raten, dein Vater hat dir zum millionsten Mal von den Brücken erzählt. So ist er, ein Geschichtenerzähler. Alle Konflikte und Hässlichkeiten werden glattgeredet, Realität wird zu Märchen, in denen auch alles Schlechte einen höheren Sinn hat. Du bist jetzt 23 Jahre alt. Stell dir vor, du wachst jeden Tag auf und denkst: Dein Leben steht still, es wird sich keinen Zentimeter mehr bewegen. Du bist angekommen, für immer. Als ich damals davon lief, war ich so alt wie du jetzt. Ich hatte seit fünf Jahren einen Mann, seit drei Jahren den selben Job und ein Leben, in dem das Heute eine Kopie von Gestern war und gleichzeitig eine Vorlage für Morgen. Jeder Tag eine Wiederholung Das Original ist vielleicht noch ganz erträglich gewesen, aber mit jedem Tag wurden die Abzüge blasser. Wir arbeiteten, holten dich dann von den Großeltern, lasen vor dem Schlafengehen, spätestens um Elf wurde das Licht ausgemacht. Am Wochenende trafen wir uns entweder mit Paar A oder Paar B oder gingen ins Kino. Ein Leben auf Autopilot. Jeden Sommer fuhren wir für zwei Wochen nach Sotschi, ins immer gleiche Hotel, zum immer gleichen Strand. Danach ging es zurück nach Nikel – einer Siedlung um einen Großkonzern herum, der Edelmetall aus dem Boden holte. Sonst gab’s da nichts. Äußerster Nordwesten Russlands, nicht einmal 20.000 Einwohner, Jahredurchschnittstemperatur 0 Grad mit bis zu –40 im Winter. Meine Prüfungen in St. Petersburg waren der einzige Schluck Sauerstoff in meinem Leben. Als wir nach dem Studium von St. Petersburg wegzogen, hatte dein Vater versprochen: In spätestens zwei Jahren sind wir zurück. In Nikel bleiben wir nur, bis wir auf eigenen Beinen stehen. Wir wollten etwas Geld zusammen sparen. Wer bereit war, so weit abseits zu arbeiten, wurde gut bezahlt. Die Eltern deines Vaters sind auf diese Art und Weise in Nikel hängen geblieben. Sie haben uns eine Wohnung neben ihrer gesucht. Unsere Heirat haben sie mir nie so richtig verziehen, wollten uns aber trotzdem unter die Arme greifen. Diese Aufgabe nahmen sie sehr Ernst. Deine Oma hat sogar ihren Job gekündigt, damit es jemanden gab, der deine Erziehung übernimmt. Dass ich als Mutter die nahestehendste Kandidatin dafür wäre, kam nicht in Frage. Ich war ja der Teenager, der ihrem Sohn ein Kind angehängt hat. Mir wurde nicht einmal zugetraut, ein Spiegelei zu braten. Das stimmte ja auch – ich konnte kein Spiegelei braten. Aber ich wollte es selbst lernen. Ich wollte selbstständig sein. Fünf Jahre Warteschleife Ich wollte immer die Welt sehen. Nun saß ich fest - in Nikel, in Unmündigkeit und in ständiger Überwachung. Langsam fing ich selbst an zu glauben, dass ich das Leben deines Vaters vermiest habe. Erinnerte ich ihn an sein Versprechen, nach St. Petersburg zurückzukehren, speiste er mich mit Versprechungen ab. Wir sollten noch ein paar Jahre Berufserfahrung sammeln. Die Mieten seien gerade zu teuer, du noch zu klein. Aber nach fünf Jahren Warteschleife wurde mir klar: Du wirst immer zu klein sein, die Großstadt immer zu teuer. Das einzige, das sich ändern wird, ist der Stapel Bücher neben dem Sofa deines Vaters. Ganz am Anfang habe ich mich in seine Verträumtheit und Belesenheit verliebt. Jetzt sah ich den Traumtänzer als Feigling, der sich hinter Büchern vor der Realität versteckte. "Byt" hat die Liebe getötet In Russland sagt man: „Byt“ hat die Liebe getötet.“ Byt lässt sich nicht so gut übersetzen, es stammt vom Wort „Sein“ ab und kann „Haushalt“ heißen, oder „Realität“, oder „Banalität des Daseins“. „Byt“ hat die Liebe zu deinem Vater gefressen, nur die zu dir ist übrig geblieben. Ich war sauer auf seine Trägheit. Mir wurde klar, dass wir nie aus Nikel rauskommen würden. Und das Schlimme daran war: Ich fand es nicht einmal mehr so schlimm. Kannst du die Geschichte mit dem Frosch im Kochtopf? Schmeißt man einen Frosch ins heiße Wasser, hüpft er raus. Erhöht man die Temperatur aber ganz langsam, bemerkt der Frosch nicht die Gefahr. Er entspannt sich so lange im warmen Wasser, bis er bei lebendigem Leibe kocht. So war das. Ich fing an, mich in meinem Elend einzurichten. Ich dachte – das ist mein Schicksal, meine Strafe sozusagen, für die eine Nacht im ersten Semester. Als wir 1992 nach meinen Prüfungen am Flughafen in St. Petersburg standen, wurde mir aber klar: Meine Ergebenheit ist nicht großmütig, sie ist auch egoistisch. Nur die, die auf niemanden aufpassen müssen, können es sich leisten, Märtyrer zu spielen. Was kannst du dafür? Und was sollst du dort – in dieser gottverlassenen Stadt, bei –40 Grad, mit einem Traumtänzer als Vater und einer Mutter, die längst aufgegeben hat? Der Flieger hob ohne uns ab.

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